# Das Herz des Islam
Der Ausdruck „Herz des Islam“ verweist auf die mystische Tradition des Sufismus. Als der Islam sich im neunten und 10. Jahrhundert immer weiter ausbreitete, erreichte er zunehmend auch die Juristen: Diese fassten die Weisheiten des Koran, des Hadith und der Sunna in den Gesetzen der Scharia zusammen, einem System, das der Gesellschaft eine Struktur geben sollte. Die Gegenreaktion auf diese trocken-juristische Denkweise war der Sufismus, der die Liebe höher einstuft als das Recht. Mit seinen oftmals hemmungslosen Zeremonien, die auch Lieder und Tänze umfassen, ist er in den Augen vieler orthodoxer Muslime verdächtig, er bleibt aber bis heute eine wichtige Kraft innerhalb der islamischen Tradition.
Die Wurzeln des Sufismus reichen ins achte Jahrhundert zurück, als Größe, Macht und weltliche Orientierung des islamischen Reiches zunahmen. Manche Muslime fühlten sich vom Luxus und vom Reichtum der Herrscherelite, die sich mit der Expansion herausgebildet hatte, abgestoßen. Diese Abweichler, die Sufis, hatten die Befürchtung, ihr Glaube könne als „Staatsreligion“ nach außen verlagert werden, und dabei könne Allahs Botschaft an den Propheten und jeden einzelnen Muslim in Vergessenheit geraten. Die Sufis setzten sich für eine einfache Lebensweise ein, bei der alle Muslime gleichberechtigt sein sollten und Unterschiede nicht vom Gesetz verboten, sondern toleriert werden sollten. Die Anhänger der asketischen sufistischen Lebensweise erkannte man an ihrer groben Wollkleidung; nach Ansicht mancher Fachleute stammt sogar der Name von suf, dem arabischen Wort für Wolle.
8\. Jahrhundert Entstehung des Sufismus 922 Hinrichtung von Husain ibn Mansur
‚Askese bedeutet nicht,
> dass du nichts besitzen
> sollst, sondern dass
> nichts dich besitzen
> soll.
Ali ibn‘ Abi-Talib,
ca. 11. Jahrhundert
1105 Erscheinen der Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften 13. bis 16. Jahrhundert Blütezeit des Sufismus
> ‚Du gehörst zur Welt der Dimension,
> aber du kommst aus der Welt der Nicht-Dimension.
> Schließe den ersten Laden und eröffne den zweiten.
Mevlana von Konya, 1207–1273 ‘
Sufis versammeln sich an Zawiya, Orten der Gelehrsamkeit und Konzentration, wo sie beten und meditieren. Dazu gehören rhythmisches Atmen, Fasten, Nachtwachen und Gesänge, die das Bewusstsein für Gott stärken sollen. Solche Rituale und Praktiken zogen schon bald die Kritik anderer Muslime auf sich. Musik, Dichtung und Tänze zur spirituellen Erbauung oder sogar zum Erreichen eines tranceähnlichen Zustandes zu verwenden, galt als unislamisch. Berichte über Wunder und Magie wurden angegriffen. Als der Sufi-Meister Husain ibn Mansur im Jahr 922 erklärte, ein guter Muslim könne die Haddsch auch im Geiste vollziehen und mit seinem Körper zuhause bleiben, wurde er wegen Gotteslästerung hingerichtet. Aber obwohl die Sufi so viel Misstrauen provozierten, gehörten sie immer zur Hauptrichtung des Islam; ihre Denkweisen und Erkenntnisse werden auch heute noch geschätzt.