# Atheismus
Traditionell versteht man unter Atheismus einfach die Ablehnung jeder Religion, aber einhergehend mit dem Vormarsch säkularer, naturwissenschaftlicher Philosophien insbesondere in der abendländischen Gesellschaft wird er heute manchmal als eigenständige Religion angesehen, mit gottesfreien Ritualen bei Geburt, Eheschließung und Tod. Rund 2,3 Prozent der Weltbevölkerung bezeichnen sich selbst als Atheisten.
Schon so lange es Menschen gibt, die eine Gottheit anbeten, lehnen andere diese Vorstellung ab. Dennoch kann man die schnelle Ausbreitung des Atheismus bis zu ihrem jetzigen Höhepunkt auf das 19. Jahrhundert und Philosophen wie Friedrich Nietzsche (1844–1900) zurückführen. Sie verkündeten unzweideutig: „Gott ist tot“. Diese Bemerkung machte Nietzsche erstmals in seinem 1882 erschienenen Band Die fröhliche Wissenschaft, bekannt wurde sie aber durch sein vierteiliges philosophisches Prosawerk Also sprach Zarathustra (1883–1885). Das Wort „Atheismus“ kommt aus dem Griechischen; seine beiden Teile bedeuten: a – „ohne“ und theismus – der „Glaube an Götter“. Je nach Definition kann man also Atheist und gleichzeitig religiös sein. Buddhisten beispielsweise lehnen jede Vorstellung von einem persönlichen Gott ab, und viele Juden haben keinen religiösen Glauben. Der berühmte Schriftsteller Graham Greene (1904–1991) bezeichnete sich selbst gern als Katholiken, der nicht an Gott glaubt.
Weg mit der Götterwelt Bei der Suche nach den Anfängen des Atheismus gelangt man meist zu den griechischen und römischen Philosophen: Sie lehnten die gesellschaftliche Bindung an Götter zwar nicht völlig ab, vertraten aber leidenschaftlich die Ansicht, diese Götterwelt sei für den Zustand und das Wohlergehen der Menschheit völlig bedeutungslos. Insbesondere drei Philosophen werden häufig als Begründer des Atheismus genannt: Epikur, Diagoras und Lucretius.
6\. Jahrhundert v. u. Z. Carvaka-Atheisten 5. Jahrhundert v. u. Z. Diagoras, „Vater des Atheismus“
Epikur (341–270 v. u. Z.) lebte in Athen und lehrte, das Universum sei zwar unendlich und ewig, Gut und Böse in der Welt solle man aber
‚Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur,
> das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser
> Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.
Karl Marx, 1843 ‘
Im Islam gilt Atheismus als Ablehnung Allahs und damit als Hinwendung zu einer anderen Religion. Der Koran betrachtet dies mit Missfallen: „Ja, diejenigen, die glauben, dann den Glauben verweigern, dann glauben, dann den Glauben verweigern, dann an Glaubensverweigerung zunehmen, es ist bestimmt nicht an Allah, dass Er ihnen verzeiht und nicht, dass Er sie einen Weg rechtleitet.“ An anderer Stelle heißt es aber auch: „Kein Zwang in der Religion“. Die Hadithe sagen es unverblümter: „Tötet jeden, der seine Religion wechselt.“ Dem Islam abzuschwören (um eine andere Religion anzunehmen oder Atheist zu werden), gilt in zahlreichen muslimischen Ländern, darunter Saudi-Arabien, Afghanistan, Iran und Jemen, nach wie vor als Abtrünnigkeit und wird mit dem Tode bestraft.
Der historische Jesus Im späten 18. und gesamten 19. Jahrhundert wurde der Atheismus in Europa, angeregt durch die Aufklärung und den Fortschritt der Naturwissenschaften, zu einer eigenständigen Bewegung in unserer Zeit. Zu den ersten Gelehrten, die in der Bibel keine Heilige Schrift mehr sahen, sondern eine historische Quelle, gehörte der deutsche Theologe D. F. Strauss. Er löste 1835 im christlichen Europa mit seiner Biografie eines streng „historischen Jesus“, dessen göttliche Natur er leugnete, einen Skandal aus. Die Wunderberichte in den Evangelien, so seine Behauptung, ließen sich mit natürlichen Phänomenen erklären.
‚Ich werde kein Wesen gut nennen, welches nicht das ist,
> was ich meine, wenn ich dieses Attribut meinen Mitgeschöpfen
> beilege, und wenn ein solches Wesen mich zur Höllenstrafe
> verurteilen kann, weil ich es nicht so nenne,
> dann fahre ich eben zur Hölle.
John Stuart Mill, 1872 ‘
Den dauerhaftesten Einfluss hatte jedoch Nietzsche. Seine Behauptung „Gott ist tot“ ging seiner Beschreibung einer Zeit des „Nihilismus“ voraus, in der es die Begriffe von Wahrheit nicht mehr gebe, Gesetzessysteme auf Grundlage der jüdischchristlichen Ideale, welche die europäische Gesellschaft prägten, zusammenbrechen würden, und nichts noch irgendeine Bedeutung habe. Während Nietzsche sein philosophisches Gerüst des Atheismus aufbaute, arbeitete Darwin fleißig an einer Widerlegung der Behauptung, man könne Gott oder Götter erkennen, weil sie die Natur erschaffen hätten oder sogar ein Teil davon seien. „Darwin ermöglichte es dem Atheisten, auch intellektuell zufrieden zu sein“, schrieb Richard Dawkins. Darwins Evolutionstheorie ließ keinen Platz mehr für einen Schöpfergott. Sie zeigte, wie genetische Variation und Selektion im Laufe vieler Jahrtausende zu immer neuen Lebensformen führen, während andere aussterben. Zur gleichen Zeit steuerte Sigmund Freud (1856–1939) eine psychologische Sichtweise bei, die den Atheismus unterstützte. Er bezeichnete die Religion als Massenwahn, der die Realität neu gestalte und so ein sicheres Gefühl des Glücks und des Schutzes vor Leiden erzeuge. Auf der Grundlage einer derart umfassenden wissenschaftlichen Untermauerung konnte Karl Marx eine religionsfeindliche politische Philosophie entwickeln und behaupten, Religion diene dazu, die Menschen am unteren Ende der wirtschaftlichen und sozialen Leiter von den echten Problemen abzulenken, die sie bedrückten.
Worum geht es Atheismus ist eine Glaubensrichtung