# Schuld und Frauenfeindlichkeit
In den vier Evangelien des Neuen Testaments geht es Jesus vor allem um die Sozialethik, wie man sie nennen könnte – um die Frage, wie Einzelne und Gesellschaft einander gerecht und liebevoll gegenübertreten können. Über Geschlechter oder Sexualmoral sagt er sehr wenig. Die christliche Kirche wurde während ihrer Geschichte ausschließlich von Männern geleitet, und manche Konfessionen lassen Frauen bis heute nicht als Geistliche zu. Außerdem wird ihre radikale soziale Botschaft häufig durch konservative Einstellungen zu Empfängnisverhütung, Abtreibung, Sexualität vor der Ehe und Homosexualität überschattet.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele traditionelle abendländische Einstellungen zur Sexualmoral und zu der Rolle von Männern und Frauen in der Gesellschaft durch das Christentum geprägt. Während aber unsere zunehmend säkulare Gesellschaft toleranter geworden ist, halten die Kirchen an ihren althergebrachten Lehren fest, die häufig als sexualfeindlich und als vorurteilsbeladen gegenüber Frauen gelten.
Nach Ansicht der Kritiker ist Religion für Männer eine Methode des Machterhalts. Viele ehrlich Gläubige entwickeln wegen der immer breiter werdenden Kluft zwischen den Idealvorstellungen ihrer Religion von Sexualität und Geschlechterrollen auf der einen Seite und der Realität ihres Alltagslebens auf der anderen Seite Ängste und Schuldgefühle; dies zeigt sich beispielsweise in den Romanen von Autoren wie Graham Greene, Edna O’Brien, Antonia White und David Lodge.
4\. Jahrhundert v. u. Z. Platon betrachtet Leib und Seele als getrennte Gebilde 5. Jahrhundert u. Z. Augustinus warnt vor den Gefahren der Sexualität
‚Meine wichtigsten Probleme mit der Kirche drehen sich um ihre
> Einstellung zur Sexualität. Man könnte also durchaus behaupten,
> dass die Kirche eine Alternative zum Sexualleben ist.
Antonia White, 1899-1980
13\. Jahrhundert u. Z. Thomas von Aquin schreibt über das Naturgesetz 19. Jahrhundert erste Frauen als Geistliche
nigten Staaten und Neuseeland gibt es seit 1989 Bischöfinnen, aber manche Teile dieser Konfession verweigern noch heute, ebenso wie die katholische Kirche, den Frauen das Priesteramt. Dafür werden dreierlei Argumente angeführt: Jesus habe nur männliche Apostel gewählt; der Geistliche stehe anstelle Jesu am Altar und müsse deshalb wie er ein Mann sein; und die Tradition der Kirche schließe Frauen als Priester aus, auch wenn dies nicht ausdrücklich in den Evangelien steht. Die katholische Kirche besteht auch auf dem Zölibat für die Priester (in seltenen Fällen wurden allerdings Ausnahmen zugelassen). In der Frühzeit der Kirche war dies nicht üblich; bis zum Konzil von Trient gab es verheiratete Geistliche. Die Regel wurde erlassen, weil man glaubte, die zölibatär lebenden Mönche in den Klöstern seien für die Gläubigen ein besseres Vorbild als ein Gemeindepriester mit Ehefrau und Kindern. In der katholischen Hierarchie glaubte man, Angehörige würden einen Geistlichen von seinem Amt ablenken; in anderen Kirchen stellte man allerdings fest, dass sich die Rollen als Vater und Pater durchaus miteinander vereinbaren lassen.
‚Ich erkläre, dass die Kirche keinerlei Autorität besitzt,
> die Priesterweihe an Frauen zu erteilen, und dass dieses Urteil
> von allen Gläubigen der Kirche eindeutig mitgetragen
> werden muss.
Papst Johannes Paul I‘I., 1994
Gefahren der Sexualität Das Christentum war nicht die erste Religion, die sexuelles Vergnügen für gefährlich hielt. Der griechische Philosoph Platon (424– 348 v. u. Z.) lehrte, der menschliche Körper sei böse, weil er den Geist vom Streben nach der Wahrheit ablenke. Sexualität war für ihn ausschließlich eine körperliche Funktion. Sein Schüler Aristoteles (384–322 v. u. Z.) teilte diese Ansicht; Frauen waren in seinen Augen minderwertig und lenkten die Männer von geistigen Beschäftigungen ab. Aristoteles und Platon trugen entscheidend zu der pessimistischen Einstellung bei, die die meisten christlichen Aussagen zur Sexualmoral bestimmt. Insbesondere Augustinus und Thomas von Aquin nutzten im fünften beziehungsweise 13. Jahrhundert die Schriften dieser Philosophen als Grundlage für ihre eigenen einflussreichen Beiträge zu dem Thema. Noch heute lehren die meisten christlichen Kirchen, dass Homosexualität eine Sünde ist – obwohl Jesus sie in den Evangelien nicht erwähnt. Ebenso halten sie an seiner ausdrücklichen Verurteilung der Ehescheidung fest – eine der wenigen Stellen, an denen sich Jesus zu einem Thema der Sexualmoral äußert –, und die meisten plädieren auch für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe. Die katholische Kirche wendet sich gegen die so genannte „künstliche Empfängnisverhütung“ – die Pille, Kondome, Intrauterinpessare –, weil diese nach ihrer Überzeugung die „Übertragung menschlichen Lebens“ behinderten, die der wichtigste Zweck der Sexualität sei. Die unauflösliche Verbindung zwischen Sexualität und der Schaffung neuen Lebens ist auch der Grund, warum die katholische Kirche gegenüber der Homosexualität so feindselig eingestellt ist.
Worum es geht es Frauen und Sex gefährlich