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Vorwort zur Neuauflage

Die Neuauflage des Kommentarbandes zu Rousseaus politischem Hauptwerk Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts erscheint pünktlich zur Wiederkehr des 300. Geburtstags seines Verfassers. Suchten Leser und Interpreten zu Rousseaus 200. Geburtstag nach der Einheit des Rousseauschen Oeuvres, so führt die Vergewisserung seines Erbes heute zu seinen Widersprüchen und Ambivalenzen. Dies kann durchaus als interpretatorischer Fortschritt gewertet werden. Wer sich heutzutage an die Lektüre des schmalen Werkes zum Gesellschaftsvertrag wagt, dem kann die fehlende Einheit des Entwurfes nicht verborgen bleiben. Wie Vertragstheorie und Republikanismus, VolksSouveränität und legislateur, Gemeinwillen und Zivilreligion zusammenpassen, bleibt bis heute kontrovers.

Die in diesem Band versammelten Aufsätze geben diesem Tatbestand auf ihre Weise Ausdruck. Der "Vielschichtigkeit des Werkes Rechnung tragen" - so lautete der gemeinsame Tenor der 1999 erschienenen Erstauflage. Die Aufsatzsammlung erscheint nun - von lästigen Flüchtigkeitsfehlern befreit - in unveränderter Form und mit Ergänzung neuer Literatur. Zugegebenermaßen bleibt auch bei der Neuauflage ein wichtiges Thema des Gesellschaftsvertrages ausgespart: Das Schweigen Rousseaus über die Frau in der Republik. Neuere Interpretationen (vor allem Kuster 2005) haben indes gezeigt, dass die Geschlechterdifferenz die geheime Matrix der Politischen Philosophie Rousseaus erhält und ein neues Licht auf Rousseaus Konstitution von Privatheit und Öffentlichkeit wirft. In diesem Sinne ließe sich auch der berühmte Eingangssatz des Gesellschaftsvertrages "L'homme est libre" in seiner profunden Ambivalenz neu lesen.

Die Herausgeber danken Sabine Hausner, Philipp Heil und Georg Jürgens für die tatkräftige Unterstützung bei der Neuauflage und Magdalena Scherl, M.A. für die kritische Revision der Bibliografie.

Reinhard Brandt und Karlfriedrich Herb, Marburg und Regensburg im April 2012.