Menschenversuche in Deutschland Zweiter Weltkrieg - Drittes Reich Menschenversuche in Deutschland Menschenversuche im Dritten Reich In unvorstellbar grausamen Experimenten töteten und quälten Ärzte im "Dritten Reich" unter dem Deckmantel der Forschung. Medizinische Institute leugneten ihre dunkle Vergangenheit - über viele Jahrzehnte. Im Keller des Straßburger Instituts für Anatomie stehen große gekachelte Becken. Mit ihren Abdeckungen wirken sie wie riesige Gefriertruhen. Doch werden darin Leichen präpariert - heute wie vor 70 Jahren. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Ab Oktober 1941 leitete der Anatom und Medizinprofessor August Hirt das Anatomische Institut der "Reichsuniversität Straßburg". Anders als heutige Mediziner wartete Hirt jedoch nicht auf das Eintreffen der Körper etwa durch Krankheit oder Unfälle Verstorbener - er gab die Toten direkt in Auftrag: Im nahe gelegenen KZ Natzweiler ließ Hirt jüdische Männer und Frauen vergasen, um an ihre Knochen zu kommen. Seit Hirt 1944 aus dem befreiten Straßburg floh und die Überreste der 86 Ermordeten aus dem Präparierbecken geborgen und bestattet wurden, kursieren Gerüchte um das Institut. In den Vitrinen und Schränken der medizinischen Sammlung sollen noch immer Proben jüdischer Häftlinge stehen. Zwischen den Gläsern mit Gliedmaßen, Schädeln und fehlgebildeten Föten will ein früheres Institutsmitglied sie gesehen haben, vor 40 Jahren. Der französische Medizinjournalist und Arzt Michel Cymes ging den Gerüchten nach. "Hippokrates in der Hölle" heißt sein Buch, das im März 2016 auf Deutsch erscheint. Cymes, der zwei Großväter in Auschwitz verloren hat, möchte begreifen, warum Menschen für Experimente buchstäblich über Leichen gingen. Waren die Täter vom Ehrgeiz zerfressen? Geisteskrank? Oder einfach dumme Befehlsempfänger? Cymes näherte sich dem Phänomen über die Lebenswege von acht NS-Ärzten. Er gibt ihre Verbrechen in allen grausamen Details wieder, in Auszügen aus Forschungsberichten, Prozessakten und Zeugenaussagen. "Der Arzt hatte kein Mitleid mit uns" Da war etwa Wilhelm Beiglböck, der einen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen glaubte. Er wollte die Überlebenschancen deutscher Flieger verbessern, die nach einem Abschuss im Meer trieben. Die meisten von ihnen verdursteten, ehe man sie fand. Für seine "Meerwasserexperimente" holte Beiglböck vierzig "Zigeuner" von Buchenwald nach Dachau. In mehreren Versuchsreihen zwang er sie, Meerwasser zu trinken, pur, geschmacklich verfälscht oder entsalzt. Ein Luftwaffenarzt informierte die unfreiwilligen Versuchspersonen: "Wisst ihr überhaupt, was Durst ist? Ihr werdet wahnsinnig werden, ihr werdet denken, dass ihr in der Wüste seid, und werdet versuchen, den Sand von der Erde abzulecken." Die Ergebnisse dieser Experimente waren absehbar. Meerwasser entzieht dem Organismus Flüssigkeit. Nieren, Darm und Leber versagen angesichts der darin erhaltenen Salzmengen. Der Körper trocknet aus. Innerhalb weniger Tage krümmten sich die Opfer vor Krämpfen. Sie flehten um Wasser. Höllenreiner, einer der Versuchsteilnehmer, sagte beim Nürnberger Ärzteprozess aus: "Wir waren verrückt vor Durst und Hunger, aber der Arzt hatte kein Mitleid mit uns, er war eiskalt." Beiglböck hingegen behauptete vor Gericht, die Probanden hätten sich freiwillig gemeldet. Außerdem habe er auf Befehl gehandelt. Das Gericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft. Seiner Karriere tat das Urteil keinen Abbruch: Nach der vorzeitigen Entlassung 1951 arbeitete er wieder als Arzt und leitete die Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus von Buxtehude. Morden im Akkord Andere Täter bemühten sich nicht einmal um einen solchen Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Im österreichischen KZ Mauthausen herrschte Lagerarzt Aribert Heim über Leben und Tod. Wo Krankheiten und Epidemien grassierten, wollte er für Ordnung sorgen. Das hieß für ihn, den Tod der Häftlinge zu beschleunigen. Innerhalb weniger Wochen erhielt Heim den Beinamen "Dr. Tod". Geschwindigkeit wurde ihm zur fixen Idee: Wenn er mit Benzin- oder Giftinjektionen ins Herz tötete, hielt er die Stoppuhr in der Hand. Für seine sadistischen Anwandlungen ersann er auch eine Forschungsreihe: Wie lange überlebt ein Mensch ohne Leber, ohne Nieren, ohne Herz? Der "Schlächter von Mauthausen" holte sich schwache und kranke Häftlinge und entfernte ohne Betäubung lebenswichtige Organe. Auf seinem Operationstisch starben von Oktober bis November 1941 mindestens 240 Menschen. Seine Häftlingsassistenten bezeugten später die grausamen Eingriffe - aber "Dr. Tod" entkam nach dem Krieg ins Ausland. Nicht böse - sondern brutal Im Frauen-KZ Ravensbrück verabreichte Lagerärztin Herta Oberheuser Kranken und Missliebigen tödliche Injektionen. Vor Gericht erklärte sie, sie hätte den Todgeweihten nur das Ende erleichtern wollen. Ihr ehemaliger Vorgesetzter, Karl Gebhardt, für den sie selektiert, anästhesiert und gequält hatte, bekräftigte: Oberheuser habe sich stets edelmütig und mit viel Güte um die Kranken gekümmert. Krank wurden diese allerdings nur, weil man ihnen die Beine zertrümmert und die Wunden mit Staphylokokken und Streptokokken infiziert hatte. Für Oberheuser ein großer Karriereschritt. Nirgendwo sonst konnte man im Deutschen Reich als Frau in der Chirurgie arbeiten. Für ihre Opfer waren die Eingriffe eine unendliche Tortur. Morphium gab es nicht, nur Schmerzen. Kaum waren die Wunden vernarbt, operierte man sie wieder, ein zweites, drittes, sechstes Mal. Viele starben an Tetanus, Gasbrand, Sepsis und Blutverlust. Hertha Oberheuser sei "nicht böse" gewesen, sagte eine der Überlebenden im Nürnberger Ärzteprozess aus, sondern brutal - und begierig, es ihren monströsen Vorgesetzten gleichzutun. Später arbeitete Oberheuser als Kinderärztin. Kein Schuldbewusstsein Vor Gericht beteuerten NS-Ärzte immer wieder ihre Unschuld, schoben die Verantwortung für ihre Verbrechen dem Regime zu. Uneigennützig sei ihre Forschung gewesen, nur dem Fortschritt verpflichtet. Und in Straßburg? Da bestritt man bis zuletzt, Proben von Körperteilen und Organen zu besitzen, die August Hirt in den Vierzigerjahren für sein "Museum der verschwundenen jüdischen Rasse" angefertigt hatte. Doch Cymes hat einen Zeugen: Dr. Uzi Bonstein kam Ende der Sechzigerjahre ans Straßburger Institut für Anatomie. Ihm hatte man einen Schrank gezeigt, darin Gläser mit der Aufschrift "Jude". Bonstein und Cymes hatten keinen Zweifel, wann und von wem diese Etiketten beschriftet worden waren. "Zu behaupten, Überreste jüdischer Opfer seien an der Universität oder im Institut erhalten geblieben oder könnten dort erhalten geblieben sein, wie dies Michel Cymes tut, ist schlichtweg falsch. Es ist seit 1945 falsch", sagte Universitätspräsident Alain Beretz 2015 kurz nach Erscheinen der französischen Originalfassung von "Hippokrates in der Hölle" auf einer Pressekonferenz. Sechs Monate später, am 9. Juli 2015, entdeckte der Arzt und Historiker Raphaël Toledano im Institut für Rechtsmedizin in Straßburg schließlich eben jene Glasbehälter, die es nie gab. Sie enthielten Hautfragmente und den Magen- und Darminhalt eines Menschen. Die Etiketten ließen keinerlei Zweifel, worum es sich handelte. Es waren die Überreste von Menachem Taffel, einem der 86 Juden, die Hirt für sein Skelettmuseum töten ließ. Sie wurden im Rahmen einer Trauerfeier auf dem Friedhof von Cronenbourg beigesetzt. Quelle: Spiegel.de Menschenversuche in der Psychiatrie Die "moderne" (Pharma-) Psychiatrie hat ihren Ursprung im Dritten Reich, das ohne die massive Unterstützung der IG-Farben, dem seinerzeit größten Chemie-Pharma-Konzern der Welt, nicht möglich gewesen wäre, wie es das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal feststellte. Pharmazie und Faschismus waren Produkte der westlichen Hochfinanz, weil Krieg und Krankheit die größten Profitquellen überhaupt sind. Allein auf das Konto der Psychiatrie im Dritten Reich gehen 220.000 Morde und 400.000 Zwangssterilisierungen, ganz zu schweigen von den unzähligen Menschenversuchen der IG-Farben in Auschwitz, was für einen Konzern wirtschaftlich durchaus "logisch" ist, wenn Häftlinge billiger sind als Laborratten. Durch die Finanzierung des Kaiser-Wilhelm-Instituts durch Rockefeller hat die westliche Hochfinanz die "Rassenhygiene" und die Euthanasie im Dritten Reich unterstützt. Quelle: Profit-over-life.org Menschenversuche an Konzentrationslager-Häftlingen Gefragt, ob er medizinische Experimente an wehrlosen Konzentrationslager-Häftlingen für statthaft gehalten habe, antwortete 1946 einer der Angeklagten im Nürnberger Prozeß gegen die NS-Ärzte bündig: "Juristische Bedenken hatte ich keine, denn ich wußte, daß der Mann, der die Genehmigung zu diesen Versuchen von Staatsseite gegeben hatte, Himmler war." Derart schlagfertiger Entschuldigungen ehemaliger NS-Ärzte dürften sich ausländische Wissenschaftler erinnert haben, die kürzlich darüber zu befinden hatten, ob der nächste Weltkongreß der Luftfahrt-Mediziner - der "World and European Congress of Aviation Medicine" - 1961 in der Bundesrepublik stattfinden soll. Der Plan, in Deutschland zu tagen, wurde verworfen und Paris zum Konferenzort bestimmt. Ärzte aus dem westlichen Ausland befürchteten offenbar, diesseits des Rheins von eben dem Kollegen begrüßt zu werden, der sich 1946 unter Berufung auf Himmler zu rehabilitieren versuchte: von Professor Dr. Siegfried Ruff, Direktor des Instituts für Flugmedizin in Bad Godesberg, das der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. in Mülheim (Ruhr) untersteht. Mit der Vergangenheit des 53jährigen Professors Ruff, der heute unangefochten dieselbe Position innehat wie im Dritten Reich - das von ihm geleitete Institut verlegte seinen Sitz lediglich von Berlin nach Bad Godesberg -, verbinden sich in der Tat nicht nur für KZ empfindliche Ausländer ungute Vorstellungen. Der Heidelberger Professor Dr. Alexander Mitscherlich beispielsweise, der mit seinem Assistenten Fred Mielke in den Nachkriegsjahren unter den Titeln "Diktat der Menschenverachtung" und "Medizin ohne Menschlichkeit" Dokumentationen über die Verbrechen von NS-Ärzten herausgab und sich dabei unter anderem auch mit den seinerzeit vorzugsweise in Konzentrationslagern durchgeführten Menschenversuchen beschäftigte, informierte schon 1947 die deutsche Öffentlichkeit: "An der Gestaltung der Experimente war ... der Direktor des Instituts für Luftfahrt-Medizin (in Berlin) ... Dr. Siegfried Ruff, beteiligt." Und der Darmstädter Professor Dr. Eugen Kogon konstatierte in seiner düsteren Betrachtung über den SS-Staat, den er als Gefangener kennengelernt hatte, daß Ruff gegenüber von gleichem Ehrgeiz beseelten Ärzten beiden als wissenschaftlich deklarierten Torturen "in einem erbitterten, mit vielen Quertreibereien geführten Wettbewerb" stand. Bei allem Konkurrenzneid der Ärzte untereinander - über die wissenschaftliche Fleißarbeit in den Konzentrationslagern mußte dem Reichsführer SS, Himmler, direkt berichtet werden habe indes Übereinstimmung in folgendem Punkt geherrscht: "Der tödliche Ausgang bei den Versuchspersonen war von vornherein ... bewußt in Rechnung gestellt" (Kogon). Die sogenannten Luftwaffen-Versuche, an denen Ruff beteiligt war, fanden im Konzentrationslager Dachau statt und umfaßten sowohl Unterdruck als auch Unterkühlungs-Experimente. Die konsequente Zielstrebigkeit der beteiligten Mediziner hatte zur Folge, daß nach dem Bericht eines Augenzeugen im Nürnberger Ärzteprozeß allein bei den Unterdruck-Tests 70 bis 80 Versuchspersonen abgebucht wurden. Die Forschungsarbeit der Ärzte begann damit, daß in der Dachauer Lagerstraße neben dem Barackenblock 5 ein seltsames, kastenförmiges Gefährt aufgestellt wurde. Der "Himmelfahrtswagen", wie dieser Karren - es handelte sich um eine von der Luftwaffe zur Verfügung gestellte Unterdruck -Kammer - genannt wurde, verbreitete "bei allen Häftlingen wilden Schrecken", berichtete nach 1945 der ehemalige Konzentrationär Kogon. Die Versuche waren nämlich durch die Entwicklung von Raketen-Jagdflugzeugen angeregt worden, die zu einer Gipfelhöhe von 18 000 Metern aufsteigen konnten, und sollten erweisen, ob ein zum Abspringen aus dieser Höhe gezwungener Flieger die Chance hat zu überleben: Für die Sturzflüge, die in der Unterdruck-Kammer von Versuchspersonen "nachempfunden" werden sollten, schienen den Medizinern angesichts der zu erwartenden Verschleißquote Konzentrationslager-Häftlinge besonders geeignet. Die Grundlagenforschung für diese Versuche hatte der Chef des Münchner luftfahrtmedizinischen Instituts, der Professor Dr. Georg-August Weltz, betrieben: Er war zu der Erkenntnis gelangt, daß es "zwecks Klärung des Verhaltens des Fliegers ... in großen Höhen" notwendig sei, sogenannte Höhen-Umstellungsversuche vorzunehmen. Der dem Weltz unterstellte Luftwaffen-Stabsarzt Dr. Rascher erbat vom Reichsführer SS, Himmler, zu dem er persönlichen Kontakt hatte, in einem Brief, in dem er sich gleichzeitig für die "herzlichen Glückwünsche und Blumen zur Geburt meines zweiten Sohnes" bedankt hatte, die Erlaubnis, solche Versuche mit KZ-Häftlingen durchführen zu dürfen, "da der Affe (Versuche dieser Art waren bisher vornehmlich mit Tieren üblich) vollständig andere Versuchsverhältnisse bietet". Von der Aktivität in München erfuhr auch Professor Ruff in Berlin, der eigens für derartige Menschenversuche ein Programm "Zur Rettung aus großen Höhen" entwickelt hatte und an den zu erwartenden Forschungserfolgen auf diesem Gebiet teilhaben wollte. Weltz und Ruff wurden, wiewohl Kontrahenten im Kampf um das Vorrecht, ohne Furcht vor Strafe mit Rechtlosen experimentieren zu dürfen, einig, egozentrische Bedenken zu überwinden und gemeinsam zu handeln: Für die praktische Durchführung stellte Weltz den Himmler-Intimus Dr. Rascher, Ruff hingegen einen Dr. Romberg ab. "Die Verantwortung", so stellte Mitscherlich in seiner Dokumentation hinterher fest, "übernahmen die beiden Institutsleiter" - eben Weltz und Ruff. Der Programmatiker und Verantwortliche Ruff hat denn auch den Abschlußbericht über die Dachauer Experimente unterzeichnet, in dem es lakonisch hieß: "Sieden des Blutes tritt in 21 Kilometer Höhe noch nicht ein." Über die Häftlinge, die in der Unterdruck-Kabine in den physischen Zustand eines Sturzes aus solcher -Höhe versetzt wurden und dabei starben, wurde kein Wort verloren. Lediglich einmal stellte Rascher in einem Sektionsbericht fest, daß bei der Öffnung der Leiche eines Opfers das Herz noch einmal "mit 60 Aktionen pro Minute zu schlagen begann". Indes: Es gab auch Überlebende - insgesamt wurde mit etwa 200 Häftlingen experimentiert -, und Himmler stand nicht an, die davongekommenen Sturzflieger zu lebenslangem KZ zu begnadigen, falls es sich um solche Opfer handelte, deren Leben nach Meinung der SS-Oberen eigentlich verwirkt gewesen war, oder aber sie andernfalls zur Straf-Division Dirlewanger abzukommandieren, wo ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte, das gerettete Leben sinnvoll dem Vaterland zu opfern. Ein Nebenzweig der Dachauer Luftwaffen-Versuche, mit dem allerdings Höhenforscher Ruff wegen der andersgearteten wissenschaftlichen Aufgabenstellung persönlich nicht befaßt war - die Unterkühlungsexperimente -, war ebenso risiko- wie chancenreich: Versuchspersonen wurden bekleidet oder nackt in kaltes Wasser von 4 bis 9 Grad Celsius gelegt, bis sie erstarrten, andere wiederum wurden bei 25 Grad Winterkälte im Freien stündlich mit Wasser überschüttet. Daß es jedoch selbst bei solch barbarischen Experimenten dennoch Überlebenschancen gab, verdankten die KZ-ler einem Einfall Himmlers: Der SS-Führer ordnete nämlich persönlich zusätzliche "Versuche zur Erwärmung unterkühlter Menschen durch animalische Wärme" an, die in der Form abzuwickeln waren, daß nackten Frauen - ebenfalls KZ-lerinnen - unter Kontrolle die Aufgabe zufiel, die steifen Opfer nach den Eiswasser-Prozeduren wieder zu beleben. Eine streng wissenschaftliche Graphik hielt dabei das Verhalten von vier besonders robusten Versuchspersonen fest, "welche zwischen 30 und 32 Grad den Beischlaf ausübten", der wiederum "verglichen werden kann mit der Erwärmung im heißen Bad". Spezialist für diese Experimente war Ruff-Kollege Rascher, der dem "verehrten Reichsführer" einen zu diesem Thema in Dachau gedrehten Schmalfilm übersandte. Einen erläuternden Brief an Himmler schloß Rascher mit den Worten: "Herzliche Grüße, auch von meiner lieben Frau. Heil Hitler!" Ruff, dem es versagt war, dem Reichsführer SS mit Aufklärungsfilmen zu dienen, schnitt indes letztlich doch besser ab als der Himmler-Günstling Rascher, der 1945 bei seinem Protektor in Ungnade fiel und exekutiert wurde. Dem Experimentator Ruff wie den übrigen Beteiligten, die sich nach Kriegsende vor einem internationalen Tribunal verantworten mußten, war es ein leichtes, die alleinige Schuld an den Medizinverbrechen im Konzentrationslager Dachau dem toten Testgenossen Rascher anzulasten. So wurde Ruft im Nürnberger Ärzteprozeß lediglich moralisch verurteilt, indem das Gericht die Human-Versuche summarisch als -verbrecherische Akte brandmarkte, im übrigen aber kam er mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen davon. Einer Nachkriegs-Karriere stand nun nichts mehr im Wege, und die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. (Sitz Mülheim/Ruhr) gab sich die Ehre, dem Professor den in der NS-Zeit gedrückten Sessel wieder zur Verfügung zu stellen und ihm die Leitung der Godesberger Dependance zu übertragen. Das Bundesverteidigungsministerium und die Deutsche Lufthansa taten ein übriges, um den Unterdruck-Professor - unter den üblichen demokratischen Beschränkungen freilich - mit Hochdruck gewohnte Forscherarbeiten wiederaufnehmen zu lassen. Auch eine etwa deutlicher zutage tretende Antipathie ausländischer Mitglieder des Weltkongresses für Luftfahrtmedizin gegen den Dr. Ruff braucht diesen keineswegs um sein Prestige bangen zu lassen: Bisher lautgewordene Einwände gegen den Höhenflug-Arzt - der die KZ-Versuche für "nicht unmoralisch" hält - führten weder dazu, daß Bundesbehörden sich von ihm distanzierten, noch daß die Mülheimer Versuchsanstalt den Ruff in den Ruhestand beordert hätte. Unterdruck-Mediziner Ruff Das Herz des Opfers ... ... schlug beim Sezieren: Unterwasser-Mediziner Rascher (r.) Quelle: Spiegel.de Menschenversuche an Gefangenen in Auschwitz Bakterienspritzen, Sterilisierungsversuche, Todesmärsche: 1943 kam Eva Golgevit in den berüchtigten Block 10 von Auschwitz - und in die Hand von grausamen SS-Ärzten. Sie überlebte, doch noch heute erinnert sie sich an den qualvollen Alltag im Lager. Der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton bezeichnete den Block 10 als den "Inbegriff für Auschwitz schlechthin". Im Stammlager von Auschwitz hatte die SS im April 1943 das ehemalige Kasernengebäude zunächst für Sterilisationsversuche an jüdischen Frauen ausstatten lassen, verantwortlicher Mediziner war der Gynäkologe Prof. Dr. Carl Clauberg. Er verklebte ahnungslosen Frauen die Eileiter mit einer Einspritzung durch die Gebärmutter für immer. Meist waren 400 Versuchspersonen gleichzeitig in zwei Schlafsälen untergebracht, innerhalb von knapp eineinhalb Jahren mehr als 800 Jüdinnen aus ganz Europa. Auch andere Ärzte missbrauchten Frauen aus diesem Block für ihre Experimente: Dr. Horst Schumann verbrannte mit Röntgenstrahlen die Sexualorgane ausgewählter Häftlinge, SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths ließ Häftlingsärzte für einen Test zur Früherkennung von Gebärmutterkrebs üben, und der Leiter des SS-Hygieneinstituts in Auschwitz, Dr. Bruno Weber, beauftragte Helfer, Jüdinnen Blut mit der falschen Blutgruppe zu übertragen oder ihnen große Mengen Blut für Wehrmachtslazarette abzunehmen. Als Eva Golgevit, 31 Jahre alt, Jüdin aus Paris, am 2. August 1943 in Block 10 eingewiesen wurde, war die Versuchsstation bereits vier Monate in Betrieb. Die SS-Ärzte hatten die meisten ihrer Opfer direkt von der "Judenrampe" weg ausgewählt. Einmal waren es 100 Frauen aus Griechenland, dann 110 aus Belgien, 65 aus Deutschland, 75 aus Frankreich, 250 aus den Niederlanden, weitere Frauen aus Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Aus Golgevits Deportationszug, der vom französischen Durchgangslager Drancy losgefahren war, wurden 55 Frauen für Menschenversuche ausgewählt. Aber von denen ahnte das da noch niemand. Als sie in das geheimnisvolle Gebäude gebracht wurde, kam es Eva Golgevit nach eigener Aussage zunächst so vor, als sei sie in ein Irrenhaus gekommen. "Aber es war schnell klar, dass es sich um etwas anderes handeln musste." Zumal ihnen Nummern auf die Haut tätowiert wurde. Mithäftlinge enthüllten den Neuankömmlingen nach anfänglichem Schweigen schließlich den grausamen Zweck von Block 10. Sie habe die ersten Tage "in einem Zustand von Abgestumpftheit" verbracht, berichtet Eva Golgevit. "Später habe ich mich wieder gefasst und habe mit einigen anderen beschlossen, uns nicht unterkriegen zu lassen und Widerstand zu leisten." Golgevit, geboren als Chava Rozencwajg in Lodz, war mit ihrer Familie 1931 nach Brüssel ausgewandert und 1934 weiter nach Paris gezogen. Dort hatte sie ihren Landsmann Charles Golgevit geheiratet, einen gelernten Stricker. 1937 hatten sie einen Sohn bekommen, Jean Golgevit, einen späteren Sänger und Schriftsteller. Charles Golgevit war im Sommer 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, Eva Golgevit hatte sich im Herbst 1940 einer jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. Nach einer Denunziation war sie am 2. Juli 1943 mit anderen Mitgliedern der Gruppe in Paris verhaftet und ins Lager Drancy gebracht worden. Ihren kleinen Sohn hatte sie zuvor noch in einem Heim verstecken können. Die letzten Worte und Umarmungen In Block 10 wurde Eva Golgevit zunächst von dem SS-Arzt Hans Münch für bakteriologische Versuche missbraucht. Sie erinnert sich an mehrfache Einspritzungen unter die Brusthaut: "Ich fühlte mich danach sehr schlecht, hatte Fieber, die Einspritzstellen wurden rot und bildeten eine Kruste, die sehr lange bis zur Abheilung dauerte." Den Sterilisierungsexperimenten Claubergs entging sie nur mit Glück. Ihr war bereits eine erste Spritze als Kontrastmittel verabreicht worden, um die Durchlässigkeit der Eileiter zu testen - dann wurde sie kurzfristig einem Arbeitskommando in Auschwitz-Birkenau zugeteilt. Die Tage waren quälend lang in Block 10, wo jeweils bis zu 200 Versuchspersonen gleichzeitig von früh bis spät in den beiden 250 Quadratmeter großen Sälen verbringen mussten. Die Frauen, so berichten es Überlebende, waren erfüllt von einer abgründigen Langeweile, in der – im Schatten der Kamine von Auschwitz – kein anderes Ende abzusehen war als der Tod. Die Gedanken kreisten um die Angehörigen, die letzten Worte und Umarmungen. In der Sorge um das Schicksal der zurückgelassenen Kinder begegneten die Frauen ihrer eigenen Kindheit und fühlten die Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit. Eva Golgevit erinnert sich an die Verse eines Liedtextes, den eine ihrer Gefährtinnen damals in Block 10 vortrug: Si j’étais toute petite Je pourrais appeler Maman Viens près de moi, viens bien vite Berce-moi doucement Si j’étais toute petite Je crierais de douleur Maman! Auf Deutsch: Wäre ich ganz klein dann riefe ich meine Mama Komm ganz nah, komme schnell Wiege mich sanft Wäre ich ganz klein Schrie ich vor Schmerz Mama! Erst wenn die SS-Aufseherinnen nach Sonnenuntergang das Gebäude verließen, waren die Frauen unter sich. Volkslieder verschiedener europäischer Länder erklangen plötzlich, aber auch Chansons, Lieder von Zarah Leander. Oder Rebecca Kasman, eine Schauspielerin vom Pariser Jiddischen Arbeitertheater, wagte sich an Kabaretteinlagen. "Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrem feinen Einfühlungsvermögen ergoss sie ihren Spott über die Nazi-Aufseherinnen des Blocks. Sie spielte Sketche, und man belustigte sich über alle diese Kröten", schreibt Golgevit in ihren Erinnerungen über solche abendlichen Auflockerungen Bis zu ihrer Befreiung am 1. Mai 1945 erlebte Eva Golgevit auch die Todesmärsche, auf denen viele ihrer Leidensgefährtinnen ums Leben kamen. Sie selbst musste sich am 18. Januar 1945 auf den gefährlichen Weg begeben, erreichte zunächst das KZ Ravensbrück und von dort das KZ Malchow. Und überlebte auch diese Lager. Am 28. Mai 1945 traf sie in Paris ihren Mann wieder, der aus der Gefangenschaft heimgekehrt war. Auch der Sohn, der zuletzt in Brüssel bei Verwandten gestrandet war, fand wieder zur Familie. 1952 kam noch ein zweiter Sohn zur Welt, Elie. Eva Golgevit ist 2012 ein Jahrhundert alt geworden und wurde dafür im Rathaus ihres Pariser Verwaltungsbezirks mit einem Empfang geehrt. Sie habe in ihrem Leben nie die Hoffnung verloren, beteuert sie. Aber eines werde ihr zu schaffen machen: "Es ist sehr schwer, 100 Jahre alt zu sein." Quelle: Spiegel.de