# 1. Opportunisten

Dieser, idealtypische, Herrschaftsanspruch schließt in der Realität nicht aus, dass  
Weltanschauungsdiktaturen letztlich auch Lippenbekenntnisse akzeptieren.10 Indoktrinationsprozesse verlaufen häufi g unbefriedigend, und in bei Weitem nicht  
allen Fällen wird der gewünschte Grad an Indoktrination tatsächlich realisiert.  
Auch die Führer von Weltanschauungsdiktaturen sind daher genötigt, pragmatisch vorzugehen und auch solche Bürger in das Regime zu integrieren, die zwar  
nicht innerlich überzeugt sind, sich aber in der Öffentlichkeit als Überzeugte  
präsentieren und sich angepasst verhalten.  
Kein Regime kommt umhin, auch Opportunisten einzubinden und gegebenenfalls ideologisch indifferente Fachleute für Führungspositionen im Staatsapparat oder in Wirtschaft und Gesellschaft zu kooptieren. Opportunisten aber  
verhalten sich ideologiekonform der Vorteile wegen, die mit der Besetzung von  
Positionen verbunden sind. Sie unterlaufen damit permanent die idealtypischen  
Integrationsvoraussetzungen und werden insoweit als Fremdkörper, als „Stachel  
im Fleisch", empfunden. Ein guter Bürger ist letztlich nur, wer Gefolgschaft leistet  
auf Basis eines ideologiekonformen Überzeugtseins. Weltanschauungsdiktaturen  
sind daher an Menschen interessiert, die nicht deshalb Gefolgschaft leisten, weil  
die opportunistische Anpassung private Vorteile verspricht, sondern weil sie die  
Inhalte der Systemideologie vorbehaltlos übernommen und verinnerlicht haben.11  
Gleichwohl bleibt die Integration von Opportunisten – und ebenso von politisch Indifferenten – ein Wagnis. Wer sich nur der persönlichen Vorteile wegen  
anpasst, kann sich nicht aus innerer Überzeugung zu den weltanschaulichen Zielen und zum Projekt ihrer Realisierung öffentlich bekennen. Seine wahre Haltung  
wird nur selten unerkannt bleiben. Schlimmer noch: Wenn der Opportunist zu  
erkennen gibt, dass er die öffentlich kommunizierten Meinungen gar nicht teilt,  
sondern sich in seinen Verlautbarungen lediglich der Staatsmacht beugt, entlarvt  
er seine Ideologiekonformität als bewusste Heuchelei und gibt die Staatsmacht  
der Lächerlichkeit preis. Damit aber konterkariert er den Zweck des Strebens  
nach ideologischer Gleichschaltung – nämlich die Herstellung sozialer Kohä-  
renz und die Vermeidung gesellschaftlicher Konfl ikte. Der Opportunist, der sich  
als ein solcher zu erkennen gibt oder auch nur erkennbar macht, zerstört die  
Glaubwürdigkeit des Anspruchs der Führer, ihre Herrschaft beruhe auf der freiwilligen Zustimmung der Gesellschaftsmitglieder. Während Renegaten und Widerständler ausgegrenzt und gegebenenfalls offensiv bekämpft werden, wirken  
Opportunisten, deren Opportunismus ruchbar geworden ist, als Moment der  
inneren Zersetzung. Zwar sind gerade sie es, die ideologiegeleitete Diktaturen

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10 Vgl. dazu Steffen Kailitz, Charakteristika der staatlichen Einbindung von Eliten und  
Bevölkerung in Ideokratien. In: Totalitarismus und Demokratie, 9 (2012) 1, S. 57–82,  
hier 60.  
11 Vgl. dazu Wolfgang Bialas, Legitimation, Kooptation und Repression im NS-Regime.  
In: Totalitarismus und Demokratie, 9 (2012) 1, S. 101–122, hier 113.

am Leben erhalten; sie sorgen aber auch – in der Regel wohl unbewusst und  
ungewollt – für ihre ideologische Aushöhlung, für ihre schleichende und immer  
zu spät erkannte innere Auflfl ösung. Der Heuchler gilt zu Recht als gefährlich und  
zieht den Argwohn auf sich.