# Menschenversuche

# Experimente der Nazis werden fortgesetzt

**Ziel der Experimente ist es, den menschlichen Verstand zu manipulieren und den Opfern Geheimnisse zu entlocken. Danach soll ihr Gedächtnis gelöscht werden, damit sie sich an das Geschehene nicht erinnern. Viele der Versuchsopfer sterben dabei oder begehen Selbsttötung. Mit ihren Drogenexperimenten setzt die CIA skrupellos jene Experimente der Nazis fort, von denen sie bei der Befreiung des KZ-Dachau erfahren hat.**

2012 3sat.de - [Operation Artischocke: Die Menschenversuche der CIA](https://web.archive.org/web/20180403032336/http://www.weisse-folter.info/content/recherchearbeit/5aaff35e.html?nglayout=plain)

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#### Projekt MKultra: Gedankenkontrolle

**1953 hat die CIA ihr Programm MKultra gestartet, um zu erforschen, wie man das Bewusstsein kontrollieren kann. Das Programm umfasste Tausende von Menschenversuchen …**

**Um jeden Preis, unter Missachtung aller Gesetze und moralischen Prinzipien machte sich die CIA daran, selbst in den Besitz solcher Mittel und Methoden zu gelangen – und startete dazu 1953 das streng geheime Programm MKultra.**

2017 DeutschlandfunkKultur.de - [Ahnungslos im LSD-Rausch: Die Menschenversuche der CIA](https://web.archive.org/web/20180403032336/http://www.weisse-folter.info/content/recherchearbeit/die-menschenversuche-der-cia.html?nglayout=plain)

#### „Unorthodox, unethisch, illegal“

**Die Geheimprojekte der CIA zur Verhaltenskontrolle mit Drogen und Elektroschocks erforschte der amerikanische Geheimdienst CIA ein Vierteljahrhundert lang Verhaltenskontrolle an ahnungslosen Opfern. Er ließ Universitäten und Institute, aber auch Gefangene und Prostituierte für sich arbeiten - nicht nur im eigenen Land: Jetzt verklagen neun Kanadier die CIA.**

1984 Spiegel.de - [„Unorthodox, unethisch, illegal“](https://web.archive.org/web/20180403032336/http://www.weisse-folter.info/content/recherchearbeit/unorthodox_-unethisch_-illegal.html?nglayout=plain)

**Ein Menschenversuch, auch Humanexperiment, ist ein wissenschaftliches Experiment an einem oder mehreren Menschen.**

Bei der Zulassung neuer Medikamente spielen Menschenversuche in klinischen Studien eine wichtige Rolle. Dort stehen Tests an freiwilligen Menschen mit an letzter Stelle des Zulassungsprozesses, da Erkenntnisse von Tierversuchen nur begrenzt auf Menschen übertragbar sind. Medizinische Menschenversuche werden in unserer Gesellschaft an Freiwilligen durchgeführt.

#### Ärzte - Medizin ohne Grenzen

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**In der Geschichte finden sich zahlreiche Beispiele von Versuchen gegen den Willen von Menschen oder ohne deren Wissen bzw. nach bewusst unzureichender Information.** Ein Spezialfall ist der medizinische Selbstversuch, bei dem z. B. ein Mediziner die Wirkung und etwaige Gefährlichkeit einer neuen Substanz an sich selbst erprobt. In der vorindustriellen Zeit war dies eine wichtige Methode der Ärzte und Forscher, die Medizin weiterzuentwickeln.

# Menschenversuche in Deutschland Zweiter Weltkrieg - Drittes Reich

# Menschenversuche in Deutschland

## Menschenversuche im Dritten Reich

In unvorstellbar grausamen Experimenten töteten und quälten Ärzte im "Dritten Reich" unter dem Deckmantel der Forschung. Medizinische Institute leugneten ihre dunkle Vergangenheit - über viele Jahrzehnte.

Im Keller des Straßburger Instituts für Anatomie stehen große gekachelte Becken. Mit ihren Abdeckungen wirken sie wie riesige Gefriertruhen. Doch werden darin Leichen präpariert - heute wie vor 70 Jahren. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied.

Ab Oktober 1941 leitete der Anatom und Medizinprofessor August Hirt das Anatomische Institut der "Reichsuniversität Straßburg". Anders als heutige Mediziner wartete Hirt jedoch nicht auf das Eintreffen der Körper etwa durch Krankheit oder Unfälle Verstorbener - er gab die Toten direkt in Auftrag: Im nahe gelegenen KZ Natzweiler ließ Hirt jüdische Männer und Frauen vergasen, um an ihre Knochen zu kommen.

Seit Hirt 1944 aus dem befreiten Straßburg floh und die Überreste der 86 Ermordeten aus dem Präparierbecken geborgen und bestattet wurden, kursieren Gerüchte um das Institut. In den Vitrinen und Schränken der medizinischen Sammlung sollen noch immer Proben jüdischer Häftlinge stehen. Zwischen den Gläsern mit Gliedmaßen, Schädeln und fehlgebildeten Föten will ein früheres Institutsmitglied sie gesehen haben, vor 40 Jahren. Der französische Medizinjournalist und Arzt Michel Cymes ging den Gerüchten nach.

"Hippokrates in der Hölle" heißt sein Buch, das im März 2016 auf Deutsch erscheint. Cymes, der zwei Großväter in Auschwitz verloren hat, möchte begreifen, warum Menschen für Experimente buchstäblich über Leichen gingen. Waren die Täter vom Ehrgeiz zerfressen? Geisteskrank? Oder einfach dumme Befehlsempfänger? Cymes näherte sich dem Phänomen über die Lebenswege von acht NS-Ärzten. Er gibt ihre Verbrechen in allen grausamen Details wieder, in Auszügen aus Forschungsberichten, Prozessakten und Zeugenaussagen.

**"Der Arzt hatte kein Mitleid mit uns"**

Da war etwa Wilhelm Beiglböck, der einen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen glaubte. Er wollte die Überlebenschancen deutscher Flieger verbessern, die nach einem Abschuss im Meer trieben. Die meisten von ihnen verdursteten, ehe man sie fand. Für seine "Meerwasserexperimente" holte Beiglböck vierzig "Zigeuner" von Buchenwald nach Dachau. In mehreren Versuchsreihen zwang er sie, Meerwasser zu trinken, pur, geschmacklich verfälscht oder entsalzt.

Ein Luftwaffenarzt informierte die unfreiwilligen Versuchspersonen: "Wisst ihr überhaupt, was Durst ist? Ihr werdet wahnsinnig werden, ihr werdet denken, dass ihr in der Wüste seid, und werdet versuchen, den Sand von der Erde abzulecken." Die Ergebnisse dieser Experimente waren absehbar. Meerwasser entzieht dem Organismus Flüssigkeit. Nieren, Darm und Leber versagen angesichts der darin erhaltenen Salzmengen. Der Körper trocknet aus.

Innerhalb weniger Tage krümmten sich die Opfer vor Krämpfen. Sie flehten um Wasser. Höllenreiner, einer der Versuchsteilnehmer, sagte beim Nürnberger Ärzteprozess aus: "Wir waren verrückt vor Durst und Hunger, aber der Arzt hatte kein Mitleid mit uns, er war eiskalt." Beiglböck hingegen behauptete vor Gericht, die Probanden hätten sich freiwillig gemeldet. Außerdem habe er auf Befehl gehandelt. Das Gericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft. Seiner Karriere tat das Urteil keinen Abbruch: Nach der vorzeitigen Entlassung 1951 arbeitete er wieder als Arzt und leitete die Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus von Buxtehude.

**Morden im Akkord**

Andere Täter bemühten sich nicht einmal um einen solchen Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Im österreichischen KZ Mauthausen herrschte Lagerarzt Aribert Heim über Leben und Tod. Wo Krankheiten und Epidemien grassierten, wollte er für Ordnung sorgen. Das hieß für ihn, den Tod der Häftlinge zu beschleunigen. Innerhalb weniger Wochen erhielt Heim den Beinamen "Dr. Tod". Geschwindigkeit wurde ihm zur fixen Idee: Wenn er mit Benzin- oder Giftinjektionen ins Herz tötete, hielt er die Stoppuhr in der Hand.

Für seine sadistischen Anwandlungen ersann er auch eine Forschungsreihe: Wie lange überlebt ein Mensch ohne Leber, ohne Nieren, ohne Herz? Der "Schlächter von Mauthausen" holte sich schwache und kranke Häftlinge und entfernte ohne Betäubung lebenswichtige Organe. Auf seinem Operationstisch starben von Oktober bis November 1941 mindestens 240 Menschen. Seine Häftlingsassistenten bezeugten später die grausamen Eingriffe - aber "Dr. Tod" entkam nach dem Krieg ins Ausland.

**Nicht böse - sondern brutal**

Im Frauen-KZ Ravensbrück verabreichte Lagerärztin Herta Oberheuser Kranken und Missliebigen tödliche Injektionen. Vor Gericht erklärte sie, sie hätte den Todgeweihten nur das Ende erleichtern wollen. Ihr ehemaliger Vorgesetzter, Karl Gebhardt, für den sie selektiert, anästhesiert und gequält hatte, bekräftigte: Oberheuser habe sich stets edelmütig und mit viel Güte um die Kranken gekümmert.

Krank wurden diese allerdings nur, weil man ihnen die Beine zertrümmert und die Wunden mit Staphylokokken und Streptokokken infiziert hatte. Für Oberheuser ein großer Karriereschritt. Nirgendwo sonst konnte man im Deutschen Reich als Frau in der Chirurgie arbeiten. Für ihre Opfer waren die Eingriffe eine unendliche Tortur. Morphium gab es nicht, nur Schmerzen. Kaum waren die Wunden vernarbt, operierte man sie wieder, ein zweites, drittes, sechstes Mal. Viele starben an Tetanus, Gasbrand, Sepsis und Blutverlust.

Hertha Oberheuser sei "nicht böse" gewesen, sagte eine der Überlebenden im Nürnberger Ärzteprozess aus, sondern brutal - und begierig, es ihren monströsen Vorgesetzten gleichzutun. Später arbeitete Oberheuser als Kinderärztin.

**Kein Schuldbewusstsein**

Vor Gericht beteuerten NS-Ärzte immer wieder ihre Unschuld, schoben die Verantwortung für ihre Verbrechen dem Regime zu. Uneigennützig sei ihre Forschung gewesen, nur dem Fortschritt verpflichtet.

Und in Straßburg? Da bestritt man bis zuletzt, Proben von Körperteilen und Organen zu besitzen, die August Hirt in den Vierzigerjahren für sein "Museum der verschwundenen jüdischen Rasse" angefertigt hatte. Doch Cymes hat einen Zeugen: Dr. Uzi Bonstein kam Ende der Sechzigerjahre ans Straßburger Institut für Anatomie. Ihm hatte man einen Schrank gezeigt, darin Gläser mit der Aufschrift "Jude". Bonstein und Cymes hatten keinen Zweifel, wann und von wem diese Etiketten beschriftet worden waren.

"Zu behaupten, Überreste jüdischer Opfer seien an der Universität oder im Institut erhalten geblieben oder könnten dort erhalten geblieben sein, wie dies Michel Cymes tut, ist schlichtweg falsch. Es ist seit 1945 falsch", sagte Universitätspräsident Alain Beretz 2015 kurz nach Erscheinen der französischen Originalfassung von "Hippokrates in der Hölle" auf einer Pressekonferenz. Sechs Monate später, am 9. Juli 2015, entdeckte der Arzt und Historiker Raphaël Toledano im Institut für Rechtsmedizin in Straßburg schließlich eben jene Glasbehälter, die es nie gab.

Sie enthielten Hautfragmente und den Magen- und Darminhalt eines Menschen. Die Etiketten ließen keinerlei Zweifel, worum es sich handelte. Es waren die Überreste von Menachem Taffel, einem der 86 Juden, die Hirt für sein Skelettmuseum töten ließ. Sie wurden im Rahmen einer Trauerfeier auf dem Friedhof von Cronenbourg beigesetzt.

Quelle: [Spiegel.de](https://web.archive.org/web/20171005020822/http://www.spiegel.de/einestages/ns-aerzte-experimente-an-kz-insassen-a-1080450.html)

# Menschenversuche in der Psychiatrie

Die "moderne" (Pharma-) Psychiatrie hat ihren Ursprung im Dritten Reich, das ohne die massive Unterstützung der IG-Farben, dem seinerzeit größten Chemie-Pharma-Konzern der Welt, nicht möglich gewesen wäre, wie es das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal feststellte. Pharmazie und Faschismus waren Produkte der westlichen Hochfinanz, weil Krieg und Krankheit die größten Profitquellen überhaupt sind. Allein auf das Konto der Psychiatrie im Dritten Reich gehen 220.000 Morde und 400.000 Zwangssterilisierungen, ganz zu schweigen von den unzähligen Menschenversuchen der IG-Farben in Auschwitz, was für einen Konzern wirtschaftlich durchaus "logisch" ist, wenn Häftlinge billiger sind als Laborratten. Durch die Finanzierung des Kaiser-Wilhelm-Instituts durch Rockefeller hat die westliche Hochfinanz die "Rassenhygiene" und die Euthanasie im Dritten Reich unterstützt.

Quelle: [Profit-over-life.org](https://web.archive.org/web/20171005020822/http://www.profit-over-life.org/international/deutsch/main.html)

# Menschenversuche an Konzentrationslager-Häftlingen

Gefragt, ob er medizinische Experimente an wehrlosen Konzentrationslager-Häftlingen für statthaft gehalten habe, antwortete 1946 einer der Angeklagten im Nürnberger Prozeß gegen die NS-Ärzte bündig: "Juristische Bedenken hatte ich keine, denn ich wußte, daß der Mann, der die Genehmigung zu diesen Versuchen von Staatsseite gegeben hatte, Himmler war."

Derart schlagfertiger Entschuldigungen ehemaliger NS-Ärzte dürften sich ausländische Wissenschaftler erinnert haben, die kürzlich darüber zu befinden hatten, ob der nächste Weltkongreß der Luftfahrt-Mediziner - der "World and European Congress of Aviation Medicine" - 1961 in der Bundesrepublik stattfinden soll.

Der Plan, in Deutschland zu tagen, wurde verworfen und Paris zum Konferenzort bestimmt. Ärzte aus dem westlichen Ausland befürchteten offenbar, diesseits des Rheins von eben dem Kollegen begrüßt zu werden, der sich 1946 unter Berufung auf Himmler zu rehabilitieren versuchte: von Professor Dr. Siegfried Ruff, Direktor des Instituts für Flugmedizin in Bad Godesberg, das der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. in Mülheim (Ruhr) untersteht.

Mit der Vergangenheit des 53jährigen Professors Ruff, der heute unangefochten dieselbe Position innehat wie im Dritten Reich - das von ihm geleitete Institut verlegte seinen Sitz lediglich von Berlin nach Bad Godesberg -, verbinden sich in der Tat nicht nur für KZ empfindliche Ausländer ungute Vorstellungen.

Der Heidelberger Professor Dr. Alexander Mitscherlich beispielsweise, der mit seinem Assistenten Fred Mielke in den Nachkriegsjahren unter den Titeln "Diktat der Menschenverachtung" und "Medizin ohne Menschlichkeit" Dokumentationen über die Verbrechen von NS-Ärzten herausgab und sich dabei unter anderem auch mit den seinerzeit vorzugsweise in Konzentrationslagern durchgeführten Menschenversuchen beschäftigte, informierte schon 1947 die deutsche Öffentlichkeit: "An der Gestaltung der Experimente war ... der Direktor des Instituts für Luftfahrt-Medizin (in Berlin) ... Dr. Siegfried Ruff, beteiligt."

Und der Darmstädter Professor Dr. Eugen Kogon konstatierte in seiner düsteren Betrachtung über den SS-Staat, den er als Gefangener kennengelernt hatte, daß Ruff gegenüber von gleichem Ehrgeiz beseelten Ärzten beiden als wissenschaftlich deklarierten Torturen "in einem erbitterten, mit vielen Quertreibereien geführten Wettbewerb" stand.

Bei allem Konkurrenzneid der Ärzte untereinander - über die wissenschaftliche Fleißarbeit in den Konzentrationslagern mußte dem Reichsführer SS, Himmler, direkt berichtet werden habe indes Übereinstimmung in folgendem Punkt geherrscht:

"Der tödliche Ausgang bei den Versuchspersonen war von vornherein ... bewußt in Rechnung gestellt" (Kogon). Die sogenannten Luftwaffen-Versuche, an denen Ruff beteiligt war, fanden im Konzentrationslager Dachau statt und umfaßten sowohl Unterdruck als auch Unterkühlungs-Experimente. Die konsequente Zielstrebigkeit der beteiligten Mediziner hatte zur Folge, daß nach dem Bericht eines Augenzeugen im Nürnberger Ärzteprozeß allein bei den Unterdruck-Tests 70 bis 80 Versuchspersonen abgebucht wurden.

Die Forschungsarbeit der Ärzte begann damit, daß in der Dachauer Lagerstraße neben dem Barackenblock 5 ein seltsames, kastenförmiges Gefährt aufgestellt wurde. Der "Himmelfahrtswagen", wie dieser Karren - es handelte sich um eine von der Luftwaffe zur Verfügung gestellte Unterdruck -Kammer - genannt wurde, verbreitete "bei allen Häftlingen wilden Schrecken", berichtete nach 1945 der ehemalige Konzentrationär Kogon.

Die Versuche waren nämlich durch die Entwicklung von Raketen-Jagdflugzeugen angeregt worden, die zu einer Gipfelhöhe von 18 000 Metern aufsteigen konnten, und sollten erweisen, ob ein zum Abspringen aus dieser Höhe gezwungener Flieger die Chance hat zu überleben: Für die Sturzflüge, die in der Unterdruck-Kammer von Versuchspersonen "nachempfunden" werden sollten, schienen den Medizinern angesichts der zu erwartenden Verschleißquote Konzentrationslager-Häftlinge besonders geeignet.

Die Grundlagenforschung für diese Versuche hatte der Chef des Münchner luftfahrtmedizinischen Instituts, der Professor Dr. Georg-August Weltz, betrieben: Er war zu der Erkenntnis gelangt, daß es "zwecks Klärung des Verhaltens des Fliegers ... in großen Höhen" notwendig sei, sogenannte Höhen-Umstellungsversuche vorzunehmen.

Der dem Weltz unterstellte Luftwaffen-Stabsarzt Dr. Rascher erbat vom Reichsführer SS, Himmler, zu dem er persönlichen Kontakt hatte, in einem Brief, in dem er sich gleichzeitig für die "herzlichen Glückwünsche und Blumen zur Geburt meines zweiten Sohnes" bedankt hatte, die Erlaubnis, solche Versuche mit KZ-Häftlingen durchführen zu dürfen, "da der Affe (Versuche dieser Art waren bisher vornehmlich mit Tieren üblich) vollständig andere Versuchsverhältnisse bietet".

Von der Aktivität in München erfuhr auch Professor Ruff in Berlin, der eigens für derartige Menschenversuche ein Programm "Zur Rettung aus großen Höhen" entwickelt hatte und an den zu erwartenden Forschungserfolgen auf diesem Gebiet teilhaben wollte.

Weltz und Ruff wurden, wiewohl Kontrahenten im Kampf um das Vorrecht, ohne Furcht vor Strafe mit Rechtlosen experimentieren zu dürfen, einig, egozentrische Bedenken zu überwinden und gemeinsam zu handeln: Für die praktische Durchführung stellte Weltz den Himmler-Intimus Dr. Rascher, Ruff hingegen einen Dr. Romberg ab. "Die Verantwortung", so stellte Mitscherlich in seiner Dokumentation hinterher fest, "übernahmen die beiden Institutsleiter" - eben Weltz und Ruff.

Der Programmatiker und Verantwortliche Ruff hat denn auch den Abschlußbericht über die Dachauer Experimente unterzeichnet, in dem es lakonisch hieß: "Sieden des Blutes tritt in 21 Kilometer Höhe noch nicht ein."

Über die Häftlinge, die in der Unterdruck-Kabine in den physischen Zustand eines Sturzes aus solcher -Höhe versetzt wurden und dabei starben, wurde kein Wort verloren. Lediglich einmal stellte Rascher in einem Sektionsbericht fest, daß bei der Öffnung der Leiche eines Opfers das Herz noch einmal "mit 60 Aktionen pro Minute zu schlagen begann".

Indes: Es gab auch Überlebende - insgesamt wurde mit etwa 200 Häftlingen experimentiert -, und Himmler stand nicht an, die davongekommenen Sturzflieger zu lebenslangem KZ zu begnadigen, falls es sich um solche Opfer handelte, deren Leben nach Meinung der SS-Oberen eigentlich verwirkt gewesen war, oder aber sie andernfalls zur

Straf-Division Dirlewanger abzukommandieren, wo ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte, das gerettete Leben sinnvoll dem Vaterland zu opfern.

Ein Nebenzweig der Dachauer Luftwaffen-Versuche, mit dem allerdings Höhenforscher Ruff wegen der andersgearteten wissenschaftlichen Aufgabenstellung persönlich nicht befaßt war

\- die Unterkühlungsexperimente -, war ebenso risiko- wie chancenreich: Versuchspersonen wurden bekleidet oder nackt in kaltes Wasser von 4 bis 9 Grad Celsius gelegt, bis sie erstarrten, andere wiederum wurden bei 25 Grad Winterkälte im Freien stündlich mit Wasser überschüttet.

Daß es jedoch selbst bei solch barbarischen Experimenten dennoch Überlebenschancen gab, verdankten die KZ-ler einem Einfall Himmlers: Der SS-Führer ordnete nämlich persönlich zusätzliche "Versuche zur Erwärmung unterkühlter Menschen durch animalische Wärme" an, die in der Form abzuwickeln waren, daß nackten Frauen

\- ebenfalls KZ-lerinnen - unter Kontrolle die Aufgabe zufiel, die steifen Opfer nach den Eiswasser-Prozeduren wieder zu beleben. Eine streng wissenschaftliche Graphik hielt dabei das Verhalten von vier besonders robusten Versuchspersonen fest, "welche zwischen 30 und 32 Grad den Beischlaf ausübten", der wiederum "verglichen werden kann mit der Erwärmung im heißen Bad".

Spezialist für diese Experimente war Ruff-Kollege Rascher, der dem "verehrten Reichsführer" einen zu diesem Thema in Dachau gedrehten Schmalfilm übersandte. Einen erläuternden Brief an Himmler schloß Rascher mit den Worten: "Herzliche Grüße, auch von meiner lieben Frau. Heil Hitler!"

Ruff, dem es versagt war, dem Reichsführer SS mit Aufklärungsfilmen zu dienen, schnitt indes letztlich doch besser ab als der Himmler-Günstling Rascher, der 1945 bei seinem Protektor in Ungnade fiel und exekutiert wurde.

Dem Experimentator Ruff wie den übrigen Beteiligten, die sich nach Kriegsende vor einem internationalen Tribunal verantworten mußten, war es ein leichtes, die alleinige Schuld an den Medizinverbrechen im Konzentrationslager Dachau dem toten Testgenossen Rascher anzulasten.

So wurde Ruft im Nürnberger Ärzteprozeß lediglich moralisch verurteilt, indem das Gericht die Human-Versuche summarisch als -verbrecherische Akte brandmarkte, im übrigen aber kam er mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen davon.

Einer Nachkriegs-Karriere stand nun nichts mehr im Wege, und die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. (Sitz Mülheim/Ruhr) gab sich die Ehre, dem Professor den in der NS-Zeit gedrückten Sessel wieder zur Verfügung zu stellen und ihm die Leitung der Godesberger Dependance zu übertragen.

Das Bundesverteidigungsministerium und die Deutsche Lufthansa taten ein übriges, um den Unterdruck-Professor - unter den üblichen demokratischen Beschränkungen freilich - mit Hochdruck gewohnte Forscherarbeiten wiederaufnehmen zu lassen.

Auch eine etwa deutlicher zutage tretende Antipathie ausländischer Mitglieder des Weltkongresses für Luftfahrtmedizin gegen den Dr. Ruff braucht diesen keineswegs um sein Prestige bangen zu lassen: Bisher lautgewordene Einwände gegen den Höhenflug-Arzt - der die KZ-Versuche für "nicht unmoralisch" hält - führten weder dazu, daß Bundesbehörden sich von ihm distanzierten, noch daß die Mülheimer Versuchsanstalt den Ruff in den Ruhestand beordert hätte.

Unterdruck-Mediziner Ruff

Das Herz des Opfers ...

... schlug beim Sezieren: Unterwasser-Mediziner Rascher (r.)

Quelle: [Spiegel.de](https://web.archive.org/web/20171005020822/http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43067077.html "Menschenversuche: Ruff unter Druck")

# Menschenversuche an Gefangenen in Auschwitz

Bakterienspritzen, Sterilisierungsversuche, Todesmärsche: 1943 kam Eva Golgevit in den berüchtigten Block 10 von Auschwitz - und in die Hand von grausamen SS-Ärzten. Sie überlebte, doch noch heute erinnert sie sich an den qualvollen Alltag im Lager.

Der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton bezeichnete den Block 10 als den "Inbegriff für Auschwitz schlechthin". Im Stammlager von Auschwitz hatte die SS im April 1943 das ehemalige Kasernengebäude zunächst für Sterilisationsversuche an jüdischen Frauen ausstatten lassen, verantwortlicher Mediziner war der Gynäkologe Prof. Dr. Carl Clauberg. Er verklebte ahnungslosen Frauen die Eileiter mit einer Einspritzung durch die Gebärmutter für immer.

Meist waren 400 Versuchspersonen gleichzeitig in zwei Schlafsälen untergebracht, innerhalb von knapp eineinhalb Jahren mehr als 800 Jüdinnen aus ganz Europa. Auch andere Ärzte missbrauchten Frauen aus diesem Block für ihre Experimente: Dr. Horst Schumann verbrannte mit Röntgenstrahlen die Sexualorgane ausgewählter Häftlinge, SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths ließ Häftlingsärzte für einen Test zur Früherkennung von Gebärmutterkrebs üben, und der Leiter des SS-Hygieneinstituts in Auschwitz, Dr. Bruno Weber, beauftragte Helfer, Jüdinnen Blut mit der falschen Blutgruppe zu übertragen oder ihnen große Mengen Blut für Wehrmachtslazarette abzunehmen.

Als Eva Golgevit, 31 Jahre alt, Jüdin aus Paris, am 2. August 1943 in Block 10 eingewiesen wurde, war die Versuchsstation bereits vier Monate in Betrieb. Die SS-Ärzte hatten die meisten ihrer Opfer direkt von der "Judenrampe" weg ausgewählt. Einmal waren es 100 Frauen aus Griechenland, dann 110 aus Belgien, 65 aus Deutschland, 75 aus Frankreich, 250 aus den Niederlanden, weitere Frauen aus Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Aus Golgevits Deportationszug, der vom französischen Durchgangslager Drancy losgefahren war, wurden 55 Frauen für Menschenversuche ausgewählt.

Aber von denen ahnte das da noch niemand. Als sie in das geheimnisvolle Gebäude gebracht wurde, kam es Eva Golgevit nach eigener Aussage zunächst so vor, als sei sie in ein Irrenhaus gekommen. "Aber es war schnell klar, dass es sich um etwas anderes handeln musste." Zumal ihnen Nummern auf die Haut tätowiert wurde. Mithäftlinge enthüllten den Neuankömmlingen nach anfänglichem Schweigen schließlich den grausamen Zweck von Block 10.

Sie habe die ersten Tage "in einem Zustand von Abgestumpftheit" verbracht, berichtet Eva Golgevit. "Später habe ich mich wieder gefasst und habe mit einigen anderen beschlossen, uns nicht unterkriegen zu lassen und Widerstand zu leisten."

Golgevit, geboren als Chava Rozencwajg in Lodz, war mit ihrer Familie 1931 nach Brüssel ausgewandert und 1934 weiter nach Paris gezogen. Dort hatte sie ihren Landsmann Charles Golgevit geheiratet, einen gelernten Stricker. 1937 hatten sie einen Sohn bekommen, Jean Golgevit, einen späteren Sänger und Schriftsteller. Charles Golgevit war im Sommer 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, Eva Golgevit hatte sich im Herbst 1940 einer jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. Nach einer Denunziation war sie am 2. Juli 1943 mit anderen Mitgliedern der Gruppe in Paris verhaftet und ins Lager Drancy gebracht worden. Ihren kleinen Sohn hatte sie zuvor noch in einem Heim verstecken können.

**Die letzten Worte und Umarmungen**

In Block 10 wurde Eva Golgevit zunächst von dem SS-Arzt Hans Münch für bakteriologische Versuche missbraucht. Sie erinnert sich an mehrfache Einspritzungen unter die Brusthaut: "Ich fühlte mich danach sehr schlecht, hatte Fieber, die Einspritzstellen wurden rot und bildeten eine Kruste, die sehr lange bis zur Abheilung dauerte." Den Sterilisierungsexperimenten Claubergs entging sie nur mit Glück. Ihr war bereits eine erste Spritze als Kontrastmittel verabreicht worden, um die Durchlässigkeit der Eileiter zu testen - dann wurde sie kurzfristig einem Arbeitskommando in Auschwitz-Birkenau zugeteilt.

Die Tage waren quälend lang in Block 10, wo jeweils bis zu 200 Versuchspersonen gleichzeitig von früh bis spät in den beiden 250 Quadratmeter großen Sälen verbringen mussten. Die Frauen, so berichten es Überlebende, waren erfüllt von einer abgründigen Langeweile, in der &#150; im Schatten der Kamine von Auschwitz &#150; kein anderes Ende abzusehen war als der Tod.

Die Gedanken kreisten um die Angehörigen, die letzten Worte und Umarmungen. In der Sorge um das Schicksal der zurückgelassenen Kinder begegneten die Frauen ihrer eigenen Kindheit und fühlten die Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit. Eva Golgevit erinnert sich an die Verse eines Liedtextes, den eine ihrer Gefährtinnen damals in Block 10 vortrug:

Si j&#146;étais toute petite

Je pourrais appeler Maman

Viens près de moi, viens bien vite

Berce-moi doucement

Si j&#146;étais toute petite

Je crierais de douleur

Maman!

Auf Deutsch:

Wäre ich ganz klein

dann riefe ich meine Mama

Komm ganz nah, komme schnell

Wiege mich sanft

Wäre ich ganz klein

Schrie ich vor Schmerz

Mama!

Erst wenn die SS-Aufseherinnen nach Sonnenuntergang das Gebäude verließen, waren die Frauen unter sich. Volkslieder verschiedener europäischer Länder erklangen plötzlich, aber auch Chansons, Lieder von Zarah Leander. Oder Rebecca Kasman, eine Schauspielerin vom Pariser Jiddischen Arbeitertheater, wagte sich an Kabaretteinlagen. "Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrem feinen Einfühlungsvermögen ergoss sie ihren Spott über die Nazi-Aufseherinnen des Blocks. Sie spielte Sketche, und man belustigte sich über alle diese Kröten", schreibt Golgevit in ihren Erinnerungen über solche abendlichen Auflockerungen

Bis zu ihrer Befreiung am 1. Mai 1945 erlebte Eva Golgevit auch die Todesmärsche, auf denen viele ihrer Leidensgefährtinnen ums Leben kamen. Sie selbst musste sich am 18. Januar 1945 auf den gefährlichen Weg begeben, erreichte zunächst das KZ Ravensbrück und von dort das KZ Malchow. Und überlebte auch diese Lager. Am 28. Mai 1945 traf sie in Paris ihren Mann wieder, der aus der Gefangenschaft heimgekehrt war. Auch der Sohn, der zuletzt in Brüssel bei Verwandten gestrandet war, fand wieder zur Familie. 1952 kam noch ein zweiter Sohn zur Welt, Elie.

Eva Golgevit ist 2012 ein Jahrhundert alt geworden und wurde dafür im Rathaus ihres Pariser Verwaltungsbezirks mit einem Empfang geehrt. Sie habe in ihrem Leben nie die Hoffnung verloren, beteuert sie. Aber eines werde ihr zu schaffen machen: "Es ist sehr schwer, 100 Jahre alt zu sein."

Quelle: [Spiegel.de](https://web.archive.org/web/20171005020822/http://www.spiegel.de/einestages/menschenversuche-in-auschwitz-ueberlebende-erzaehlt-a-947612.html "Menschenversuche in Auschwitz")

# Geheimdienste

## Psychopathen, Psychiater und Psychonauten

**Teil 1: "Besondere Verhörmethoden" im Kalten Krieg**

**Barack Obamas Plan, sich lieber dem Morgen als dem Gestern zu widmen, scheint nicht aufzugehen. Der US-Justizminister erwägt, einen Sonderermittler einzusetzen, der Foltervorwürfe gegen CIA-Leute überprüfen soll. Senatoren fordern eine Untersuchungskommission zu Bushs und Cheneys Geheimprogrammen im Anti-Terror-Kampf. Sollte wirklich entschlossen aufgeklärt werden, könnte sich herausstellen, dass das Gestern bereits das Morgen war.**

**Huren an die Front**

Nein, sagt der Zeuge John Gittinger, die roten Vorhänge habe er nie gesehen. Er könne sich auch nicht mehr genau erinnern. Das alles sei lange her, und er habe kaum Zeit zur Vorbereitung gehabt. Ja doch, bei den Tests sei LSD zum Einsatz gekommen, auch über Cannabis habe man diskutiert, aber direkte Informationen habe er so gut wie keine. Er sei nur ein kleiner Psychologe gewesen. Und überhaupt:

"Das ist jetzt der Teil, über den zu reden mir schwerfällt, und es tut mir leid, dass ich dazu gezwungen bin. In Verbindung mit der Arbeit, die wir machten, brauchten wir Informationen über sexuelle Gewohnheiten. Morgan Hall beschaffte mir Informantinnen, mit denen ich über die sexuellen Gewohnheiten sprechen konnte, für die ich mich interessierte. Während eines gewissen Zeitraums wurde das konspirative Haus, soweit es mich betraf, nur für diese besondere Art von Befragung genutzt."

Es ist das Jahr 1977. Der Auftritt John Gittingers vor dem für die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste zuständigen Unterausschuss des US-Senats sorgt für Heiterkeit. Senator Ted Kennedy zieht dem mit Erinnerungslücken kämpfenden Zeugen folgenden Sachverhalt aus der Nase: Von 1955 bis 1965 unterhielt die CIA in San Francisco ein von einem Agenten mit dem Decknamen "Morgan Hall" geleitetes Bordell, in dem den Freiern ohne deren Wissen LSD und andere bewusstseinsverändernde Substanzen verabreicht wurden. Das geschah im Rahmen eines Feldversuchs zur Erforschung und Erprobung "besonderer Verhörmethoden".

Viel gelacht wurde auch, als Gittingers Kollege David Rhodes von einem zweiten konspirativen Haus berichtete, das außerhalb von San Francisco lag und für Experimente genutzt wurde, bei denen man mehr Ruhe und Abgeschiedenheit brauchte. Die CIA hatte einen Chemiker der Stanford University mit einem großzügig dotierten Forschungsauftrag ausgestattet. Im Gegenzug lieferte dieser Herr regelmäßig Substanzen, mit denen die Feinde der freien Welt schikaniert und zermürbt werden sollten: Stinkbomben, Juck- und Niespulver, zu Durchfall führende Tropfen. Ausprobiert wurde das alles an den angelockten Freiern. Im Hof wurde mit einer Wurfmaschine experimentiert, die einen übel riechenden Gegenstand 30 Meter weit schleudern konnte.

Besonders stolz war man auf eine LSD-Sprühdose. Rhodes und ein weiterer CIA-Psychologe zogen eine Woche lang durch die Bars von San Francisco, um Männer zu einer Party einzuladen. Aber das Wetter war gegen sie. Am Tag der Party war es so warm, dass die Geheimagenten Türen und Fenster nicht lange genug geschlossen halten konnten. Deshalb hing zu wenig LSD in der Luft. Um das Experiment doch noch zum Erfolg zu führen, so Rhodes vor dem Ausschuss, habe sich Gittinger für einen Selbstversuch im Klo eingeschlossen. High sei er allerdings auch nicht geworden. Wenigstens bescherte Rhodes' Aussage der Washington Post eine schöne Schlagzeile: "The Gang That Couldn't Spray Straight".

In der Öffentlichkeit entstand so der Eindruck, als habe sich hier ein Haufen von Stümpern zusammengefunden, um auf Kosten des Steuerzahlers mit Scherzartikeln herumzuspielen. Dabei gab es eigentlich nichts zu lachen. Diese Experimente waren Teil von MKULTRA, dem geheimsten aller amerikanischen Geheimprojekte im Kalten Krieg. Eine unbekannte Zahl von Versuchspersonen trug bleibende Schäden davon, einige wurden vermutlich sogar umgebracht. Und wie so viele beginnt auch diese Geschichte im Dritten Reich.

**Nach eigenen Regeln**

1946 inszenierte Henry Hathaway mit behördlicher Unterstützung einen halbdokumentarischen Film über die Arbeit einer vier Jahre zuvor gegründeten (und 1945 wieder aufgelösten) Einrichtung, von der die meisten Zuschauer bis dahin gar nichts wussten: des Office of Strategic Services (OSS), der Vorläuferorganisation der Central Intelligence Agency (CIA). Der Titel, 13 Rue Madeleine, ist zugleich die Adresse des Gestapo-Hauptquartiers im besetzten Le Havre und suggeriert, dass der OSS nur ins Leben gerufen wurde, weil die anderen angefangen hatten. Das erfahren wir auch durch die Stimme eines Erzählers: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor und angesichts der vielen deutschen und japanischen Agenten im Land habe der Präsident erkannt, dass auch die USA einen Geheimdienst brauchten. Diese Begründung hörte man später immer wieder: Wir müssen unangenehme, mitunter verfassungswidrige Dinge tun, weil der Feind das auch so macht (oder es machen würde, wenn er könnte).

Die erste Viertelstunde des Films ist der Auswahl und Ausbildung der OSS-Rekruten gewidmet. Dabei schleicht sich gleich ein deutscher Agent mit ein. Vordergründig geht es im Rest des Films um deutsche Raketen und die Invasion in der Normandie. Aber im Grunde wird nur der Krieg der Agenten behandelt. Dabei bekommt man rasch das Gefühl, dass OSS und Gestapo sich selbst genug sind, den Rest der Welt eigentlich nicht brauchen (ein Eindruck, der sich auch bei vielen Aktivitäten der real existierenden Geheimdienste einstellt).

Am Ende unterziehen die Deutschen den US-Geheimagenten Bob Sharkey (James Cagney) einem - wie man heute sagen würde - "verschärften Verhör" (foltern tun nur die anderen, und später dann Jack Bauer). Sharkey wird geprügelt und ausgepeitscht. Diese mittelalterlich anmutenden Methoden stehen in scharfem Gegensatz zum Anfang, wo man erfährt, dass Sharkey ein "Gelehrter" ist und die Eliteuniversitäten aufgezählt werden, an denen die OSS-Rekruten studiert haben. Auch Sharkeys Gegenspieler von der Gestapo ist ein gebildeter Mensch. Man ahnt, dass solche Leute nicht auf die Methoden der Inquisition beschränkt sind. "Die Army und die Navy", schreiben Corey Ford und Alastair MacBain in Cloak and Dagger (1946), einer "geheimen Geschichte des OSS", "kämpften wie Gentlemen und Soldaten; die Mitglieder des OSS bekämpften den Feind mit seinen eigenen Waffen und nach seinen eigenen Regeln." Aber was heißt das jetzt?

**Kräutergarten im KZ**

1936 verkündete Reichsärzteführer Wagner die "Neue Deutsche Heilkunde". Die Schulmedizin, so Wagner, werde man zurückdrängen und lieber auf die Heilkraft der Kräuter vertrauen. Rudolf Höß zufolge war es der Wille der Partei, "das deutsche Volk von gesundheitsschädigenden fremden Gewürzen und künstlichen Medikamenten abzubringen und auf den Gebrauch natürlicher Heilkräuter \[...\] umzustellen". Als ehemaliger Blockführer in Dachau und als Lagerleiter von Auschwitz kannte er sich aus. Jedes KZ hatte seinen Kräutergarten. Im Dachauer Moos wurden in Sklavenarbeit 20 Hektar Moorland nutzbar gemacht. Die hier angebauten Gewürze deckten fast den gesamten Bedarf der Wehrmacht und der SS.

Die Häftlinge wurden nicht nur als kostenlose Arbeitskräfte missbraucht, sondern auch als menschliche Versuchskaninchen. Das war ein einträgliches Geschäft. Für etwa 700 Reichsmark konnten deutsche Pharmaunternehmen einen Menschen kaufen, an dem sie ihre Medikamente ausprobieren durften. Die Gesundheit der Probanden spielte dabei keine Rolle. Auch die SS und die Gestapo erteilten Forschungsaufträge an die KZ-Ärzte. Ihr Interesse galt der Suche nach einer bei Verhören einsetzbaren Wahrheitsdroge und nach einem Aufputschmittel für Soldaten und Rüstungsarbeiter. Bei schrecklichen Menschenversuchen, die nur in einem KZ möglich waren, wurde mit Meskalin, Barbituraten und Morphinderivaten experimentiert. In Auschwitz führte Dr. Bruno Weber Gehirnwäsche-Versuche an Widerstandskämpfern durch. In Buchenwald und Sachsenhausen wurden Studien betrieben, bei denen Probanden täglich bis zu 100 Tabletten der "Endsieg-Droge" Pervitin schlucken mussten (ein Amphetamin).

In Dachau forschte, Werner Pieper zufolge (Nazis on Speed), Dr. Kurt Plötner in leitender Funktion für Volk und Vaterland. 1944 stieg er vom SS-Internisten zum Abteilungsleiter des "Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung" auf. 1945 tauchte er unter, um einige Jahre als der unauffällige "Herr Schmidt" zu verbringen. 1954 wurde er, nun wieder als Dr. Plötner, von der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg zum außerordentlichen Professor ernannt, obwohl man dort seine Vorgeschichte kennen musste. Wir Deutsche haben also keinen Grund, uns über die Amerikaner zu mokieren, die kaum Berührungsängste kannten, wenn es darum ging, NS-Wissenschaftler zu Kalten Kriegern umzuschulen.

**Der Geheimdienst erfindet den Joint**

Das OSS nahm 1942 die Suche nach der Wahrheitsdroge auf. Unklar ist dabei, ob die Amerikaner von den Experimenten der Deutschen erfahren hatten oder selbst auf die Idee kamen. Während die KZ-Ärzte Meskalin bevorzugten, entschloss sich das OSS im Frühjahr 1943 zu einer Versuchsreihe mit Marihuana. Aus Sicherheitsgründen wurde das Unternehmen dem Manhattan Project angegliedert. Die Entwicklung der Atombombe war das geheimste und am besten abgeschirmte Projekt, das es damals gab. Weil die geheime Welt oft absurd ist, meldeten die Leiter des Manhattan Project zwölf ihrer Mitarbeiter als die ersten Freiwilligen. Die Probanden schluckten das Marihuana als flüssiges Konzentrat und übergaben sich. Kaum eine Wirkung zeigte das Inhalieren von Marihuana-Dämpfen. Dann erfand der Geheimdienst etwas, das man in der realen Welt längst kannte: den Joint.

Der erste Feldversuch begann am 27. Mai 1943 in New York. "Wild Bill" Donovan, der Chef des OSS, hatte sich von der Armee Captain George White ausgeliehen, von Beruf Agent des Federal Bureau of Narcotics, der Drogenpolizei. White, der den Decknamen "Morgan Hall" erhielt, kannte August Del Gracio, einen zur Bande von Lucky Luciano gehörenden Mafioso. Bei einem Treffen bot er ihm mit einem Marihuanaextrakt versetzte Zigaretten an. Del Gracio wurde gleich sehr redselig, wobei nicht klar ist, ob das die Wirkung der Zigaretten war oder ob der Gangster generell den Mund nicht halten konnte. Bei einem zweiten Treffen hatte White die Zigaretten mit so viel Marihuana versetzt, dass Del Gracio ohnmächtig wurde. Der Versuch galt trotzdem als Erfolg. Hier wird schon ein Muster deutlich: der US-Geheimdienst wählte am liebsten Versuchspersonen aus, von denen nicht zu befürchten war, dass sie die Sache öffentlich machen würden, falls sie herausfinden sollten, was mit ihnen geschehen war; Leute, bei denen man immer sagen konnte, dass sie es schon irgendwie verdient hätten, falls etwas schiefgehen sollte.

White und ein weiterer Agent fuhren nun nach Atlanta, Memphis und New Orleans, wo sie in Armeekasernen ihre Zigaretten an einem guten Dutzend Soldaten ausprobierten, die verdächtigt wurden, Kommunisten zu sein. Weil White gern Arbeit und Vergnügen verband, machten sie unterwegs einige Selbstversuche. Viele dieser Operationen aus den Anfangsjahren von OSS und CIA erinnern an einen aus dem Ruder gelaufenen Kindergeburtstag, oder an die Streiche pubertierender Jugendlicher. Der zweite Agent hat John Marks (Autor von The Search for the "Manchurian Candidate) erzählt, dass er und White nach einem der Verhöre in New Orleans bekifft auf ihren Hotelbetten lagen, von wo aus White mit einer 22er Automatik seine Initialen in den Stuck an der Zimmerdecke schoss.

Auf den 16.000 Seiten aus OSS- und CIA-Beständen, deren Freigabe John Marks in den 1970ern erstritt, sind alle Namen und auch sonst noch größere Passagen geschwärzt. Vieles von dem, was mit "Agent Hall" zu tun hat, lässt sich rekonstruieren, weil George White von der ganzen Heimlichtuerei nichts hielt. Whites Witwe schenkte seine privaten Papiere dem Foothills College in Los Altos (Kalifornien), wo man sie jetzt einsehen und viele Klarnamen lesen kann. Daraus zu schließen, dass irgendwann doch alles ans Licht kommt, wäre vermutlich naiv. 1973 wurden in den Archiven der CIA die wissenschaftlichen Aufzeichnungen über die jahrzehntelangen Experimente zur Bewusstseinskontrolle vernichtet. Dafür, dass die vielen Versuche zum Programmieren von Menschen letztlich erfolglos blieben, hat man nur das Wort diverser CIA-Bosse. Nachprüfen kann man es nicht.

**Gewinne und Verluste**

Nach Whites Vergnügungsreise durch die Südstaaten scheinen die Experimente eingestellt worden zu sein, weil man beim OSS nicht wirklich glaubte, dass ein Joint einen Verdächtigen dazu bringen würde, anderen seine Geheimnisse zu verraten. Aber was war mit Hypnose? Konnte ein Hypnotiseur andere Leute zu seinen willenlosen Werkzeugen machen, so wie Dr. Caligari den Somnambulen nachts losschickt, um Morde zu begehen und die Jungfrau Jane zu verschleppen? Stanley Lovell, Leiter der OSS-Abteilung für Forschung und Entwicklung, arbeitete folgenden Plan aus: Einem deutschen Kriegsgefangenen wird unter Hypnose der Hass auf die Nazis und außerdem der Gedanke einprogrammiert, Adolf Hitler umbringen zu müssen. Der programmierte Attentäter wird dann zurück nach Deutschland geschickt, wo er wie unter Zwang den Führer tötet.

Die meisten der von Lovell befragten Psychiater und Psychologen hielten das für unmöglich. Allerdings gab es da noch George Estabrooks, den Leiter des Psychologischen Instituts der Colgate University. Estabrooks war überzeugt vom militärischen Potential der Hypnose und meldete sich seit den frühen 1930ern immer wieder mit phantasievollen Vorschlägen bei der Army. Er ging gern in Hypnose-Shows und machte Versuche mit seinen Studenten. Der experimentelle Beweis, dass eine hypnotisierte Person auch ein Verbrechen begehen würde, war ihm jedoch zu riskant. Wenn die Regierung die Verantwortung übernehmen würde, so Estabrooks, wäre das dagegen kein Problem:

Alle ‚Unfälle', die vielleicht im Lauf der Experimente passieren werden, verbucht man einfach unter Gewinne und Verluste; das ist eine Lappalie verglichen mit der enormen Verschwendung von Menschenleben, die ein fester Bestandteil des Krieges ist.

Das OSS lehnte schließlich ab. Der enttäuschte Professor verlegte sich auf die Publizistik. Er sah es als seine Pflicht an, die Amerikaner vor den Gefahren einer Unterwanderung mittels Hypnose zu warnen. Sein bekanntestes Werk ist der gemeinsam mit Richard Lockridge verfasste Roman Death in the Mind (1945): Der Kapitän eines amerikanischen U-Boots schießt auf eines der eigenen Schiffe. Auch anderes Personal der Alliierten macht plötzlich Dinge, die man so nicht erwarten würde. Geheimagent Johnny Evans findet heraus, dass sie unter hypnotischer Kontrolle der Nazis stehen. Sogar die schöne Agentin, die er liebt, ist betroffen. Dann wird sie auch noch gefoltert. Johnny beschließt, die Nazis mit ihren eigenen Waffen zu schlagen ...

**Operation Paperclip**

Als am 9. Dezember 1946 in Nürnberg der Prozess gegen 20 KZ-Ärzte begann, saßen Agenten im Publikum, die hofften, mehr über die Experimente zu erfahren. Es kam aber nichts zur Sprache, was nicht bereits in den in Dachau und in anderen Lagern beschlagnahmten Akten dokumentiert war. Einer Theorie nach sollten die Agenten darauf achten, dass vor Gericht nichts über die als top secret eingestuften Experimente verraten wurde. Denn auch der Feind - das waren jetzt die Russen - hörte mit. Beim Nürnberger Ärzteprozess gab der 1. amerikanische Militärgerichtshof eine Erklärung über "zulässige medizinische Versuche" ab. Der "Nürnberger Ärztekodex" nennt 10 Punkte, die unbedingt befolgt werden müssen: die Versuchsperson muss zugestimmt haben, es darf kein vorhersehbarer Schaden drohen etc. Danach konnte sich eigentlich niemand mehr darauf herausreden, nicht gewusst zu haben, was erlaubt ist und was nicht.

Gleich nach dem Sieg über die Deutschen wurden führende NS-Wissenschaftler, die den Amerikanern ins Netz gegangen waren, nach Schloss Kranzberg bei Frankfurt gebracht und dort verhört. Im Sommer 1945 lief die Operation Paperclip an. Nach Angaben von Regierungsbehörden wurden in den nächsten Jahren einige hundert deutsche Forscher in die USA gebracht und zumeist sehr schnell eingebürgert; unabhängigen Schätzungen zufolge waren es mehr als 5000. Offiziell kamen für die Operation nur solche Wissenschaftler in Frage, die keine Kriegsverbrechen begangen hatten. Tatsächlich spielte aber lediglich die rein fachliche Qualifikation eine Rolle. Der bekannteste der "Paperclip Boys" war Wernher von Braun, der Vater des US-Raumfahrtprogramms (mehr dazu in The Paperclip Conspiracy von Tom Bower und in Mondsüchtig von Reiner Eisfeld).

In der paranoiden Welt des Kalten Kriegs war die entscheidende Frage, wer dabei behilflich sein konnte, einen Vorteil gegenüber der anderen Seite zu erringen. Der Rest war zweitrangig. So fanden sich bald nicht nur die Luftfahrtpioniere um von Braun in den USA wieder, die mit Sklavenarbeitern aus dem KZ Dora für Hitler die V- und die V2-Rakete gebaut hatten, sondern auch SS-Ärzte und andere Experten für chemische und biologische Kriegsführung. Einige von ihnen setzten in amerikanischen Laboratorien die Gehirnwäsche-Experimente fort, die sie im Dritten Reich begonnen hatten. Am besten traf es Dr. Friedrich Hoffmann, einer der führenden deutschen Giftgasexperten. Weil das Chemical Corps der US-Armee mehr über Tabun und Senfgas wissen wollte, machte er Versuche mit Hunden, Katzen, Mäusen und US-Soldaten, die sich "freiwillig" gemeldet hatten. Später reiste er im Auftrag der CIA quer durch die Welt, um an den exotischsten Orten nach in der Natur vorkommenden Hallizunogenen zu suchen. Der weniger weltgewandte Dr. Karl Tauböck war eher ein Mann für das Labor. Er hatte in einem früheren Leben im Auftrag der Gestapo mit halluzinogenen Extrakten der in den KZs angebauten Heilpflanzen geforscht und diese unter anderem an Wehrmachts-Offizieren getestet, die im Verdacht standen, ein Attentat auf Hitler zu planen.

**Hypnose für Anfänger**

Dr. Hoffmann, der Indiana Jones der Hallizunogene, hatte seine Reisetätigkeit einem Kollegen aus der Schweiz zu verdanken. Albert Hofmann stellte am 16. November 1938 in einem Labor des Pharmakonzerns Sandoz LSD her. Fast fünf Jahre später, am 16. April 1943, kam er versehentlich mit der Substanz in Berührung, die über die Haut oder über die Atemwege in seinen Blutkreislauf gelangte. Hofmann erlebte den ersten LSD-Trip der Geschichte (mehr dazu in seinem Buch LSD - Mein Sorgenkind). 1947 erschien in einer Schweizer Fachzeitschrift ein Aufsatz über die Wirkung der Droge. Die soeben gegründete CIA scheint das zunächst nicht mitbekommen zu haben. Dort war man sehr mit sich selbst beschäftigt.

Wie bei solchen Neugründungen üblich, stritten die Abteilungen um Geld, Personal und Zuständigkeiten. Wer keine wissenschaftliche Ausbildung hatte, beschäftigte sich sowieso lieber mit der Populärkultur. Estabrooks' Death in the Mind hatte sich gut verkauft und erlebte 1947 eine Neuauflage. Im November 1949 lief Otto Premingers Film Whirlpool an. Gene Tierney spielt darin die mit einem Psychiater verheiratete Kleptomanin Ann, die scheinbar Hilfe beim Hypnotiseur David Korvo (José Ferrer) findet. Tatsächlich bringt Korvo Ann unter seine Kontrolle, worauf sie in Trance in das Patientenarchiv ihres Mannes einbricht.

Der CIA-Mann Morse Allen war von den offenkundigen Möglichkeiten der Hypnose so begeistert, dass er alles las, was er zum Thema finden konnte. 1951 fuhr er nach New York, um bei einem bekannten Bühnen-Hypnotiseur einen 4-tägigen Einführungskurs zu besuchen. Der Magier war ein Angeber. Zurück in Washington, berichtete Allen seinen Vorgesetzten, dass sein Lehrmeister pro Woche durchschnittlich fünf Mal Sex mit durch Hypnose willig gemachten Frauen habe. Dann begann er - mit Genehmigung von oben - mit eigenen Experimenten. Nach Büroschluss hypnotisierte er junge Sekretärinnen und brachte sie dazu, geheime Akten zu stehlen und an Fremde weiterzugeben. Zumindest Allen war davon überzeugt, dass er dazu in der Lage war, den jungen Damen seinen Willen aufzuzwingen.

Aber den Anstoß, die schon länger geplanten Programme zur Verhaltens- und Bewusstseinskontrolle endlich konkret anzugehen, gab kein Roman und kein Film, sondern der im Februar 1949 stattfindende Schauprozess gegen József Kardinal Mindszenty. Der Primas von Ungarn wirkte wie ein Zombie und gestand mit glasigem Blick Verbrechen, die er nicht begangen hatte. Bei der CIA glaubte man, dass die Russen den Kardinal durch Drogen und Hypnose zu ihrem willenlosen Werkzeug gemacht hatten. Im Sommer 1949 reiste der Chef der Abteilung für Scientific Intelligence nach Europa. Um besser beurteilen zu können, was die Russen gemacht hatten, wendete er bei Flüchtlingen aus dem Osten und von dort zurückgekehrten Kriegsgefangenen "besondere Verhörmethoden" an (Drogen und Hypnose). Wieder daheim, empfahl er, ein Team nach Europa zu schicken. Zu weiteren Experimenten.

**Projekt BLUEBIRD**

Bei der CIA verfestigten sich allmählich die bürokratischen Strukturen, und der Chef der Sicherheitsabteilung, die Penetrationsversuche des Feindes abwehren sollte, schlug vor, alle Aktivitäten auf dem Gebiet der Hypnose und sonstiger Manipulationen des menschlichen Bewusstseins zusammenzufassen, am besten unter seiner Führung. Am 20. April 1950 genehmigte der Direktor das Projekt mit dem Codenamen BLUEBIRD und dessen verdeckte Finanzierung. BLUEBIRD war so geheim, dass sogar innerhalb der Agency möglichst wenig darüber bekannt werden sollte. Die Verantwortlichen behaupteten später, das Projekt sei rein defensiv ausgerichtet gewesen; man habe die Techniken der Kommunisten erkunden müssen, um das eigene Personal schützen zu können. Ganz wie in 13 Rue Madeleine, wo die angehenden Agenten lernen, wie man den Verhörtechniken der Gestapo möglichst lange widersteht. Die Realität ähnelte aber eher dem Spionageroman von Estabrooks. Da hält Johnny Evans ein flammendes Plädoyer dafür, es den Bösen (in diesem Fall den Nazis) heimzuzahlen und sie nun selbst zu hypnotisieren. Bei der CIA sah man das ganz genauso. Also machte man jetzt das, was man der Gegenseite vorhielt.

Wie vom Chef der Scientific Intelligence angeregt, wurden 3-köpfige Verhörteams gebildet: ein Psychiater; ein Lügendetektor-Experte mit Hypnose-Ausbildung; ein Techniker. Im Juli 1950, einen Monat nach Beginn des Koreakriegs, reiste ein solches Team in geheimer Mission nach Tokio. An zwei Probanden - vermutlich als Doppelagenten verdächtigte Personen - probierten sie mehrere Kombinationen von Sodiumamytal (Beruhigungsmittel) und Benzedrin (Stimulans) aus, an zwei weiteren Personen auch noch das Aufputschmittel Picrotoxin. Außerdem versuchten sie, bei den vier Probanden einen Gedächtnisverlust herbeizuführen.

Im September erschien in der Zeitung News (Miami) ein Artikel von Edward Hunter. Überschrift: "Gehirnwäsche-Taktik zwingt die Chinesen, Kommunisten zu werden". Es war die erste nachweisbare Verwendung des Begriffs "Gehirnwäsche" in gedruckter Form. Das Wort machte im Kalten Krieg schnell Karriere. Hunter war übrigens ein als Journalist getarnter CIA-Agent. Im Oktober war wieder ein Verhörteam auf Reisen. Diesmal wurden an 25 Versuchspersonen (offenbar nordkoreanische Kriegsgefangene) "weiterentwickelte" Verhörmethoden erprobt. Einzelheiten sind nicht dokumentiert. Bald danach stieg Morse Allen zum Chef von BLUEBIRD auf.

Allen gehörte zur Abteilung für Sicherheit und Gegenspionage. Die CIA hatte ihn im Gebrauch des Lügendetektors unterwiesen. Wissenschaftlich ausgebildet war er nicht. Allerdings würde er bald zur Fortbildung nach New York reisen, zum Hypnosekurs beim Bühnenmagier. Der erste Plan, den er in seiner neuen Funktion ausarbeitete, betraf die Anschaffung einer Maschine, mit der in einem Krankenhaus in Richmond experimentiert wurde. Am Kopf des Probanden wurden Elektroden angebracht, dann versetzte ihn die Maschine in einen hypnoseähnlichen Tiefschlaf. "Obwohl das Gerät nicht dafür geeignet ist, es bei unseren eigenen Leuten einzusetzen, weil zumindest theoretisch die Gefahr eines temporären Hirnschadens besteht", heißt es in einem von Allens Memos, "wäre es möglicherweise in bestimmten Bereichen von Wert, die mit dem Verhören von Kriegsgefangenen zu tun haben, oder auch bei der Anwendung bei Personen, die für die Agency von Interesse sind." Zum Stückpreis von 250 Dollar wäre die "Elektro-Schlafmaschine" ein echtes Schnäppchen gewesen. Weil sie aber eigentlich nicht funktionierte, oder jedenfalls nicht in der gewünschten Weise, verzichtete man auf das Geschäft.

**Blumenkohl im Hirn**

Lustig ist die Geschichte nur, wenn man die armen Patienten in diesem Krankenhaus in Richmond vergisst. Es geht auch noch gruseliger. Ende 1951 tauschte sich Allen mit einem Psychiater aus, der schon seit einiger Zeit als Berater für die CIA arbeitete und eine erfolgreiche Privatpraxis betrieb. Dieser Herr hatte seinen Patienten Elektroschocks verabreicht und bemerkt, dass danach ein vorübergehender Gedächtnisverlust auftrat; bei Abklingen der Benommenheit habe er neue Informationen aus seinen Patienten herausgeholt. Seine Elektroschock-Maschine der Marke Reiter, so der Doktor, sei überhaupt für vieles gut. Bei richtiger Einstellung der Stromstärke verursache sie furchtbare Schmerzen, was man dazu verwenden könne, Leute zum Sprechen zu bringen.

Allens Antwort ist für ihn typisch. Er wollte wissen, ob der Psychiater in der Phase der Benommenheit versucht habe, mittels Hypnose die Kontrolle über seine Patienten zu erlangen. Nein, antwortete der Doktor, aber er werde es demnächst ausprobieren. Außerdem berichtete er, dass man einen Menschen durch kontinuierliche Elektroschocks zum "Gemüse" machen könne; nach zwei Wochen sei das nicht mehr nachzuweisen. John Marks hat in den freigegebenen Akten ein Memo von Allen gefunden, in dem dieser darauf hinweist, dass man jetzt tragbare, batteriebetriebene Elektroschock-Geräte kaufen könne. Der Leiter von BLUEBIRD hatte aber doch Bedenken, oder wenigstens rechnete er damit, dass andere welche haben könnten:

"Die Einwände würden natürlich die Verwendung von Elektroschocks betreffen, wenn das Endresultat die Schaffung eines "Gemüses" wäre. Ich glaube, dass diese Techniken nur im äußersten Notfall in Betracht gezogen werden sollten; eine Neutralisierung durch Haft und/oder Entfernung aus dem Gebiet wäre viel angemessener und bestimmt auch sicherer."

Erhalten ist eine Empfehlung, dem Psychiater Forschungsgelder in Höhe von 100.000 Dollar zu bewilligen, "um Elektroschock- und hypnotische Techniken zu entwickeln". Die Forschungen eines privat praktizierenden Arztes zur Entwicklung von "neurochirurgischen Techniken" (wahrscheinlich Lobotomie) sollten ebenfalls mit 100.000 Dollar gefördert werden. In beiden Fällen lässt sich nicht mehr feststellen, ob die Gelder wirklich ausgezahlt wurden. Die Namen der Forscher sind unkenntlich gemacht.

Identifiziert ist dagegen Dr. Paul Hoch, Leiter des New York State Psychiatric Institute, von dem Sätze wie dieser überliefert sind: "Es ist möglich, dass eine bestimmte Schädigung des Gehirns von therapeutischem Wert ist." Hoch glaubte, seinen Patienten mit einer Kombinationstherapie aus Lobotomie und persönlichkeitsverändernden Drogen helfen zu können. Der CIA war er als Berater verbunden. Seiner Meinung nach konnte man mit LSD und Meskalin eine zeitlich begrenzte Modell-Psychose hervorrufen, anhand derer sich die Krankheit besser erforschen ließe. Für Geheimdienste war das interessant, weil sich daraus Möglichkeiten der Gehirnwäsche ergaben. Das musste näher untersucht werden. Das Geld dafür kam vom Chemical Corps der Army. Hoch stellte die Probanden zur Verfügung, deren Einwilligung erschien ihm verzichtbar.

Harold Blauer, früher Profi-Tennisspieler und inzwischen Tennislehrer, litt nach der Scheidung von seiner Frau an Depressionen. Im Dezember 1952 begann er in Hochs Institut eine psychotherapeutische Behandlung. In deren Verlauf spritzte ihm Dr. James Cattell insgesamt fünfmal Meskalin in wechselnden Dosen. Weder Blauer noch Cattell hatten eine Ahnung, worum es sich bei der Flüssigkeit handelte. "Wir wussten nicht", sagte Dr. Cattell später Ermittlern der Armee, "ob es Hundepisse war oder was sonst, was wir ihm da gaben." Das war Dr. Hochs Variante einer Doppelblindstudie. Schließlich arbeitete er nach streng wissenschaftlichen Methoden. Die am 8. Januar 1953 von 9.53 Uhr bis 9.55 Uhr verabreichte Dosis führte bei Blauer zu einem Kreislaufkollaps und zu Herzversagen. Dr. Cattell protokollierte alles genau mit: von Blauers "Protest gegen die Injektion" (9.53 Uhr) über die "komplette Versteifung des Körpers" (10.01 Uhr), den "Tremor der unteren Extremitäten" (10.09 Uhr), die "schnarchende Atmung" (10.10 Uhr) und das "vereinzelte Aufbäumen" (11.05 Uhr) bis zu Harold Blauers Tod um 12.15 Uhr.

**Fair Play**

Solche menschenverachtenden Experimente sind durch nichts zu entschuldigen. Man kann aber versuchen zu verstehen, wie es zu ihnen kam. Manch ein Psychiater glaubte wirklich, seinen Patienten helfen zu können, indem er ihnen Elektroschocks gab und ein Stück von ihrem Gehirn entfernte. Die Forschungsgelder kamen nicht direkt von der Armee oder der CIA, sondern von honorig wirkenden Stiftungen. Wer also nicht wissen wollte, mit wessen Geld er experimentierte und wofür, konnte es verdrängen, und einige hatten wohl wirklich keine Ahnung. Andererseits gab es bei Bedarf eine staatliche Institution, die die Verantwortung übernahm oder dies zumindest suggerierte. Und nicht zuletzt arbeiteten viele Agenten für die CIA, die im Krieg schreckliche Dinge gesehen hatten und genau zu wissen glaubten, wozu die Gegenseite (erst die Nazis, dann die Kommunisten) fähig war.

Den Geist, in dem die Menschenversuche stattfanden, fängt eine geheime Studie ein, die in den frühen 1930ern vom damaligen Präsidenten Herbert Hoover in Auftrag gegeben worden war und die erst in den 1950ern ihre volle Wirkung entfaltete. Die Studie kommt zu folgendem Ergebnis:

Es ist jetzt klar, dass wir es mit einem unerbittlichen Feind zu tun haben, dessen erklärtes Ziel die Weltherrschaft ist, egal mit welchen Mitteln und zu welchen Kosten. Bei einem solchen Spiel gibt es keine Regeln. Bisher akzeptable und schon lange bestehende amerikanische Vorstellungen von "fair play" müssen überdacht werden. Wir müssen wirkungsvolle Dienste für Spionage und Gegenspionage entwickeln und wir müssen lernen, unsere Feinde durch Methoden zu unterwandern, zu sabotieren und zu vernichten, die klüger, raffinierter und wirkungsvoller sind als die, die gegen uns eingesetzt werden.

Soweit es sich rekonstruieren lässt, scheint es 1952 eine Radikalisierung im geheimen Krieg gegen den Kommunismus gegeben zu haben. Das war das Jahr, in dem die chinesische Regierung eine Propagandaoffensive startete. Zu ihr gehörte die Veröffentlichung von aufgezeichneten Aussagen über Korea abgeschossener US-Piloten, die diverse Verbrechen "gestanden", darunter auch den Einsatz von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Bis zum Ende des Koreakriegs legten 70 Prozent der in China gefangen gehaltenen 7190 US-Soldaten entweder solche "Geständnisse" ab oder unterschrieben eine Petition, in der ein Ende des amerikanischen Engagements in Asien gefordert wurde. Noch beunruhigender war jedoch, dass viele der Soldaten nach ihrer Heimkehr an den Geständnissen festhielten, statt sie zurückzunehmen, sich sogar pro-kommunistisch äußerten. Nach Ansicht der Meinungsführer in den USA konnte das nur eines heißen: sie waren Opfer einer Gehirnwäsche geworden.

Die Armee und die Marine zeigten sich bei der späteren Aktenvernichtung viel zögerlicher als die CIA. Deshalb kann man heute noch eine Vorstellung davon gewinnen, wie es war, wenn aufrechte Amerikaner mit allen Mitteln gegen Kommunisten kämpften. Im August 1952 flogen einige Personen im Auftrag der Navy von Washington nach Frankfurt, wo sie sich mit Vertretern der CIA trafen, die für das supergeheime Projekt arbeiteten, das seit einem Jahr nicht mehr BLUEBIRD, sondern ARTISCHOCKE hieß. Bei den Streitkräften betrieb man seit 1947 ein ganz ähnliches, auf die Entwicklung einer Wahrheitsdroge abzielendes Projekt namens CHATTER. Seit 1951 wurde es von Commander Samuel Thompson geleitet, dem Chef der psychiatrischen Forschungsabteilung am Medical Research Institute der Navy.

Um ihm zu verdeutlichen, worum es ging, hatte der Nachrichtendienst der Marine Dr. Thompson bei seiner Bestellung als Chef von CHATTER folgende Frage gestellt, mit der sich so ähnlich auch Jack Bauer (24) einmal im Jahr konfrontiert sieht:

"Gesetzt den Fall, dass jemand in einer unserer Städte eine Atombombe versteckt hat und wir zwölf Stunden Zeit haben, von einer Person herauszufinden, wo sie ist. Was könnten wir tun, um die Person zum Reden zu bringen?"

**Operation CASTIGATE**

Thompson flog mit einem Mann nach Frankfurt, der behauptete, die Antwort zu kennen: Dr. G. Richard Wendt, Leiter des psychologischen Instituts der University of Rochester. Wendt testete seit einigen Jahren Drogen zur Bekämpfung von Seekrankheit und Müdigkeit bei Piloten. Ende 1950 hatte ihm die Marine 300.000 Dollar für ein Forschungsprojekt bewilligt, bei dem er herausfinden sollte, ob sich aus Barbituraten, Amphetaminen, Alkohol, Heroin und was ihm sonst noch unterkam die Wahrheitsdroge gewinnen ließ. Wendt hatte immer genug studentische Versuchskaninchen, denen er pro Stunde einen Dollar zahlte. Als verantwortungsbewusster Universitätslehrer nahm er nur Probanden über 21, und jede Substanz probierte er zuerst an sich selber aus. Über Heroin notierte er, dass es einen "gewissen, aber geringen Wert für Verhöre" habe, und das auch nur, wenn es "über einen langen Zeitraum" verabreicht werde. Bei seinen Selbstversuchen wurde dieser Zeitraum immer länger.

Im Sommer 1952 meldete Wendt der Marine, dass er die Wahrheitsdroge gefunden habe. Über die chemische Zusammensetzung wollte er nichts sagen. Aus Sicherheitsgründen. Wenn Wendt Pharmakologe gewesen wäre, hätte er gewusst, dass man seine Wunderdroge, eine Kombination aus einem Schlaf- und einem Aufputschmittel, als Dexamyl in der Apotheke kaufen konnte (als "Goofball" wurde es später eine beliebte Partydroge). Für einen Feldversuch unter operativen Bedingungen stellte Morse Allen, der Leiter von ARTISCHOCKE, die Probanden zur Verfügung: Russen, die unter Spionageverdacht in Camp King festgehalten wurden, dem Europa-Hauptquartier des Geheimdiensts der US-Armee in Oberursel. Ein erstes Treffen fand im Frankfurter Hauptquartier der CIA statt, das damals im ehemaligen Verwaltungsgebäude der IG Farben untergebracht war. Für die CIA, in deren Welt sich dauernd Fiktion und Wirklichkeit vermischen, war das die passende Unterkunft. Das Gebäude hatte der Architekt Hans Poelzig entworfen, von dem auch die Bauten in Der Golem, wie er in die Welt kam stammen und der in Edgar G. Ulmers Film The Black Cat in der Gestalt von Boris Karloff (als "Hjalmar Poelzig") okkultistische Menschenversuche in einem auf einem Schlachtfeld errichteten Bauhaus-Schloss veranstaltet.

Die Amerikaner hatten im Taunus einige abgelegene, früher von Nazibonzen und SS-Größen bewohnte Villen requiriert. Egmont R. Koch und Michael Wech haben bei ihren Recherchen zum ARD-Dokumentarfilm Deckname Artischocke und zum Buch gleichen Titels herausgefunden, dass die Operation CASTIGATE ("geißeln") höchstwahrscheinlich im "Haus Waldhof" bei Kronberg durchgeführt wurde. Wendt hatte seine Geliebte mitgebracht, die ihm assistierte. Er experimentierte am liebsten ohne Ärzte, weil solche Bedenkenträger nur die Freiheit der Forschung einschränkten. Thompson hielt das für unethisch. Also wurde ein Mediziner zugezogen. Nach Lage der Dinge müsste das Dr. Blome gewesen sein, der Lagerarzt von Camp King.

Prof. Dr. Kurt Blome, Verfasser des Buches Arzt im Kampf (1942), war früher stellvertretender Reichsärzteführer und Mitglied im Reichsforschungsrat gewesen. Er hatte die Menschenversuche in Dachau abgesegnet und dafür gesorgt, dass Dr. Sigmund Rascher mit einer Schrift über seine sadistischen, von der Luftwaffe in Auftrag gegebenen Experimente, bei denen etwa 100 KZ-Häftlinge ums Leben kamen, habilitieren konnte. Piloten waren für die Nazis besonders wertvoll. Es war wichtig zu wissen, wie lange so ein Pilot überleben konnte, wenn er abstürzte und ins Meer fiel. Deshalb mussten Kriegsgefangene im kalten Wasser treiben. Rascher notierte die Körpertemperatur und probierte aus, wie man die Erstarrten am besten wieder auftaute. Um herauszufinden, ob nackte Frauen bei den männlichen Probanden zu einer beschleunigten Erwärmung führten, wurden vier Zwangsprostituierte nach Dachau gebracht. Da die Versuche in ein Überlebenstraining für Piloten münden sollten, kann man nicht ganz ausschließen, dass auch mit dem Ertrinken experimentiert wurde. Wenn man heute liest, wie die CIA gegen den Terror kämpft, kann einem ganz schlecht werden.

**Itsy Bitsy Teeny-Weeny Yellow Polka Dot Bikini**

Wendt mischte dem ersten Probanden in wechselnden Dosierungen seine Wirkstoffe ins Essen und in die Getränke, und wenn er es für richtig hielt, gab er noch Tetrahydrokannabinol dazu. Das war der Marihuanaextrakt, mit dem schon George White für das OSS experimentiert hatte. Der Russe legte kein Geständnis ab. Trotzdem wollte der Professor später nicht von einem Misserfolg sprechen. Immerhin wisse er jetzt, dass diese hartgesottenen Spione von ganz anderem Kaliber als seine Studenten seien. Spätestens am Abend des ersten Tages mussten die anderen wissen, dass Wendt ein Scharlatan war. Doch die Versuche dauerten noch tagelang an, weil zwischendurch Zeit für die von Allen so geliebten Experimente mit der Narko-Hypnose blieb. Da die Russen schon mal da waren, wollte man die Gelegenheit nutzen. Einer von ihnen bekam Natrium-Pentothal verabreicht, wurde mit Benzedrin am Einschlafen gehindert und verwechselte einen Agenten mit seiner Frau Eva, der er die Namen angeblicher Kontaktleute verriet. Weil ARTISCHOCKE-Leiter Allen nach diesem Hypnose-Triumph wieder bester Dinge war, durfte Wendt seine Wunderdrogen in den folgenden Tagen an vier weiteren Menschen ausprobieren.

In Billy Wilders One, Two, Three versuchen die Russen, Horst Buchholz durch dauerndes Abspielen des Schlagers "Itsy Bitsy Teeny-Weeny Yellow Polka Dot Bikini" zu einem Geständnis zu zwingen. In "Haus Waldhof" gab es etwas Ähnliches. Wendt setzte sich an ein Klavier und spielte eine halbe Stunde lang die immer gleiche Melodie. Allerdings tat er das, um seine Landsleute zu quälen, von denen er enttäuscht war. Dann kippte er einer Versuchsperson alle mitgebrachten Substanzen auf einmal ins Bier. Die Opfer in dieser Farce hätten sterben können. Vielleicht wurde Schlimmeres nur dadurch verhindert, dass überraschend Frau Wendt in Frankfurt auftauchte. Als sie drohte, wegen der Affäre ihres Gatten von einem Kirchturm zu springen, brach Allen die Versuchsreihe ab.

Für CHATTER war es ein schwerer Schlag, dass der wichtigste Forschungsbeauftragte als Dilettant entlarvt worden war. 1953 wurde das Projekt eingestellt. Die Marine gab auch in Zukunft Geld für die Verhaltensforschung aus, und die Armee investierte große Summen in die Entwicklung von chemischen Substanzen, mit denen der Feind massenhaft kampfunfähig gemacht werden sollte. Aber die Führungsrolle auf dem Gebiet der Gehirnwäsche hatte von nun an die CIA inne.

**Mad Scientists, Agenten und Psychopathen**

Von dem Wendt-Fiasko darf man sich nicht täuschen lassen. In den 1950ern arbeiteten hunderte von Spitzenforschern für die geheimen Programme zur Verhaltens- und Bewusstseinskontrolle. Für zahlreiche Wissenschaftler waren ARTISCHOCKE und danach MKULTRA wie ein Gottesgeschenk. Sie wurden großzügig alimentiert, der Verwaltungsaufwand war gering, und meistens konnten sie - das sieht man an Professor Wendt - tun und lassen, was sie für richtig hielten, ohne sich dauernd bei irgendwelchen Bürokraten rechtfertigen zu müssen. Vieles, was uns jetzt als abstrus, menschenverachtend oder verrückt erscheint, galt damals als wegweisend. Die Leute, die diese Versuche anstellten, waren in der Regel keine Scharlatane, sondern hoch angesehene Experten, die Stars ihrer Zunft. Oft wusste die CIA schon über Dinge Bescheid, über die in der allgemein zugänglichen Fachliteratur erst 10 oder 15 Jahre später berichtet wurde. Und weil die Agency am liebsten mit Professoren der Elite-Universitäten zusammenarbeitete, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass deren Studenten, also die Führungskräfte von morgen, an irgendeinem Gehirnwäsche-Experiment teilnahmen.

Ob man es will oder nicht: die CIA gehörte zur Avantgarde der wissenschaftlichen und damit auch der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Rede ist hier nicht von den spektakulären Aktionen, für die der Geheimdienst in diversen Verschwörungstheorien verantwortlich gemacht wird. Es geht um das, was in einem geheimen Projekt ausgetüftelt wurde und heute unseren Alltag beeinflusst. Das begann bereits im Zweiten Weltkrieg. Bill Donovan, der Chef des OSS, heuerte Henry Murray als eine Art Personalchef seiner Behörde an. Murray war Autor des Standardwerks Explorations of Personality (1938), Psychologie-Professor in Harvard und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Persönlichkeitsbestimmung. Sein Auftrag: Entwicklung eines Testprogramms für potentielle OSS-Rekruten. Solche Persönlichkeitstests sieht man am Anfang von 13 Rue Madeleine, wo sie über Anstellung und späteres Einsatzgebiet entscheiden. Agent Sharkey findet anhand der Testbögen sogar heraus, welcher von den Rekruten der Nazi-Spion ist.

Murray und seinem Team blieb nicht viel Zeit. Nach 15 Tagen mussten sie bereits die ersten angehenden Geheimagenten auf ihre Eignung testen. Der Projektleiter war - je nach Sichtweise - ein Zyniker oder ein Realist. Zitat Murray:

"Das Spionieren zieht Verrückte an. Psychopathen, also Leute, die ihr Leben damit zubringen, Geschichten zu erfinden, können sich auf dem Gebiet so richtig austoben."

Also machte Murray es sich zur Aufgabe, die allzu Verrückten genauso auszusortieren wie diejenigen, die nicht überzeugend lügen konnten. Murrays Persönlichkeitstests wurden beim OSS zur festen Einrichtung. Ihnen wurden alle Agenten unterzogen, zuerst die Ausländer und dann die Amerikaner. Sie waren der erste systematisch durchgeführte Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu bestimmen, um sein zukünftiges Verhalten (und seine beruflichen Leistungen) vorhersagen zu können. Timothy Leary, LSD-Guru und selbst Entwickler eines Persönlichkeitstests (kurz: "der Leary"), schreibt dazu in Flashbacks, seiner Autobiographie:

Auf eine unausgesprochene, kaum sichtbare Weise veränderten die Wehrpsychologie zwischen 1941 und 1946 und vor allem die Personalauswahlmethoden des OSS und später der CIA unsere Vorstellungen über die Natur des Menschen. 13 Millionen junge Leute wurden getestet, dabei gefilmt und das Material ausgewertet. Die jungen Leute wurden auf komplizierte Fertigkeiten gedrillt, sie wurden in ihrem Verhalten verändert, reduziert und dann mit psychologischen Techniken wieder in ihr ursprüngliches Verhalten zurückversetzt. Die Folgen waren offensichtlich. In Zukunft würden Kriege, aber ebenso auch der Frieden durch unsere Kenntnisse über das menschliche Gehirn entschieden werden. In solchen Kenntnissen liegt in Zukunft der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Psychologie wurde die Wissenschaft von der Handhabbarkeit des Menschen.

Was damit gemeint ist, ahnt jeder Angestellte mit einem Arbeitgeber, der ihn schon einmal in den Genuss von "persönlichkeitsbildenden Maßnahmen" kommen ließ. Vom anderen Ende aus erfahren es die Arbeitslosen, die von der Arbeitsagentur an einen privaten Jobvermittler weitergereicht werden, der ein paar Psycho-Bücher gelesen hat, Arbeitslosigkeit als Persönlichkeitsstörung "behandelt" und sich an die Veränderung von unerwünschten Merkmalen macht, damit der Kunde besser in die Reihe passt. Angefangen hat das mit Bill Donovan und Henry Murray vom OSS - nur mit dem Unterschied, dass Murray eine fundierte psychologische Ausbildung hatte, der Arbeitsberater aber nicht.

**Humanökologie**

Noch ein Beispiel für avantgardistische Geheimdienstarbeit gefällig? Wie wäre es mit Harold Wolff, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der medizinischen Fakultät der Universität Cornell. Er pflegte einen interdisziplinären und - wie man heute sagen würde - ganzheitlichen Ansatz, was von vielen Kollegen noch belächelt wurde. Bei der CIA fand er offene Ohren. Wolffs Lieblingswort war "Ökologie", was in den frühen 1950ern auch nicht jedem etwas sagte. Ausgehend von dem, was er in seiner neurologischen Praxis erlebte, glaubte Wolff, dass ein Leiden wie die Migräne bei Menschen auftritt, die nicht in Harmonie mit ihrer Umgebung leben. Zur Wiederherstellung des verlorenen Gleichgewichts musste man mit Hilfe von Psychologie, Medizin, Soziologie und Anthropologie möglichst viel über einen Patienten und dessen Umwelt in Erfahrung bringen. Nur durch das Studium eines Menschen in Bezug zu seiner gesamten Umgebung konnte man dessen Denken und Handeln verstehen (und dann, was für die CIA besonders interessant war, dieses Denken und Handeln auch beeinflussen, im Idealfall sogar bestimmen). Das Ganze bezeichnete er als "Humanökologie".

In einem Brief an die CIA bemühte Wolff einen gewagten Vergleich: "Das Problem, mit dem sich der Arzt konfrontiert sieht, ist dem Problem ganz ähnlich, mit dem sich der kommunistische Verhörspezialist konfrontiert sieht." Beide, der Arzt und der Vernehmungsbeamte, Nur durch das Studium eines Menschen in Bezug zu seiner gesamten Umgebung konnte man dessen Denken und Handeln verstehen (und dann, was für die CIA besonders interessant war, dieses Denken und Handeln auch beeinflussen, im Idealfall sogar bestimmen). Das Ganze bezeichnete er als "Humanökologie". Wolff hatte keine Bedenken dagegen, sich die nötige humanökologische Forschung von der CIA finanzieren zu lassen, weil er davon überzeugt war, dass jede neue Befragungstechnik automatisch seinen Patienten zugute kommen würde. Die Universitätsleitung fand das scheinbar auch und billigte die Zusammenarbeit. 1954 gründete Wolff die "Gesellschaft zur Erforschung der Humanökologie". Daraus wurde eine Tarnorganisation, die CIA-Geld an Wissenschaftler verteilte. Der umtriebige, vielseitig vernetzte und umfangreich publizierende Wolff trug viel zur Popularisierung des Wortes bei, das er so mochte: "Ökologie".

Quelle: [Heise.de](https://web.archive.org/web/20180403032336/https://www.heise.de/tp/features/Psychopathen-Psychiater-und-Psychonauten-3382056.html)

# Zulassung

## Umstrittene Tests: US-Mediziner befürworten Menschenversuche mit Giften

**Eine amerikanische Gutachterkommission erlaubt unter gewissen Bedingungen, die Wirkung von Giften direkt an Menschen zu testen. Mit den Versuchen wollen Chemiekonzerne wie Bayer beweisen, dass Pestizide weniger gefährlich sind als bisher angenommen.**

Zweifel an der Brisanz des Themas gab es keine: "Menschenversuche mit Pestiziden, Schadstoffen aus der Luft und anderen Giften sind sehr umstritten", betonte James F. Childress, Ethik-Professor an der University of Virginia, bei der Vorstellung des Gutachtens. Dennoch sprach sich die von ihm geleitete Kommission der Wissenschaftlervereinigung National Acadamy für Giftversuche an Menschen aus, sofern gewisse Auflagen erfüllt sind.

Childress erklärte, die amerikanische Umweltbehörde EPA müsse entsprechende Versuche genauestens unter ethischen und wissenschaftliche Gesichtspunkten prüfen. Die EPA solle ein Gremium bilden, dass sämtliche Studien evaluiere, bei denen Menschen gezielt giftige Substanzen verabreicht würden.

Die Umweltbehörde hatte die National Acadamy damit beauftragt, ein Gutachten über Giftversuche an Menschen zu erstellen. Auslöser war ein Streit über zulässige Pestizid-Konzentrationen in Lebensmitteln. 1996 hatte der US-Kongress den "Food Quality and Protection Act" verabschiedet, der die Sicherheitsvorschriften für Pestizide verschärfte. Hersteller von Pflanzenschutzmitteln wie Bayer oder BASF beklagten daraufhin, die neuen Grenzwerte seien nicht wissenschaftlich fundiert.

Um ihr Anliegen zu untermauern, starteten einige Firmen klinische Tests mit Pestiziden und übermittelten die Ergebnisse der EPA. Insgesamt 19 nicht bestellte Studien sammeln sich mittlerweile auf den Schreibtischen der US-Umweltbehörde. Die bekannteste betrifft das Pestizid Azinphos Methyl und wurde im Auftrag der Bayer AG im Jahr 1998 in Schottland durchführt. Damals schluckten acht Männer Pestizid-Tabletten - als Entschädigung gab es rund 1000 Euro pro Teilnehmer.

**Tests mit Kindern besonders kritisch**

Die Gutachter der National Acadamy empfehlen Menschenversuche nur unter strengen Auflagen. So muss erwiesen sein, dass der potenzielle Nutzen für die Gesellschaft mögliche Risiken für die Teilnehmer überwiegt. Auch dürfen Test nur dann erlaubt werden, wenn sie durch Tierversuche nicht ersetzt werden können.

Tests mit Kindern beurteilen die Experten besonders kritisch. Gutachterin Ellen Wright Clayton von der Vanderbilt University sagte, dass es möglicherweise Fälle gebe, in denen Versuche mit Kindern sinnvoll seien, man habe jedoch nicht nach einer solchen Konstellation gesucht.

Der am Gutachten beteiligte Umweltforscher Micheal R. Tayler sagte, es sei eine gesellschaftliche Aufgaben, das Niveau der Forschung zu erhöhen, die der Festlegung gesetzlicher Grenzwerte diene. "Doch niemals darf damit gerechtfertigt werden, dass Testteilnehmer geschädigt werden." Die EPA müsse verhindern, dass bestimmte soziale Schichten ausgebeutet würden, die aus Geldnot an den Tests teilnähmen.

**"Äußerst bedenklich"**

Erik Olson vom Umweltverband NRDC (Natural Resources Defense Council) zeigte sich erschrocken über das grundsätzliche Ja zu Menschenversuchen: "Wir finden es äußerst bedenklich, dass giftige Chemikalien an Menschen getestet werden können und dass die Regierung die Ergebnisse solcher Studien benutzen wird, die die Industrie in der Vergangenheit durchgeführt hat."

Menschenversuche mit Giften gelten spätestens nach Bekanntwerden der brutalen Experimente deutscher Ärzte an KZ-Häftlingen als unethisch. Der 1947 in Folge der Kriegsverbrecherprozesse aufgestellte "Nürnberger Kodex" und die später beschlossene "Deklaration von Helsinki" formulieren allerdings nur allgemeine Regeln für medizinische Studien an Menschen. Ein verbindliches, weltweites Verbot derartiger Tests existiert nicht.

In der Clinton-Ära verpflichtete sich die EPA, keinerlei Gift-Studien an Menschen in ihre Entscheidungen zu Grenzwerten einfließen zu lassen. Doch das könnte sich nun bald ändern.

Besonders erbost sind die Umweltaktivisten der NRDC über den Bayer-Konzern: "Bayer-Wissenschaftler waren dabei, als Menschenversuche in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden", heißt es in einer Erklärung. Ironischerweise werde die EPA ihre Prinzipien auf Druck des deutschen Herstellers ändern, dessen Pestizid Azinphos Methyl aus Nervengasen stamme, die während der Naziherrschaft von der IG Farben entwickelt wurden. Der nach dem zweiten Weltkrieg zerschlagene IG-Farben-Konzern war in den zwanziger Jahren von der Bayer AG mitgegründet worden.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen Bayer-Gefahren hält Pestizid-Tests für zynisch: "Es sind stets materiell benachteiligte Menschen, die ihre Gesundheit bei solchen Tests aufs Spiel setzen." Die Umweltorganisation Friends of the Earth befürchtet eine Zunahme solcher Tests und fordert, die Gesundheit der bisher an Tests beteiligten Personen lebenslang zu überwachen. Richard Dixon, Forschungsleiter von Friends of the Earth: "Es ist nicht akzeptabel, dass ein Chemie-Gigant wie Bayer hochgefährliche Pestizide an Menschen ausprobiert. Schlimmer noch aber ist der Versuch des Konzerns, die internationale Ächtung solcher Tests auszuhebeln."

Richard Wiles von der amerikanischen Umweltinitiative "Environmental Working Group" forderte die US-Umweltbehörde auf, am Moratorium zu Tests an Menschen festzuhalten. "Wenn die EPA solche Studien akzeptiert, dann rechnen wir damit, dass Firmen alle nicht eindeutig formulierten Vorschriften zu ihren Gunsten auslegen, um ihre unethischen Tests weiterzuführen." Diese Versuche trügen dazu bei, dass gefährliche Chemikalien in Lebensmitteln und Trinkwasser erhalten blieben.

**"Übliches Verfahren"**

Pestizide können nach Angaben der Umweltbehörde EPA unter anderem Nervenzellen schädigen, Krebs auslösen und Fehlbildungen bei Säuglingen verursachen. Die Schädigung hängt von der Konzentration und der Dauer der Belastung ab.

Die gesetzlichen Grenzwerte für Pestizid-Konzentrationen in Lebensmitteln werden in der Regel in Tierversuchen bestimmt. Zur Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Mensch und Tier arbeitet die EPA dann mit Sicherheitsfaktoren. Üblicherweise dürfen Menschen nur einem Zehntel des Wertes ausgesetzt werden, der sich im Tierversuch als schädigend erwiesen hat. Für Kinder gelten nach Beschluss der Umweltbehörde EPA noch deutlich geringere Sicherheitsfaktoren. Die Grenzwerte der EPA betreffen nicht die USA allein, sie werden von vielen andere Länder übernommen.

Bei Bayer hält man Versuche am Menschen im Einzelfall für unumgänglich. Norbert Lemken, Sprecher der Bayer CropScience AG, sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Tests seien notwendig, um Verbraucher, Landwirte und die Umwelt zu schützen. "Manchmal reichen andere Studien und Tierversuche nicht aus."

In einzelnen US-Bundesstaaten seien Menschenversuche außerdem erforderlich, um die Zulassung für ein Pflanzenschutzmittel zu bekommen. "In den USA war es lange ein übliches Verfahren, Studien an Frewilligen durchzuführen", betonte Lemken. Den Druck der Chemiekonzerne auf die Umweltbehörde EPA erklärt Lemken so: "Die Hersteller wollten endlich eine klare Regelung für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln."

Quelle: [Spiegel.de](https://web.archive.org/web/20180403032336/http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/umstrittene-tests-us-mediziner-befuerworten-menschenversuche-mit-giften-a-287604.html "Umstrittene Tests: US-Mediziner befürworten Menschenversuche mit Giften")

# Ursprung und Entwicklung

## Geköpfte unter Strom, Pestflöhe und Gasbrand

Die Geschichte des Humanexperiments zeigt deutlich, wie die Grenzen des ethisch vertretbaren Handelns immer wieder überschritten wurden. Der Fortschritt der Medizin hatte seinen Preis – er ging in vielen Fällen mit der Degradierung des Menschen zum «Versuchsmaterial» einher.

**Der erste Menschenversuch: Zwei griechische Ärzte sezieren lebende Menschen**

Alexander der Grosse gründete 331 v. Chr. die Stadt, die das Zentrum des hellenistisch regierten Ptolemäerreichs wurde: Alexandria. Um 280 v. Chr. wirkten dort zwei griechische Ärzte; Herophilus und Erasistratus. Die ersten uns bekannten Männer, die Versuche an Menschen durchgeführt haben – gefördert durch den ägyptischen Königshof.

Das Sezieren war den Griechen nur an Tieren erlaubt, im Ptolemäerreich sah das anders aus. Die Quellen berichten auch von Vivisektionen, der Zergliederung des Körpers am lebenden Menschen – an zum Tode verurteilten Verbrechern.

Nur so konnten sie ihre bahnbrechenden Entdeckungen machen, heisst es in den Quellen. Denn Herophilus und Erasistratus unterschieden bereits Arterien und Venen und waren nah dran, den Blutkreislauf zu entdecken. Doch endgültig gelang das erst viele Jahrhunderte später – 1628 durch den englischen Anatomen William Harvey.

Herophilus gelangte zur Erkenntnis, dass das Gehirn das kontrollierende Organ sei, von dem alle körperlichen Handlungen ausgehen. Damit widersprach er der gängigen Lehre Aristoteles', die das Herz als den Sitz der wahrnehmenden Seele ausmachte.

Das Sezieren lebender Menschen in Alexandria blieb in der Antike ohne Nachahmer. Und selbst im Falle von Herophilus und Erasistratus ist der Fall nicht ganz klar, denn ihre Schriften sind verloren gegangen. Der römische Medizinschriftsteller Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr.-50) kannte sie wahrscheinlich und schrieb Herophilus' Ansicht zu den Vivisektionen nieder:

«Auch sei es nicht, wie so viele wähnen, grausam, wenn man durch Aufopferung von (noch dazu wenigen) Verbrechern für die rechtschaffenen Menschen aller Jahrhunderte Heilmittel zu erforschen strebe.» Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr.-50), «De Medicina»

Wie die Geschichte des Menschenversuchs zeigen wird, waren die Opfer der Wissenschaft stets Menschen, die von der Gesellschaft als minderwertig empfunden wurden: Straftäter, Arme, Prostituierte, Behinderte, psychisch Kranke, Kolonisierte, Kriegsgefangene – oder solche, die aufgrund ihrer «Rasse» als verachtungswürdig angesehen wurden.

[![menschenversuche-001.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-001.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-001.jpg)[![menschenversuche-002.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-002.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-002.jpg)[![menschenversuche-003.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-003.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-003.jpg)[![menschenversuche-004.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-004.jpg) ](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-004.jpg)[![menschenversuche-005.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-005.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-005.jpg)[![menschenversuche-008.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-008.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-008.jpg)

**Der lange Weg zur modernen Wissenschaft: Das Experiment wird zur bestimmenden Methode der Medizin**

Der griechische Arzt Galen machte sich einige der Erkenntnisse aus den anatomischen Studien von Herophilus und Erasistratus zunutze. Doch das Sezieren begrenzte sich fortan wieder auf Tiere – und die Anatomie stagnierte für mehr als 1000 Jahre.

Im christlichen Abendland galt die Leichenöffnung als Frevel und wurde durch das Konzil von Tours 1163 verboten. Überhaupt bestand das «experimentum» für den mittelalterlichen Gelehrten nicht in einem Versuch, sondern vielmehr in der Erfahrung, die er sich vor allem durch das Lesen der antiken Schriften aneignete. Die Scholastiker in den frühen Universitäten experimentierten nicht, sie disputierten. Erkenntnis wurde mit einigen Ausnahmen vor allem passiv gewonnen.

Erst an der Schwelle zur Neuzeit begannen verschiedene humanistische Ärzte an der Lehrmeinung der «antiken Autoritäten» zu zweifeln und überprüften durch eigene Wahrnehmung – der «Aut-opsie» – die vorliegenden Befunde.

Ein frühes Beispiel für die Untersuchung der Wirkung von Giften und Gegengiften am Menschen findet sich im «Kräuterbuch» des italienischen Arztes und Botanikers Pietro Andrea Mattioli. «Ihr hochfürstlich Durchleucht Erzherzog Ferdinand», Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, habe 1561 in Prag, so schreibt Mattioli, die entgiftenden Fähigkeiten seines «berühmten Pulvers» an einem «zum todt verurtheilten Übelthäter» testen wollen. Dafür verabreichte man dem Sträfling «Arsen oder weisses Rattenpulver»:

Der Kaiser selbst habe ihm daraufhin etwas von seinem Pulver gegeben, woraufhin dieser das Gift herausgewürgt habe – «und von der verdienten Leibsstraff befreyet» wurde. Der zweite Todeskandidat hatte weniger Glück. Er bekam «das ärgste Gift» – zu Pulver zerstampften Eisenhut, gegen den das majestätische Pulver machtlos war.

Im selben Jahr erblickte Francis Bacon in London das Licht der Welt. Er sollte die Epoche der modernen Wissenschaft einläuten: Es war an der Zeit, die Erforschung der Natur empirisch voranzutreiben – und wo die menschliche Sinneswahrnehmung nicht reiche, müsse sie mit Experimenten und guten Instrumenten ergänzt werden.

Endlich wurde sowohl mit humoralpathologischen Körperbildern – die auf der antiken Vier-Säftelehre gründeten – als auch mit religiösen Unantastbarkeitsgeboten gebrochen, um erkenntnisgewinnende Versuche am menschlichen Körper vornehmen zu können.

Die Wirkung von Giften und Arzneien wurde im 18. Jahrhundert systematisch und vorrangig an Tieren untersucht. Maria Theresias Leibarzt Anton Störck stellte Versuche mit Schierling, Stechapfel, Bilsenkraut, Eisenhut und Herbstzeitlose an. Erst an Tieren, dann an sich selbst und zum Schluss an gesunden und kranken Versuchspersonen. Um den Vorwurf zu überprüfen, der Schierling könne eine potenzschwächende Wirkung entfalten, nahm er drei Wochen lang hohe Dosen des Medikaments, ohne – wie er bemerkte – ein Nachlassen seiner Manneskraft festzustellen.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts begegnet uns auch wieder die Tatsache, dass sozial deklassierte Gruppen – seien es die toten oder lebendigen Körper von Gefängnisinsassen, solche aus Irrenanstalten, Gebär-, Siechen-, Waisen- und Armenhäusern oder Kolonialgebieten – als Erkenntnisobjekte für die Wissenschaft in Anspruch genommen werden – in Preussen mit staatlicher Zustimmung und Unterstützung.

Nachdem Luigi Galvani 1780 einen abgetrennten Froschschenkel zum Zucken brachte, stürzten sich in den nächsten Jahrzehnten Physiker und Ärzte in die Erforschung der Elektrizität. Ihr Ziel: die Wiederbelebung von Toten. Über fast 40 Jahre experimentierten unzählige mehr oder minder ernstzunehmende Forscher mit Strom und Leichen.

Während der Französischen Revolution führten namhafte Ärzte teilweise öffentliche galvanische Versuche an den Köpfen der Guillotinierten durch, um herauszufinden, ob der abgetrennte Kopf noch zu Bewusstsein und Schmerzempfinden fähig sei.

Die Ärzte liessen Strom durch die Köpfe leiten und beobachteten die so ausgelösten Muskelkontraktionen im Gesicht.

Giovanni Aldini führte seine Experimente oft gleich neben dem Exekutionsplatz in Bologna durch. Er bekam den frisch abgetrennten Schädel noch warm zugeliefert und ging sofort daran, Elektroden anzulegen. Einmal verdrahtete er zwei Köpfe so miteinander, dass sich die Geköpften gegenseitig Grimassen schnitten. Einige der Schaulustigen fielen daraufhin in Ohmacht, schreibt er 1804.

Waren die teilweise heftigen Reaktionen ein Zeichen für das Fortbestehen des Schmerzempfindens im vom Körper separierten Kopf? Aldini erkannte, dass die durch Strom verursachten Zuckungen wenig mit Leben, sondern vielmehr mit Reizleitung zu tun haben mussten.

Für den deutschen Arzt Christoph Wilhelm Hufeland waren die Experimente mit Guillotinierten dagegen unmoralisch und ungesetzlich; nach dem Tode solle man einen Menschen nicht auf solche Weise martern.

Im 19. Jahrhundert etablierte sich das planmässige Experiment als bestimmende Methode für die Medizin. Claude Bernard, der Begründer dieser neuen Epoche, stellte hierzu eine Regel auf:

«Von den Versuchen, die man am Menschen ausführen kann, sind jene, die nur schaden können, verboten, jene, die harmlos sind, erlaubt, jene, die nützen können, geboten.» Claude Bernard, französischer Physiologe.

Die Ärzte hielten es jedoch nicht für notwendig, ihre Patienten über einen geplanten Versuch zu informieren, geschweige denn, deren Einwilligung dazu einzuholen. Gesetzlich geregelt war nur die Zustimmungspflicht bei einem chirurgischen Eingriff, allerdings auch erst ab 1894. Das änderte sich 1900 mit den Syphilis-Experimenten von Albert Neisser.

Der deutsche Dermatologe machte sich in den 1890er Jahren auf die Suche nach einer Schutzimpfung gegen die todbringende Geschlechtskrankheit. Neisser stellte aus dem Blut von Syphilispatienten ein zellfreies Serum her und spritzte es acht Mädchen zwischen 10 und 20 Jahren. Vier davon – alles Prostituierte – erkrankten später an Syphilis. Die Schutzwirkung des Serums war damit ausgeschlossen. Daraufhin beschuldigte die «Münchner Freie Presse» Neisser, die Frauen durch seine Experimente mit Syphilis angesteckt zu haben. Neisser argumentierte, die Prostituierten hätten sich anderswo infiziert.

Am 29. Dezember 1900 wurde er gerichtlich zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt: Er habe seinen Patientinnen das Serum ohne deren Zustimmung verabreicht und damit seine Pflichten als Arzt verletzt.

Zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtergreifung war die Gesetzeslage so weit fortgeschritten, dass sie bei wissenschaftlichen sowie therapeutischen Versuchen die Aufklärung und Zustimmung des Patienten zur ärztlichen Pflicht erhob. Tierversuche sollten den Menschenversuchen vorangehen, bei Minderjährigen sei besondere Vorsicht geboten. Verboten wurde zudem der Missbrauch einer sozialen Notlage zur Vornahme eines Heilversuchs und das Experimentieren an Sterbenden.

[![menschenversuche-019-1.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-019-1.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-019-1.jpg)[![menschenversuche-010.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-010.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-010.jpg)[![menschenversuche-016.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-016.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-016.jpg)

[![menschenversuche-012.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-012.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-012.jpg)

[![menschenversuche-015.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/menschenversuche-015.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/menschenversuche-015.jpg)[![menschenversuche-017.jpg](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/kkFmenschenversuche-017.jpg)](https://information.gotdns.ch/uploads/images/gallery/2025-11/kkFmenschenversuche-017.jpg)

**Menschenversuche im Dritten Reich: «Medizin ohne Menschlichkeit»**

Im Dritten Reich wurden diese Werte in ihr Gegenteil verkehrt. An Juden, Sinti, Roma, Behinderten, psychisch Kranken und «allem rassisch minderwertigen Zeugs» – wie Reichsführer-SS Himmler sich auszudrücken pflegte – wurden bedenkenlos die schrecklichsten Experimente gemacht. Das Sterben der Versuchspersonen wurde zur Absicht; das experimentelle Vernichten durch «terminale Experimente» zum alltäglichen Horror.

Sie waren die grausame Konsequenz aus dem Zusammenwirken der menschenverachtenden NS-Diktatur und einer experimentellen naturwissenschaftlichen Medizin. Einer «Medizin ohne Menschlichkeit», die in der Erfüllung der Kriegsziele keinerlei Grenzen mehr kennt.

«Das Dritte Reich hat mir auf ärztlichem Gebiet eine grosse Chance gegeben. Ich habe sie genutzt.» Karl Gebhardt am Nürnberger Ärzteprozess, 1946.

Karl Gebhardt, deutscher Chirurg und Leibarzt von Himmler, leitete 1941-42 die Sulfonamid-Experimente im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Verschiedene Sulfonamid-Präparate waren gerade auf den Markt gekommen, man konnte nun eine ganze Reihe gefährlicher Infektionskrankheiten schnell und einfach heilen. Himmler hoffte, dass eine neue Sulfanomid-Verbindung auch den Gasbrand zu kurieren vermöge. In den Lazaretten der Ostfront erlagen unzählige Soldaten der Wehrmacht dieser gefährlichen Wundinfektion.

Sie entsteht bei tiefen Wunden mit starker Gewebe-Traumatisierung, die mit Erdkeimen kontaminiert werden – eine typische Kriegskrankheit also. Gasbrand führt noch heute bei 30% der Infizierten zum Tode. Beherrschen liess er sich im Zweiten Weltkrieg nur mittels Amputation der befallenen Gliedmassen.

Vor diesem Hintergrund kamen Gebhardt, sein Assistent Fritz Fischer und die Lagerärztin Herta Oberheuser zum Einsatz. Gebhardt wollte als angesehener Chirurg beweisen, dass die chirurgische Methode die einzig wirkungsvolle Behandlung von Gasbrand sei.

Sie testeten die neuen Sulfonamid-Verbindungen an 74 weiblichen Häftlingen, die der polnischen Widerstandsbewegung angehörten. Sie versuchten bei den Häftlingen Kriegsverletzungen zu simulieren, um den Gasbrand hervorzurufen. Erst schnitten sie den Häftlingen die Waden auf, quetschten ihre Muskeln und liessen Holzsplitter und Glasscherben einnähen, warteten bis die Wunden eiterten, um sie dann chirurgisch oder mit chemotherapeutischen Mitteln zu behandeln. Als diese «Mückenstiche» keinen anständigen Gasbrand herbeiführen konnten, impfte Gebhardt die Häftlinge mit Eiter von an Gasbrand Erkrankten. Drei Frauen starben.

«Mir ist in einem klaren Befehlsempfang mitgeteilt worden, dass vom Staatsoberhaupt diese Versuche befohlen waren in einer dringlichen Frage der praktischen Medizin an der Front. \[...\] Ich war ein gehorsamer Soldat.» Fritz Fischer, Assistenzarzt von Karl Gebhardt, an den Nürnberger Ärzteprozessen, 1946.

Währenddessen erprobte der deutsch-schweizerische Anatom August Hirt die verheerenden Wirkungen des Kampfstoffs Senfgas (Lost) an Häftlingen des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. 86 ausgewählte «jüdisch-bolschewistische Kommissare» aus dem KZ Auschwitz liess er töten. Für seine Schädelsammlung, die das «charakteristische Untermenschentum» für die Wissenschaft sicherstellen sollte.

Josef Mengele hingegen schickte regelmässig Augenpaare und andere Körperteile von Auschwitz nach Berlin, wo sie im Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik ausgewertet wurden. Die Menschen, denen sie gehörten, wurden eigens zum Zweck der Organentnahme ermordet.

Der Auschwitz-Lagerarzt stand auch in seiner Freizeit oft an der Rampe, um Zwillinge auszusondern. In Mengeles «Kindergarten» waren zeitweilig mehrere Hundert Zwillingspaare untergebracht. Er brachte seinen «Meerschweinchen» Schokolade, fuhr sie mit dem Auto durchs Lager – und wenn ein Zwilling starb, tötete er sogleich dessen Geschwister, damit er gleich beide obduzieren konnte.

Eva Mozes Kor und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden von Mengele für Experimente in der Zwillingsforschung missbraucht. Zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz vergab sie persönlich allen Nationalsozialisten ihre Taten.

Er nahm Versuchsoperationen ohne Narkose vor, um die Schmerzempfindlichkeit von Zwillingen vergleichen zu können. Andere Kinder erhielten Bluttransfusionen oder wurden künstlich mit Krankheitserregern infiziert. Die meisten der geschätzten 900 untersuchten Zwillinge waren acht bis zwölf Jahre alt. Die wenigsten überlebten Auschwitz.

«Ich würde Mengele nicht für einen Sadisten halten, denn das Wesen eines Sadisten ist ja, dass er an dem Schmerz seines Opfers Freude hat. Bei Mengele hatte man das Gefühl, dass er diesen Schmerz gar nicht merkt, der fällt ihm nicht auf. Die Häftlinge waren für ihn Meerschweinchen, Ratten, mit deren Seelenleben und Leiden man sich überhaupt nicht beschäftigt.» Dr. Ella Lingens, Gefangene und Häftlingsärztin in Auschwitz, über Josef Mengele.

Der KZ-Arzt Sigmund Rascher schickte Hunderte Dachau-Häftlinge in den Tod. Mit seiner Forschungsgruppe «Seenot» führte er Unterkühlungsversuche durch, um zu erfahren, wie lange ein ins Meer gestürzter deutscher Pilot am Leben bleiben konnte.

Rascher warf seine Versuchspersonen ins Eiswasser oder liess sie stundenlang bei bitterer Kälte draussen stehen, bis sie nicht mehr brüllten. Ihre Körpertemperatur war auf 27 °C herabgesunken. Dann wurden die Erstarrten wieder erwärmt. Durch direkten körperlichen Kontakt mit nackten Frauen.

«Leute, die heute noch diese Menschenversuche ablehnen, lieber dafür aber tapfere deutsche Soldaten an den Folgen dieser Unterkühlung sterben lassen, sehe ich auch als Hoch- und Landesverräter an, und ich werde mich nicht scheuen, die Namen dieser Herren an den in Frage kommenden Stellen zu nennen.» Heinrich Himmler an Sigmund Rascher, 1942.

Die hohe Sterblichkeitsziffer bei den Versuchen erreichte Rascher durch Vivisektion seiner Probanden. Er wollte damit den «wissenschaftlichen Wert» seiner Arbeit erhöhen – schliesslich handelte es sich hierbei um seine Habilitationsschrift.

«Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen – es trat nicht mehr als Versuchung an den Menschen heran.» Hannah Arendt, «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen», 1963

**Japan: Bakteriologische Versuche und Vivisektionen**

Strukturell ähnliche Menschenexperimente führten die japanischen Armeeärzte in der besetzten Mandschurei während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges durch. Die Einheit 731, deren Existenz erst 2002 vor dem Gerichtshof des Distrikts Tokio offiziell bestätigt wurde, erforschte und produzierte biologische und chemische Waffen, die in den 1940er Jahren auch gegen die chinesische Zivilbevölkerung eingesetzt wurden.

Niemand habe das Gefängnis der Einheit 731 lebend verlassen, gibt deren militärischer Leiter Kiyoshi Kiwashima 1949 bei seiner Vernehmung vor dem russischen Militärtribunal zu Protokoll. Überlebten die «Maruta» (Holzklotz) – so nannten sie ihre chinesischen und russischen Versuchspersonen – ein Experiment, wurden sie für ein nächstes verwendet. Und immer so weiter, bis sie starben.

Viele von ihnen an der Pest, mit der die japanischen Ärzte die Versuchspersonen mittels Flöhen und Ratten infizierten. An ihnen wurde auch Feldforschung betrieben, um die Bomben, die mit Pestflöhen geladen waren, zu testen.

«Die Versuchspersonen, fünfzehn an der Zahl, wurden vom internen Gefängnis der Einheit zum Versuchsfeld gebracht und an Pfähle gebunden, die zu diesem Zweck in den Boden gerammt worden waren. Ein spezielles Flugzeug startete von der Station Pingfan und warf, als es über dem Testgelände war, circa zwei Dutzend Bomben ab, die in einer Höhe von ungefähr 100 oder 200 Metern über dem Boden explodierten und die Pestflöhe freisetzten.» Generalmajor Kiyoshi Kiwashima.

Doch das Experiment lieferte keine befriedigenden Ergebnisse: Die hohe Temperatur sei schuld daran gewesen, dass die Flöhe sehr träge gewesen seien. Deshalb wurden bei den Angriffen auf Zentralchina 1941/42 auch keine Bomben mehr abgeworfen. Die Pestflöhe wurden direkt aus dem Flugzeug versprüht, Wasserreservoirs, Brunnen und Flüsse wurden mit Cholera- und Paratyphuskeimen kontaminiert. Die Unternehmungen seien sehr erfolgreich gewesen.

Die Vorbereitungen für die bakteriologische Kriegsführung wurden in der Mandschurei unternommen, weil es dort ausreichend Versuchsmaterial gegeben habe, führt Kiwashima aus. «Was meinen Sie mit Versuchsmaterial? Menschen, die zur Einheit gebracht wurden, um an ihnen zu experimentieren?», fragt ihn der Staatsanwalt.

«Genau das», antwortet er.

Zur gleichen Zeit arbeitete der Mediziner Yuasa Ken in einem japanischen Armeekrankenhaus in der chinesischen Provinz Shanxi. Zu Unterrichtszwecken wurden dort Vivisektionen an chinesischen Kriegsgefangenen durchgeführt.1980 bekannte er sich öffentlich zu seinen Verbrechen und gab verschiedene Interviews. Einige Auszüge:

«Wir alle trainierten. Es war völlig normal, dabei zu lächeln. \[...\] Es gibt kein Gefühl dafür, Falsches zu tun. Auch das gehört zum Krieg. \[...\]

Die Operation begann. Man verabreichte dem Mann Äther, dann wurde er seziert. Sein Blinddarm war so winzig, dass es war, als suchte man nach einem vergrabenem Wurm. Ich musste immer wieder aufs neue schneiden und suchen. Der Blutfluss wurde unterbrochen, Nerven wurden zertrennt, Knochen mit der Säge aufgeschnitten und ein Luftröhrenschnitt gemacht. Blut und Luft entwichen seinem Körper, und das Blut trat schäumend aus.

Der Mann starb, und seine Überrreste wurden in ein Loch geworfen und begraben. Da die Grube in der Nähe des Operationsraumes schon voll war, mussten wir ein Stück weiter ein neues Loch graben. Das war mein erstes Verbrechen. Danach war es einfach. Am Ende hatte ich vierzehn Chinesen seziert.» Mediziner Yuasa Ken.

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**Nachkriegszeit: Nukleartests und Versuche mit Antidepressiva**

Den verbrecherischen Menschenversuchen in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes folgte der «Nürnberger Kodex» von 1947 sowie die darauf aufbauenden Deklarationen von Helsinki und Tokio. Sie definieren die prinzipiellen Voraussetzungen, unter denen Menschenversuche überhaupt zulässig sind.

Doch auch in der Nachkriegszeit wurden diese Gesetze immer wieder übertreten. Ebenso in der Schweiz: Die Versuche des Psychiaters Roland Kuhn, lange gefeiert als «Vater der Antidepressiva», wurden neun Jahre nach seinem Tod, im Jahr 2014, aufgedeckt: Er führte in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen ab 1950 bis Mitte der 70er an über 1600 Menschen klinische Tests durch. Unter ethisch fragwürdigen und wissenschaftlich zweifelhaften Bedingungen. Und ohne Einwilligung der Patienten.

Bescheid wussten dagegen Behörden, Ärzte anderer Kliniken und die Pharmaindustrie in Basel. Die Patienten litten teilweise unter unkontrollierten Anfällen – Nebenwirkungen der Tests. Zwei Dutzend Patienten verstarben während oder unmittelbar nach den Tests. Die Ursache der Todesfälle wurde nicht untersucht.

Während Kuhns Versuche liefen, liessen die amerikanischen Militärs mehr als 100 nukleare Sprengsätze oberirdisch in der Wüste von Nevada explodieren. Salt Lake City und Las Vegas sollten verschont bleiben, also fanden die Tests bei Westwind statt – der Plutoniumstaub wehte in Richtung St.George, Utah. Den Einwohnern empfahl man, «etwa eine Stunde im Haus zu bleiben». Erhöhte Krebserkrankungen, Fehlgeburten und deformierte Säuglinge waren die Folge der angeblich ungefährlichen Nuklear-Versuche.

Unter Präsident Clinton wurde ein Teil der grausamen Wahrheit bekannt: Mindestens eine Viertelmillion amerikanischer Soldaten und dazu Zehntausende Zivilisten sind bewusst für Strahlenversuche missbraucht worden.

Die Liste liesse sich ins schier Endlose fortsetzen. Es scheint so, dass unter bestimmten Bedingungen «ganz normale» Menschen immer bereit sind, im Namen eines «heiligen Zwecks» andere Menschen bis hin zu deren Tod zu quälen. Menschenrechte werden im Namen des Krieges, des Fortschritts und des wirtschaftlichen Wettrennens immer wieder verraten.

Wahrscheinlich behält Nietzsche recht, wenn er sagt, dass moderne Gesellschaften sich zu unrecht ihrer Menschlichkeit rühmen, weil sie dem Irrglauben anhingen, das «wilde grausame Tier» durch ihre «vornehme Moral» gezähmt zu haben.

«Fast alles, was wir ‹höhere Kultur› nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit – dies ist mein Satz; jenes ‹wilde Tier› ist gar nicht abgetötet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur – vergöttlicht.» Friedrich Nietzsche, «Jenseits von Gut und Böse», 1886 .

Quelle: [Watson.ch](https://web.archive.org/web/20180403032336/http://www.watson.ch/Wissen/History/565426547-Geschichte-der-Menschenversuche--Gek%C3%B6pfte-unter-Strom--Pestfl%C3%B6he-und-Gasbrand)

# 10 Fakten

**1. Gift-Fabrik**

Die Sowjetunion verwendete Häftlinge in Gulags für viele Experimente, unter anderem auch für Experimente mit Gift. Nach dem Experimentieren mit Senfgas, Ricin, Digitoxin und anderen schrecklichen Chemikalien, wurde das effizienteste Gift „C-2″ entwickelt. Alle Opfer schrumpften, brachen zusammen und starben innerhalb von 15 Minuten.

**2. Durchgeführte Versuche der Nazis**

Von Experimenten an Zwillingen, um die Wirkung von hohem und niedrigem Druck auf den menschlichen Organismus zu testen oder das Testen der Überlebensdauer von Menschen in eiskaltem Wasser bis sie einfroren, bis hin zu Ernährungsversuchen … die Liste hört nie auf.

**3. Henry Cottons Experimente**

In den frühen 1900er Jahren sammelte der Arzt Henry Cotton Körperteile von Patienten. Zähne, Ohren, Finger, Zungen und innere Organe wurden den Patienten ahnungslos entfernt und verursachte dabei den Tod von 49 Menschen.

**4. Syphilis**

Im Jahr 1946 hat eine berüchtigte Gesundheitsorganisation eine Studie in Guatemala durchgeführt, in der sie die Wirksamkeit von einem Antibiotika auf Syphilis testen wollten. Um dies zu testen, haben sie absichtlich Prostituierte mit der Krankheit infiziert, ohne sie zu informieren. 83 Menschen starben während des Experiments.

**5. LSD für Kinder**

Lauretta Bender war eine angesehene Psychologin. Durch das Vertrauen der ahnungslosen Eltern, führte sie geheime Studien durch. Sie gab den Eltern sowie den Kindern LSD Tabletten. Sie behauptete, dass es gegen Schizophrenie helfen würde. 20 Kinder starben dabei.

**6. Erzwungene „Operation“**

In den 1940er-1980er Jahren wurden in Südafrika Lesben und Homosexuelle Soldaten dazu gezwungen, eine sexuelle Umwandlung mithilfe einer Schein-Operation durchzuführen, um Lesben und Homosexuelle zu töten.

**7. Die Monster-Studie**

In der Monster Studie, die im Jahr 1939 durchgeführt wurde, wollte der Stotterforscher Wendel Johnson, der selbst stotterte, mehr über das Stottern erfahren. Er trennte die Kinder in zwei Gruppen auf, lobte eine Gruppe für ihre Rede und schickte die andere Gruppe in ein Weisenhaus. Dort versuchte er, aus elf Kindern künstlich Stotterer zu machen – unter dem Deckmantel angeblicher Sprachtherapie.

**8. Radioaktive Menschenversuche in den USA**

Wissenschaftler verkauften im Jahr 1953 einer weltberühmten US-Universität strahlenverseuchte Cornflakes an 125 geistig behinderte Kinder in einem Waisenhaus. Fachleute wollten ermitteln, wie sich Radioaktivität in den Kinderkörpern ausbreitet.

**9. Mk-Ultra**

Mk-Ultra war ein Deckname der CIA für Experimente der Gedankenkontrolle. Viele Medikamente wurden den ahnungslosen „Freiwilligen“ gegeben. Alle Dokumente, die etwas mit dem Projekt zutun hatten, wurden von der CIA zerstört.

**10. Einheit 731**

Das schrecklichste Ergebnis des Krieges in der menschlichen Geschichte. Die japanischen Soldaten der Einheit 731 wurden dazu verpflichtet, gefangene feindliche Soldaten bei lebendigem Leib Gliedmaßen abzuschneiden und zu kastrieren aber nicht zu töten. Weibliche Gefangene wurden vergewaltigt und auf schwangere Frauen wurde solange eingeschlagen, bis sie das Kind verloren haben.

Quelle: [Faktglaublich.com](https://web.archive.org/web/20170915142016/http://www.faktglaublich.com/10-fakten-ueber-grausame-menschenversuche/ "10 Fakten über grausame Menschenversuche")