2. Bewusstseinsformung als permanente Aufgabe „Indoktrination" soll die beabsichtigte und gezielte Beeinfl ussung von Bewusstseinsinhalten heißen, die im Falle ihres Gelingens zur Internalisierung bestimmter Überzeugungsinhalte führt, ohne dass der Einzelne für die Übernahme dieser Inhalte rationale Gründe hätte. Indoktrination ist eine Form von Machtaus- übung, durch die ein Indoktrinierer einen zu Indoktrinierenden absichtlich dazu bringt, bestimmte Dinge zu glauben und letztlich auch zu tun, wovon der Indoktrinierer wünscht, dass der zu Indoktrinierende sie glaubt und tut, und die dieser ansonsten nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit geglaubt oder getan hätte. Ideologiegeleitete Diktaturen sind wesentlich charakterisiert durch eine systematische und staatlich organisierte Erzeugung von Bewusstseinsinhalten, die mit der Systemideologie in Übereinstimmung stehen. Während der Terror als eine spezifi sche Form repressiver Machtausübung unter Umständen verzichtbar ist, ist die geistige Manipulation das zentrale und unverzichtbare Herrschaftsinstrument jeder Weltanschauungsdiktatur. Die Herrschaftsunterworfenen im Sinne der Systemideologie zu infi ltrieren und Inhalte, die mit dieser Ideologie unvereinbar sind, zu eliminieren ist die bei Weitem wichtigste permanente Aufgabe der Führungselite einer solchen Diktatur. Der Zustand des Indoktriniertseins ist mit der Selbsttäuschung verbunden, man stimme den angebotenen Überzeugungsinhalten freiwillig zu, man selbst sei es, der sich diese Überzeugung gebildet habe. Indoktrination versetzt den Einzelnen in einen Zustand der Verblendung, der beim Indoktrinierten noch nicht einmal die Ahnung aufkommen lässt, dass er indoktriniert ist. Der Indoktrinierte hat sich seine Überzeugungen weder aufgrund einer individuellen Einsicht in die Wahrheit der Überzeugungsinhalte noch auf der Basis kognitiv angemessener Gründe gebildet, die es rechtfertigen würden, das dem Für-wahr-Halten zugrunde liegende Vertrauen in die Schöpfer oder Vertreter der übernommenen Ideologeme zu fassen. Eine Überzeugungsbildung dieser Art ist irrational. Dabei ist es keineswegs die Intention eines totalitären Diktators – jedenfalls insoweit er selbst die Systemideologie verinnerlicht hat –, die Autonomie der Gemeinschaftsmitglieder zu zerstören; vielmehr glaubt er, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu allererst herzustellen und auch herstellen zu müssen. Die Erziehungsdiktatur ist das Mittel dazu. So wie Marx glaubte, das Proletariat bei der Generierung des revolutionären Klassenbewusstseins unterstützen zu müssen, war Hitler der Auffassung, dass das in seinem Denken und Streben im bürgerlichen Liberalismus und im sogenannten Materialismus verharrende und vom „jü- dischen Geist" infi zierte Volk6 der Aufklärung durch die nationalsozialistische Ideologie bedarf. Es ist nicht das eigentliche und letzte Ziel des ideologisch überzeugten totalitären Diktators, sich zum Herrscher über andere aufzuschwingen; er legt es in seiner Selbstwahrnehmung nicht darauf an, die Einzelnen wie Marionetten tanzen zu lassen, nur um seine Ziele zu erreichen. Als Exekutor sozialer oder natürlicher Gesetzmäßigkeiten – die er nicht gemacht hat – ist er selbst sogar unfrei. Er möchte als ein Wissender, als einer derjenigen, die Bewusstsein über das geschichtlich Gebotene und gesellschaftlich Nützliche erlangt haben, Einsicht vermitteln und alle Bedingungen beseitigen, die falsches Bewusstsein erzeugen. Er agiert, so seine subjektive Sicht, im Dienste der individuellen -- 6 Die „jüdische Rasse" war für Hitler „vor allem eine Gemeinschaft des Geistes" ([Adolf Hitler], Hitlers Politisches Testament. Die Bormann Diktate vom Februar und April 1945. Mit einem Essay von Hugh R. Trevor-Roper und einem Nachwort von André François-Poncet, Hamburg 1981, S. 68). Daher begriff er das „Judenproblem" auch und vielleicht sogar in der Hauptsache als eine Art „Infektionsgefahr" für die nordische Rasse – nämlich die Gefahr einer möglichen Anverwandlung des deutschen Volkscharakters an jüdische Wesenszüge. Befreiung jedes einzelnen Gesellschaftsmitglieds, jedes Volksgenossen. Dem widerspricht auch nicht, dass totalitäre Diktatoren an fanatischen Mitstreitern interessiert sind, denn sie betrachten es gerade als ein Zeichen menschlicher Autonomie, wenn der Einzelne die Systemideologie, also die Wahrheit, wie sie meinen, übernimmt und entsprechend handelt.