# 1. Eine spezifi sche Herausforderung Herrschaftssysteme können durch Leistungen überzeugen; sie können Zustimmung generieren, indem die Gemeinschaftsmitglieder die Auffassung gewinnen, dass sie unter den gegebenen politischen und sozialen Verhältnissen ihre Bedürfnisse und Interessen auf einem akzeptablen Niveau befriedigen und mutmaß- lich auch in Zukunft befriedigen werden können. Dies etwa dürfte sich auch Lenin vorgestellt haben, als er im Bewusstsein der Überlegenheit seines Gesellschaftsprojekts verkündete, dass der Sozialismus „durch das Beispiel" wirke.2 Indem Weltanschauungsdiktaturen auf eine grundlegende gesellschaftliche Neuordnung abzielen und Umgestaltungsprozesse dieser fundamentalen Art erfahrungsgemäß auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und womöglich Widerstand unter den Gemeinschaftsmitgliedern stoßen und letztlich mit Verzögerungen bei der Verwirklichung der von ihnen in Aussicht gestellten Ziele konfrontiert sind, ist ihnen der Weg, Zustimmung vor allem durch eine allseits überzeugende Leistungserbringung zu organisieren, in der Regel versperrt. Indem solche Diktaturen weit in der Zukunft liegende Ziele anvisieren, müssen sie im Prozess ihrer Legitimitätsbeschaffung schon von daher – also abgesehen von den hinzutretenden Verzögerungen infolge von nicht vorhersehbaren oder jedenfalls nicht vorhergesehenen Schwierigkeiten – Zeitspannen überbrücken, die über ein Menschenalter hinausgreifen können. Menschen aber sind in einem beträchtlichen Maße gegenwartsorientiert. Der Spatz heute schon in der Hand ist ihnen häufi g wichtiger als die Taube erst morgen auf dem Dach. Rationale Personen sind zwar in der Lage, auf die gegenwärtige Befriedigung von Bedürf \-- 2 Wladimir I. Lenin, Rede in der Aktivversammlung der Moskauer Organisation der KPR (B), 6. Dezember 1920. In: Ders., Werke, Berlin 1959, Band 31, S. 434–454, hier 452. nissen zugunsten einer zukünftig besseren, allerdings auch unsichereren Bedürfnisbefriedigung zu verzichten, Konsumwünsche beispielsweise aufzuschieben oder selbst auf ihre Freiheit eine Zeit lang zu verzichten, sie lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf eine gänzlich unbestimmte Zukunft vertrösten. Daraus ergibt sich für Weltanschauungsdiktaturen ein existenzielles Problem: Unter der Voraussetzung, nicht durch Leistungen ausreichend überzeugen zu können, müssen sie Zustimmung über eine Akzeptanz zu der von ihnen propagierten und verbindlich vorgeschriebenen Systemideologie organisieren. Der Einzelne muss die Realisierung der anvisierten Ziele für wünschbar und möglich halten; er muss die weltanschaulich-ideologischen Grundannahmen teilen und von der Sinnhaftigkeit des gesamten Unternehmens überzeugt sein. Nur dann wird er bereit sein, Verzögerungen als zeitweilige Rückschläge zu deuten und die psychisch nur schwer zähmbare Gegenwartsorientierung zu überwinden versuchen. Das heißt aber: Zustimmung kann vor allem dann erwartet werden, wenn die Mitglieder der Gemeinschaft die Systemideologie internalisiert haben.