Ideologiekonformität und Indoktriniertheit Zum Herrschaftsanspruch der Weltanschauungsdiktatur
- Lothar Fritze
- Abstract
- I. Ideologiekonformität
- 1. Eine spezifi sche Herausforderung
- II. Ideologiekonformität durch Indoktrination
- 2. Äußere und innere Ideologiekonformität
- III. Der idealtypische Herrschaftsanspruch
- 3. Zugriff auf das Denken und Fühlen
- 1. Autonomie trotz ideologiekonformen Überzeugtseins
- IV. Was für einen Menschen braucht die Weltanschauungsdiktatur?
- 2. Bewusstseinsformung als permanente Aufgabe
- 3. Zur Ubiquität irrationaler Überzeugungsbildung
- 1. Opportunisten
- 1. Autonomes Denken und Handeln im Rahmen der Systemideologie
- 2. Ideologiekonformes Überzeugtsein
- 3. Der idealtypisch indoktrinierte Mensch
- 4. Geforderte Anpassungen
- 2. Befähigung zur Autonomie als Moment der Realisierung der Systemziele
- 3. Unvereinbarkeit von Zielen und Mitteln
- V. Fazit
Lothar Fritze
Prof. Dr. Lothar Fritze, geb. 1954 in Karl-Marx- Stadt. Studium der Betriebswirt- schaft an der TH Karl-Marx-Stadt (Dipl.-Ing. oec.). 1988 Promotion zum Dr. phil. an der Hum- boldt-Univer- sität zu Berlin; 1998 Habili- tation im Fach Politikwissenschaft an der TU Chemnitz. Seit 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah- Arendt-Institut für Totalitaris musforschung an der TU Dresden; seit 2007 apl. Prof. im Fach Politikwissen- schaft der TU Chemnitz.
Abstract
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Ideocracies have to look to the people who have the ability to think and act independently within the limits prescribed by the ideology of the sys-tem. For this reason, ideocratic regimes cannot aim at completely destroying human autonomy. Indoctrination should thus aspire to generate dispositions to development of convictions that are compliant with the ideology. Ideocracies rely on people who are proactive and capable of thinking for themselves – however, always with-in the strict limits of the irrevocable essence of the system ideology and without ever question- ing the established ideological core. In this in-ner contradiction of the ideological project are the seeds of its self-destruction.
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Ideokratien müssen sich an die Menschen wenden, die sie haben die Fähigkeit, selbständig zu denken und zu handeln die durch die Ideologie des Systems vorgegebenen Grenzen tem. Aus diesem Grund können ideokratische Regime dies nicht Ziel ist die völlige Zerstörung der menschlichen Autonomie. Indoktrination sollte daher danach streben, etwas zu erzeugen Dispositionen zur Entwicklung von Überzeugungen, die sind konform mit der Ideologie. Ideokratien Verlassen Sie sich auf Menschen, die proaktiv und leistungsfähig sind selbst denkend – jedoch immer mit-in den strengen Grenzen des unwiderruflichen Wesens von die Systemideologie und ohne jemals in Frage zu stellen-ing den etablierten ideologischen Kern. In diesem In-ner Widerspruch des ideologischen Projekts sind die Saat seiner Selbstzerstörung.
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1 Vgl. Lothar Fritze, Die Weltanschauungsdiktatur. In: Totalitarismus und Demokratie,
5 (2008) 2, S. 205–227.
I. Ideologiekonformität
Weltanschauungsdiktaturen erwarten von den Herrschaftsunterworfenen Ideologiekonformität; insbesondere sind sie auf ideologiekonformes Handeln angewiesen – darauf also, dass die Gemeinschaftsmitglieder Gefolgschaft leisten und die in Geltung gesetzten Normen befolgen. Erfahrungen legen jedoch die Annahme nahe, dass solche Herrschaftssysteme längerfristig nur dann stabil bleiben, wenn genügend viele der Gemeinschaftsmitglieder sich nicht nur system- beziehungsweise ideologiekonform verhalten, sondern der Herrschaft und Herrschaftsausübung tatsächlich mit Überzeugung zustimmen. Ideologiegeleitete Diktaturen sind daher zwingend darum bemüht, Zustimmung der Herrschaftsunterworfenen zu erlangen.
1. Eine spezifi sche Herausforderung
Herrschaftssysteme können durch Leistungen überzeugen; sie können Zustimmung generieren, indem die Gemeinschaftsmitglieder die Auffassung gewinnen,
dass sie unter den gegebenen politischen und sozialen Verhältnissen ihre Bedürfnisse und Interessen auf einem akzeptablen Niveau befriedigen und mutmaß-
lich auch in Zukunft befriedigen werden können. Dies etwa dürfte sich auch
Lenin vorgestellt haben, als er im Bewusstsein der Überlegenheit seines Gesellschaftsprojekts verkündete, dass der Sozialismus „durch das Beispiel" wirke.2
Indem Weltanschauungsdiktaturen auf eine grundlegende gesellschaftliche
Neuordnung abzielen und Umgestaltungsprozesse dieser fundamentalen Art
erfahrungsgemäß auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und womöglich Widerstand unter den Gemeinschaftsmitgliedern stoßen und letztlich mit Verzögerungen bei der Verwirklichung der von ihnen in Aussicht gestellten Ziele
konfrontiert sind, ist ihnen der Weg, Zustimmung vor allem durch eine allseits
überzeugende Leistungserbringung zu organisieren, in der Regel versperrt. Indem solche Diktaturen weit in der Zukunft liegende Ziele anvisieren, müssen
sie im Prozess ihrer Legitimitätsbeschaffung schon von daher – also abgesehen
von den hinzutretenden Verzögerungen infolge von nicht vorhersehbaren oder
jedenfalls nicht vorhergesehenen Schwierigkeiten – Zeitspannen überbrücken,
die über ein Menschenalter hinausgreifen können. Menschen aber sind in einem
beträchtlichen Maße gegenwartsorientiert. Der Spatz heute schon in der Hand
ist ihnen häufi g wichtiger als die Taube erst morgen auf dem Dach. Rationale
Personen sind zwar in der Lage, auf die gegenwärtige Befriedigung von Bedürf
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2 Wladimir I. Lenin, Rede in der Aktivversammlung der Moskauer Organisation der KPR
(B), 6. Dezember 1920. In: Ders., Werke, Berlin 1959, Band 31, S. 434–454, hier 452.
nissen zugunsten einer zukünftig besseren, allerdings auch unsichereren Bedürfnisbefriedigung zu verzichten, Konsumwünsche beispielsweise aufzuschieben
oder selbst auf ihre Freiheit eine Zeit lang zu verzichten, sie lassen sich aber
nicht ohne Weiteres auf eine gänzlich unbestimmte Zukunft vertrösten.
Daraus ergibt sich für Weltanschauungsdiktaturen ein existenzielles Problem:
Unter der Voraussetzung, nicht durch Leistungen ausreichend überzeugen zu
können, müssen sie Zustimmung über eine Akzeptanz zu der von ihnen propagierten und verbindlich vorgeschriebenen Systemideologie organisieren. Der
Einzelne muss die Realisierung der anvisierten Ziele für wünschbar und möglich
halten; er muss die weltanschaulich-ideologischen Grundannahmen teilen und
von der Sinnhaftigkeit des gesamten Unternehmens überzeugt sein. Nur dann
wird er bereit sein, Verzögerungen als zeitweilige Rückschläge zu deuten und die
psychisch nur schwer zähmbare Gegenwartsorientierung zu überwinden versuchen. Das heißt aber: Zustimmung kann vor allem dann erwartet werden, wenn
die Mitglieder der Gemeinschaft die Systemideologie internalisiert haben.
II. Ideologiekonformität durch Indoktrination
Weltanschauungsdiktaturen sind aber nicht schlechthin an ideologisch Überzeugten interessiert. Denn ein im Sinne der Systemideologie Überzeugter kann
seine Überzeugung durchaus selbstständig, durch eigenes Nachdenken und eigene Forschungen gebildet haben.
2. Äußere und innere Ideologiekonformität
Zunächst gilt zwar: Ideologiekonformes Handeln, einschließlich eines ideologiekonformen öffentlichen Sprechens, ist eine langfristig nicht verzichtbare
Existenzvoraussetzung von Weltanschauungsdiktaturen. Gleichzeitig gilt aber
auch: Ein dauerhaft ideologiekonformes Handeln ist kaum erwartbar, wenn
die das Handeln orientierende Ideologie nur opportunistisch vertreten wird,
nicht aber in den Überzeugungsbestand der Handelnden übernommen wurde.
Weltanschauungsdiktaturen – und damit sind letztlich immer die Führer dieser
Diktaturen gemeint – werden sich daher nicht damit zufriedengeben, dass die
Herrschaftsunterworfenen ideologiekonforme öffentliche Bekenntnisse ablegen. Weltanschauungsdiktaturen können auf Dauer ihre Legitimität nicht nur
postulieren und sich als zustimmungsfähig präsentieren; letztlich müssen sie
faktische Legitimität (die gleichwohl aus einer systemäußeren Perspektive keineswegs anerkennungswürdig sein muss) durch tatsächliche, das heißt durch
eine auf Überzeugung beruhende, Zustimmung erwerben. Deshalb werden sie
es als unzureichend betrachten, wenn die Gemeinschaftsmitglieder die von der
Ideologie geforderten Anschauungen lediglich öffentlich vertreten – also letztlich eine Übereinstimmung mit der Systemideologie nur im äußeren Verhalten
gegeben ist.
Eine äußere Ideologiekonformität schließt abweichende private Überzeugungen nicht aus. Denn die Übereinstimmung von innerem Glauben und öffentlichem Bekenntnis kann vorgetäuscht sein. Stabile Weltanschauungsdiktaturen
legen es daher auf eine ideologiekonforme Überzeugungsbildung an. Eine innere
Ideologiekonformität ist gleichsam eine konstitutive Bedingung einer dauerhaften
und nicht nur längerfristigen Existenz. Der Einzelne soll die Systemideologie
internalisieren, und er soll sich offen und ehrlich zu ihr bekennen.
III. Der idealtypische Herrschaftsanspruch
Allgemein gilt somit: Weltanschauungsdiktaturen fordern nicht nur ein systembeziehungsweise ideologiekonformes Verhalten. Im Interesse einer dauerhaften
und dauerhaft stabilen Existenz benötigen sie Menschen, die in Übereinstimmung mit der Systemideologie ideologiekonforme Überzeugungen in einem
möglichst umfassenden Sinne ausgebildet haben. Sie benötigen Menschen, die
insbesondere auch die Modalitäten der Herrschaftsausübung akzeptieren. Gewähr für eine solche Akzeptanz bietet allerdings nur der irrational Überzeugte.
Ideologiegeleitete Diktaturen sind darauf ausgerichtet, repressive Macht,
die auf der Androhung oder dem Vollzug von Sanktionen für unangepasstes
Verhalten beruht, und kompensatorische Macht, die auf der Inaussichtstellung
oder Verteilung von Gütern und Positionen für angepasstes Verhalten beruht,
durch konditionierte Macht zu ersetzen, die auf der Fähigkeit beruht, die Bedürfnis- und Interessenarchitektur sowie die Urteils- und Willensbildung der Gemeinschaftsmitglieder entsprechend der Systemideologie zu formen.8
In diesem
Sinne hatte Lenin „Gewalt" nur „gegenüber denjenigen" vorgesehen, „die ihre
Herrschaft wieder aufrichten wollen". Damit sei „die Bedeutung der Gewalt erschöpft"; weiter komme „es schon auf den Einfl uss und auf das Beispiel an".9
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8 Zu den drei genannten Machtformen vgl. John Kenneth Galbraith, Anatomie der
Macht, München 1989, S. 14 f.
9 Wladimir I. Lenin, Rede in der Aktivversammlung der Moskauer Organisation der KPR
(B), 6. Dezember 1920. In: Ders., Werke, Berlin 1959, Band 31, S. 452.
3. Zugriff auf das Denken und Fühlen
Indem Weltanschauungsdiktaturen auch auf eine Formierung der persönlichen
Überzeugungen entsprechend ihrer Systemideologie angewiesen sind, wird in
ihnen eine Trennung aufgehoben, die bereits für den als absolutistisch geltenden
Staat Thomas Hobbes' konstitutiv war. Danach ist der Staat berechtigt, über das
Glaubensbekenntnis zu bestimmen, der Glaube selbst aber gilt als Privatsache.3
Hobbes hatte mit dieser Konzeption eine Unterscheidung zwischen einem
Subjekt-Inneren und Subjekt-Äußeren, zwischen privatem Glauben und
öffentlichem Bekenntnis eingeführt und damit den Keim für die Entstehung
der modernen Vorstellungen von Gedanken- und Gewissensfreiheit gelegt, die
ihrerseits die geistige Grundlage für den liberalen Rechts- und Verfassungsstaat
und die ihn kennzeichnende Etablierung von individuellen Freiheitsrechten
bildeten.4
Allerdings dürfte Hobbes die innere Dynamik verkannt haben, die durch eine
Unterscheidung von privatem Glauben und öffentlichem Bekenntnis freigesetzt
wird. Denn mit den individuellen Freiheitsrechten war das Recht auf Meinungs-
äußerungsfreiheit anerkannt, und auch wenn die Freiheit des Denkens und der
Meinungsäußerung unter dem Vorbehalt der Wahrung des inneren Friedens und
der Unantastbarkeit der souveränen Gewalt des Staats stand, war doch mit der
Idee der Gedanken- und Glaubensfreiheit und dem Verzicht auf jede staatlich
gesteuerte gesellschaftliche Überzeugungsbildung der, wie Carl Schmitt formulierte, „Todeskeim" gelegt, der den absoluten Staat „von innen her zerstört" hat,
indem die damit gesetzte „Unterscheidung von innerem Glauben und äußerem
Bekenntnis" sich „unwiderstehlich" entfaltete und „zur alles beherrschenden
Überzeugung" wurde.5
Und in der Tat: Die Artikulation von abweichenden Auffassungen und Kritik
beschwört für den Hobbes'schen Staat die Gefahr herauf, dass er seine friedensfördernde Funktion nicht mehr angemessen wahrnehmen kann. Staatliche Souveränität fordert daher vom Einzelnen nicht nur Gesetzesgehorsam, sondern die
Akzeptanz, dass er kein Recht hat, auch nur auf Revisionsbedarf hinzuweisen
sowie auf Veränderungen in der Herrschaftsausübung zu drängen oder bei dieser gar mitzuwirken.
Man könnte meinen, dass die Führer der Weltanschauungsdiktaturen des
20. Jahrhunderts die herrschaftszersetzende Gefahr, die mit der Unterscheidung
von öffentlichem Bekenntnis und privatem Glauben verbunden sein kann, gera-
--
3 Vgl. Thomas Hobbes, Leviathan, Hamburg 1996, S. 396 f., 400, 574 f.
4 So Carl Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols, Köln 1982, S. 85 f. Vgl. dazu auch Michael Groß-
heim, Religion und Politik. Die Teile III und IV des Leviathan. In: Wolfgang Kersting
(Hg.), Thomas Hobbes. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und
bürgerlichen Staates, 2., bearbeitete Aufl age Berlin 2008, S. 233–259, hier 245, 252.
5 Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes, S. 86, 91.
dezu instinktiv durchschaut hatten. Sie bestanden nicht nur auf Konformität im
äußeren Verhalten, sondern legten Wert darauf, dass ihre Ideologie gleichsam
das Innere des Menschen erfasst und sich auch sein Denken und Fühlen ideologiekonform gestaltet. Der Einzelne sollte sich zur Systemideologie nicht nur
öffentlich bekennen; er sollte diese verinnerlichen und entsprechend denken
und fühlen; er sollte eine der Systemideologie entsprechende Lebenshaltung
ausbilden, die an ihn gestellten Forderungen freudig bejahen und sich aus innerer Überzeugung aktiv am Aufbau und der Entfaltung der neuen Ordnung
beteiligen.
Deshalb gilt: Weltanschauungsdiktaturen sind nicht nur an ideologiekonform
Handelnden interessiert, sondern an Gemeinschaftsmitgliedern, die die Systemideologie internalisiert, das heißt in ihren Überzeugungsbestand aufgenommen,
haben. Daher stehen sie permanent vor der Aufgabe, ihre Systemideologie in die
Hirne und Herzen der Gemeinschaftsmitglieder zu pfl anzen.
Um die politisch und sozial relevanten Überzeugungen im Sinne der Systemideologie zu transformieren, werden Methoden der geistigen Manipulation
genutzt: Man versucht, den Herrschaftsunterworfenen durch ein staatliches
System der Erziehung, Ausbildung und Propaganda sowie durch Kontrolle der
gesellschaftlichen Informationsfl üsse ein bestimmtes Weltbild einzutrichtern, sie
durch ständige Wiederholung und Überredung zur Übernahme bestimmter politischer Meinungen zu bewegen, ihr Unterbewusstsein mittels Psychotechniken
zu formen, um gewünschte Assoziationen zu wecken und ideologiekonforme
Denkmuster zu erzeugen. Somit ist festzuhalten: Eine unverzichtbare Herrschaftstechnologie der Weltanschauungsdiktatur ist die Indoktrination.
1. Autonomie trotz ideologiekonformen Überzeugtseins
Wer die Inhalte der Systemideologie aufgrund eigenen Nachdenkens oder eigener geistes- oder sozialwissenschaftlicher Forschung für plausibel hält und
deshalb in seinen Überzeugungsbestand aufnimmt, ist immer noch geistig unabhängig. Weil er aber trotz seines ideologiekonformen Überzeugtseins autonom
ist, kann er jederzeit aufgrund neuen Nachdenkens und neuer Forschungen Irrtümer erkennen und seine Auffassungen korrigieren. Wer seine Auffassungen
eigenständig bildet, kann jederzeit zu einem Abtrünnigen werden.
Die Erfahrungen, die beide paradigmatischen Weltanschauungsdiktaturen des
20. Jahrhunderts, vor allem die bolschewistische, aber auch die nationalsozialistische Diktatur, mit einer nicht unerheblichen Menge von Renegaten zu machen
hatten, bestätigen dies. Der zwar ideologisch Überzeugte, aber eigenständig Denkende ist letztlich unkontrollierbar; er gilt zu Recht als unsicherer Kantonist. Der
in beiden, weltanschaulich so unterschiedlichen, Diktaturen virulente Vorbehalt
gegenüber Intellektuellen und allen selbstständig Denkenden ist daher nachvollziehbar. Der intellektuell Autonome gilt zu Recht als potenzielle Bedrohung.
Allerdings gilt nicht nur seine geistige Unabhängigkeit als Bedrohung. Die Führer von Weltanschauungsdiktaturen legen es nicht nur darauf an, Zustimmung
zu erlangen zu den Inhalten ihrer Ideologie; ihnen geht es zugleich um Zustimmung zu ihrer Herrschaft und damit immer auch ihrer Herrschaftsausübung. Es
ist jedoch für keinen rationalen Akteur vernünftig, der Ingeltungsetzung einer
Norm zuzustimmen, die politische Führer ermächtigt, Mittel der Indoktrination
– nämlich zum Zwecke einer irrationalen Überzeugungsbildung – einzusetzen
und damit auch ihn selbst geistig zu manipulieren. Damit aber wird ein intellektuell Autonomer eine entscheidende Herrschaftstechnologie ideologiegeleiteter
Diktaturen ablehnen und der Art und Weise der Herrschaftsausübung gerade
nicht zustimmen.
Mithin ist festzuhalten: Die Führer ideologiegeleiteter Diktaturen können
nicht schlechthin an Gemeinschaftsmitgliedern interessiert sein, die den Inhalten der Systemideologie zustimmen. Zur Realisierung ihrer Herrschaftsziele
sind sie auf eine Bevölkerung angewiesen, die zugleich auch ihre Herrschaft
und Herrschaftsausübung – man könnte auch sagen: die ihre Ideologie in einem größtmöglichen Umfang, also einschließlich der Art und Weise der Herrschaftsausübung – akzeptiert. Um derart Überzeugte zu generieren, sind diese
Diktaturen gezwungen, generell auf eine Ideologiekonformität zu setzen, die auf
Indoktrination beruht. Sie werden also versuchen – wenn auch nicht zwingend
intentional, so doch zumindest faktisch –, Zustimmung zu erlangen auf der Basis
einer irrationalen Überzeugungsbildung.
IV. Was für einen Menschen braucht die Weltanschauungsdiktatur?
Zur Ausübung des menschlichen Vermögens der Selbstbestimmung gehört es, seine Überzeugungen auf eine Art und Weise zu bilden, die man als ein ratio- nales Wesen selbst wollen kann. Kein rationales Wesen kann aber wollen, dass es seine Überzeugungen so bildet, dass sein Überzeugungssystem nicht in opti- maler Weise geeignet ist, der Befriedigung seiner tatsächlichen Bedürfnisse, der Verwirklichung seiner wohlverstandenen Interessen zu dienen. Das aber heißt, dass jede rationale Person daran interessiert ist, ihre Überzeugungen auf eine möglichst rationale Weise zu gewinnen.
2. Bewusstseinsformung als permanente Aufgabe
„Indoktrination" soll die beabsichtigte und gezielte Beeinfl ussung von Bewusstseinsinhalten heißen, die im Falle ihres Gelingens zur Internalisierung bestimmter Überzeugungsinhalte führt, ohne dass der Einzelne für die Übernahme dieser
Inhalte rationale Gründe hätte. Indoktrination ist eine Form von Machtaus-
übung, durch die ein Indoktrinierer einen zu Indoktrinierenden absichtlich dazu
bringt, bestimmte Dinge zu glauben und letztlich auch zu tun, wovon der Indoktrinierer wünscht, dass der zu Indoktrinierende sie glaubt und tut, und die dieser
ansonsten nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit geglaubt oder getan hätte.
Ideologiegeleitete Diktaturen sind wesentlich charakterisiert durch eine systematische und staatlich organisierte Erzeugung von Bewusstseinsinhalten, die mit
der Systemideologie in Übereinstimmung stehen. Während der Terror als eine
spezifi sche Form repressiver Machtausübung unter Umständen verzichtbar ist,
ist die geistige Manipulation das zentrale und unverzichtbare Herrschaftsinstrument jeder Weltanschauungsdiktatur. Die Herrschaftsunterworfenen im Sinne
der Systemideologie zu infi ltrieren und Inhalte, die mit dieser Ideologie unvereinbar sind, zu eliminieren ist die bei Weitem wichtigste permanente Aufgabe
der Führungselite einer solchen Diktatur.
Der Zustand des Indoktriniertseins ist mit der Selbsttäuschung verbunden,
man stimme den angebotenen Überzeugungsinhalten freiwillig zu, man selbst sei
es, der sich diese Überzeugung gebildet habe. Indoktrination versetzt den Einzelnen in einen Zustand der Verblendung, der beim Indoktrinierten noch nicht
einmal die Ahnung aufkommen lässt, dass er indoktriniert ist. Der Indoktrinierte
hat sich seine Überzeugungen weder aufgrund einer individuellen Einsicht in die
Wahrheit der Überzeugungsinhalte noch auf der Basis kognitiv angemessener
Gründe gebildet, die es rechtfertigen würden, das dem Für-wahr-Halten zugrunde liegende Vertrauen in die Schöpfer oder Vertreter der übernommenen Ideologeme zu fassen. Eine Überzeugungsbildung dieser Art ist irrational.
Dabei ist es keineswegs die Intention eines totalitären Diktators – jedenfalls
insoweit er selbst die Systemideologie verinnerlicht hat –, die Autonomie der Gemeinschaftsmitglieder zu zerstören; vielmehr glaubt er, die Bedingungen ihrer
Möglichkeit zu allererst herzustellen und auch herstellen zu müssen. Die Erziehungsdiktatur ist das Mittel dazu. So wie Marx glaubte, das Proletariat bei der
Generierung des revolutionären Klassenbewusstseins unterstützen zu müssen,
war Hitler der Auffassung, dass das in seinem Denken und Streben im bürgerlichen Liberalismus und im sogenannten Materialismus verharrende und vom „jü-
dischen Geist" infi zierte Volk6
der Aufklärung durch die nationalsozialistische
Ideologie bedarf. Es ist nicht das eigentliche und letzte Ziel des ideologisch überzeugten totalitären Diktators, sich zum Herrscher über andere aufzuschwingen;
er legt es in seiner Selbstwahrnehmung nicht darauf an, die Einzelnen wie Marionetten tanzen zu lassen, nur um seine Ziele zu erreichen. Als Exekutor sozialer
oder natürlicher Gesetzmäßigkeiten – die er nicht gemacht hat – ist er selbst
sogar unfrei. Er möchte als ein Wissender, als einer derjenigen, die Bewusstsein
über das geschichtlich Gebotene und gesellschaftlich Nützliche erlangt haben,
Einsicht vermitteln und alle Bedingungen beseitigen, die falsches Bewusstsein
erzeugen. Er agiert, so seine subjektive Sicht, im Dienste der individuellen
--
6 Die „jüdische Rasse" war für Hitler „vor allem eine Gemeinschaft des Geistes" ([Adolf
Hitler], Hitlers Politisches Testament. Die Bormann Diktate vom Februar und April
1945. Mit einem Essay von Hugh R. Trevor-Roper und einem Nachwort von André
François-Poncet, Hamburg 1981, S. 68). Daher begriff er das „Judenproblem" auch
und vielleicht sogar in der Hauptsache als eine Art „Infektionsgefahr" für die nordische
Rasse – nämlich die Gefahr einer möglichen Anverwandlung des deutschen Volkscharakters an jüdische Wesenszüge.
Befreiung jedes einzelnen Gesellschaftsmitglieds, jedes Volksgenossen. Dem
widerspricht auch nicht, dass totalitäre Diktatoren an fanatischen Mitstreitern
interessiert sind, denn sie betrachten es gerade als ein Zeichen menschlicher
Autonomie, wenn der Einzelne die Systemideologie, also die Wahrheit, wie sie
meinen, übernimmt und entsprechend handelt.
3. Zur Ubiquität irrationaler Überzeugungsbildung
In allen politisch-sozialen Systemen lassen sich Menschen kritiklos mitreißen; in
den verschiedensten Situationen fi nden Führer eine gedankenlose Gefolg schaft;
unter beliebigen politischen Umständen werden fragwürdige Ideen ohne Prüfung
verinnerlicht. Vermutlich wäre es sogar falsch anzunehmen, die Zustimmung zur
Demokratie käme mehrheitlich auf der Grundlage demokratietheoretisch akzeptabler Überlegungen zustande.
Ebenso wenig sind Indoktrination und bewusste Indoktrinierungsversuche
Vorgänge, die ausschließlich in Weltanschauungsdiktaturen anzutreffen wären.
Auch in demokratisch verfassten pluralistischen Gesellschaften sind politische
Propaganda und geistige Manipulation an der Tagesordnung. Gerade hier stößt
man auf nicht wenige Indoktrinierte und Fanatiker unterschiedlichster Couleur.
Der Unterschied zwischen einer ideologiegeleiteten Diktatur und einer liberalen Demokratie kann also nicht im Bestehen oder Nicht-Bestehen von irrationaler Überzeugungsbildung und Indoktrination gesucht werden. Entscheidend ist vielmehr: Während der Einzelne in der pluralistischen Gesellschaft
mit einem freien Markt der Ideen, Meinungen und Glaubensüberzeugungen
konfrontiert ist, auf dem er sich letztlich eigenständig orientieren muss, sieht
er sich in der Weltanschauungsdiktatur einem Informations-, Propaganda- und
Erziehungsmonopol gegenüber. Sich dem dadurch erzeugten Indoktrinationsdruck zu entziehen ist nicht einfach, obwohl gerade die Massivität und Erkennbarkeit dieses Drucks auch als Alarmsignal wirkt und Gegenkräfte wachrufen
kann. Ent scheidend ist aber auch, dass in einer ideologiegeleiteten Diktatur
die Bedingungen bewusst und systematisch zerstört werden, die eine rationale Urteils- und Überzeugungsbildung erst ermöglichen: nämlich die Meinungs-
äußerungsfreiheit, die Wissenschaftsfreiheit, das Recht und die praktische Möglichkeit, öffentlich zu kritisieren, sowie die persönliche Freiheit, sich geistigen
Beeinfl ussungen zu entziehen.
Martin Drath hat zu Recht die „Bildung des Staatswillens" auf einer „grundsätzlich staatsfreien individuellen Urteils- und Willensbildung" als „Grundzug
der freiheitlichen Demokratie" bezeichnet.7
Diese „Grundzugbestimmung" ist
--
7 Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie. In: Siegfried Jenkner/Bruno Seidel (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1968, S. 310–358, hier 328.
allerdings normativ zu verstehen; sie ist nicht notwendigerweise eine zutreffende
Beschreibung sämtlicher politisch-sozialer Systeme, die die Freiheit auf ihre Fahne geschrieben haben.
Natürlich ist nicht jede Form der geistigen Beeinfl ussung eine Indoktrination.
Wenn in liberalen Verfassungsstaaten etwa Anstalten der politischen Bildung auf
eine system- beziehungsweise wertekonforme Bewusstseinsbildung ausgerichtet
sind, so sollten sie den Einzelnen jederzeit als ein autonomes, zum Selbstdenken fähiges Wesen respektieren und an einer rationalen Überzeugungsbildung
inte ressiert sein. Statt den einzelnen Bürger unter Ausschaltung seiner Vernunft
dazu zu bringen, staatlich gewünschte Überzeugungen auszubilden, werden sie
für die Übernahme bestimmter Überzeugungsinhalte Gründe, sachliche Gesichtspunkte, anführen, die der Handelnde auf der Basis eigener Überlegungen
bewerten kann. Gelangt er zu dem Ergebnis, dass es sich um gute Gründe handelt, hat er einen hinreichenden Grund, eine bestimmte Auffassung zu übernehmen und auch öffentlich zu vertreten.
1. Opportunisten
Dieser, idealtypische, Herrschaftsanspruch schließt in der Realität nicht aus, dass
Weltanschauungsdiktaturen letztlich auch Lippenbekenntnisse akzeptieren.10 Indoktrinationsprozesse verlaufen häufi g unbefriedigend, und in bei Weitem nicht
allen Fällen wird der gewünschte Grad an Indoktrination tatsächlich realisiert.
Auch die Führer von Weltanschauungsdiktaturen sind daher genötigt, pragmatisch vorzugehen und auch solche Bürger in das Regime zu integrieren, die zwar
nicht innerlich überzeugt sind, sich aber in der Öffentlichkeit als Überzeugte
präsentieren und sich angepasst verhalten.
Kein Regime kommt umhin, auch Opportunisten einzubinden und gegebenenfalls ideologisch indifferente Fachleute für Führungspositionen im Staatsapparat oder in Wirtschaft und Gesellschaft zu kooptieren. Opportunisten aber
verhalten sich ideologiekonform der Vorteile wegen, die mit der Besetzung von
Positionen verbunden sind. Sie unterlaufen damit permanent die idealtypischen
Integrationsvoraussetzungen und werden insoweit als Fremdkörper, als „Stachel
im Fleisch", empfunden. Ein guter Bürger ist letztlich nur, wer Gefolgschaft leistet
auf Basis eines ideologiekonformen Überzeugtseins. Weltanschauungsdiktaturen
sind daher an Menschen interessiert, die nicht deshalb Gefolgschaft leisten, weil
die opportunistische Anpassung private Vorteile verspricht, sondern weil sie die
Inhalte der Systemideologie vorbehaltlos übernommen und verinnerlicht haben.11
Gleichwohl bleibt die Integration von Opportunisten – und ebenso von politisch Indifferenten – ein Wagnis. Wer sich nur der persönlichen Vorteile wegen
anpasst, kann sich nicht aus innerer Überzeugung zu den weltanschaulichen Zielen und zum Projekt ihrer Realisierung öffentlich bekennen. Seine wahre Haltung
wird nur selten unerkannt bleiben. Schlimmer noch: Wenn der Opportunist zu
erkennen gibt, dass er die öffentlich kommunizierten Meinungen gar nicht teilt,
sondern sich in seinen Verlautbarungen lediglich der Staatsmacht beugt, entlarvt
er seine Ideologiekonformität als bewusste Heuchelei und gibt die Staatsmacht
der Lächerlichkeit preis. Damit aber konterkariert er den Zweck des Strebens
nach ideologischer Gleichschaltung – nämlich die Herstellung sozialer Kohä-
renz und die Vermeidung gesellschaftlicher Konfl ikte. Der Opportunist, der sich
als ein solcher zu erkennen gibt oder auch nur erkennbar macht, zerstört die
Glaubwürdigkeit des Anspruchs der Führer, ihre Herrschaft beruhe auf der freiwilligen Zustimmung der Gesellschaftsmitglieder. Während Renegaten und Widerständler ausgegrenzt und gegebenenfalls offensiv bekämpft werden, wirken
Opportunisten, deren Opportunismus ruchbar geworden ist, als Moment der
inneren Zersetzung. Zwar sind gerade sie es, die ideologiegeleitete Diktaturen
--
10 Vgl. dazu Steffen Kailitz, Charakteristika der staatlichen Einbindung von Eliten und
Bevölkerung in Ideokratien. In: Totalitarismus und Demokratie, 9 (2012) 1, S. 57–82,
hier 60.
11 Vgl. dazu Wolfgang Bialas, Legitimation, Kooptation und Repression im NS-Regime.
In: Totalitarismus und Demokratie, 9 (2012) 1, S. 101–122, hier 113.
am Leben erhalten; sie sorgen aber auch – in der Regel wohl unbewusst und
ungewollt – für ihre ideologische Aushöhlung, für ihre schleichende und immer
zu spät erkannte innere Auflfl ösung. Der Heuchler gilt zu Recht als gefährlich und
zieht den Argwohn auf sich.
1. Autonomes Denken und Handeln im Rahmen der Systemideologie
Eine rationale Person wird jede irrationale Überzeugungsbildung zu vermeiden suchen und nur dann eine bestimmte Überzeugung in ihr Überzeugungssystem inkorporieren, wenn sie gute Gründe dafür hat. Wer hingegen Überzeugungen im Zuge eines Prozesses der Indoktrinierung bildet, macht gerade keinen Ge- brauch von seinem Vermögen der Selbstbestimmung. Er glaubt zwar, dass er sei- ne Überzeugungen selbstbestimmt bildet, ist aber nicht wirklich Herr dieses Pro- zesses. Er ist nicht autonom und hat daher keine Kontrolle darüber, ob seine so gebildeten Überzeugungen tatsächlich in bestmöglicher Weise der Realisierung seiner Ziele dienen. An einer solchen Überzeugungsbildung kann eine rationale Person nicht interessiert sein. Indoktrination zerstört menschliche Autonomie.
Gleichwohl wäre es ein Missverständnis zu meinen, Weltanschauungsdikta- turen legten es darauf an, die Autonomie der herrschaftsunterworfenen Men- schen möglichst komplett zu zerstören und jede Form der Selbstbestimmung zu unterbinden. Ein Herrschaftssystem, das sich so verhielte, führte wahrscheinlich binnen Kurzem seinen Untergang herbei; kein bekanntes Herrschafts system dürfte diesem Prinzip je gefolgt sein. Die Gründe dafür sind leicht nachvollzieh- bar und waren den Führern der Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhun- derts gegenwärtig.
Die Führer jedes Herrschaftssystems sind nämlich zur Durchsetzung ihrer Herrschaft und zur Realisierung ihrer Systemziele auf Gehilfen, auf aktive Un- terstützer angewiesen. Geltende Regeln müssen aber interpretiert und in konkre- ten Handlungssituationen angewendet werden. Hinzu kommt, dass die Zukunft stets nicht voraussehbare Probleme bereithält, die durch individuelles Handeln vor Ort gelöst werden müssen. Zudem stellt ein Beschreiten von gesellschaft- lichem Neuland, wie es gerade für Weltanschauungsdiktaturen typisch ist, be- sondere He rausforderungen. Dies alles sind Gründe, weshalb ideologiegeleitete Diktaturen nicht nur auf Menschen bauen können, die robotergleich oder wie „restlos aller Spontaneität beraubte Marionetten"21 vorgegebene Regeln befol- gen, zumal kein Regelsystem auch nur denkbar ist, das in allen Situationen des praktischen Lebens und der gesellschaftlichen Entwicklung einschlägig und für sämtliche Fälle hinreichend präzise wäre. Alle Regel- und Normensysteme, Vor- schriften, Gesetzestexte enthalten allgemeine Formulierungen, Generalklauseln, die von den Handelnden sinngemäß ausgelegt und selbstständig auf die konkrete Situation bezogen werden müssen.
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21 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus – Imperia lismus – Totale Herrschaft, München 1991, S. 698.
Aus diesen Gründen sind in einem gewissen Maße immer auch persönliche Initiative und selbstständiges Handeln gefragt. Es ist daher unzutreffend, wenn Hannah Arendt meinte, dass totalitäre Regime darauf angelegt seien, dass „Men- schen, sofern sie mehr sind als reaktionsbegabte Erfüllungen von Funktionen", für solche Regime „schlechterdings überfl üssig" werden.22 Im Gegenteil: Totalitä- re Regime sind sehr wohl auf „Menschen" in einem – freilich begrenzten – empha- tischen Sinne, nämlich auf selbstständig denkende und handelnde, zugleich aber von der Systemideologie auf irrationale Weise überzeugte und sich daher aus- schließlich im Rahmen der ideologischen Grenzziehungen selbst bestimmende Menschen, angewiesen. Die Führer ideologiegeleiteter Diktaturen müssen im Interesse der Durchsetzung ihres Gesellschaftsprojekts an einer ideologisch li- mitierten Form von Selbstbestimmung wenigstens einer beträchtlichen Menge von Funktionären und Gesellschaftsmitgliedern interessiert sein. Und tatsäch- lich: Weltanschauungsdiktaturen können – wie etwa die breite und initiativreiche Mitwirkung von NS-Funktionären an der Judenvernichtung zeigt23 – beträchtliche Eigeninitiativen freisetzen.
Ob man in Bezug auf diese begrenzte Form von Selbstbestimmung, deren Grenzen durch die Systemideologie festgelegt und durch Indoktrination psy- chisch und geistig fi xiert werden, von „Autonomie" sprechen möchte, scheint – je- denfalls dann, wenn man „Autonomie" ohnehin als einen idealtypischen Zustand oder auch ein solches Potenzial betrachtet – weniger eine Frage zweckmäßiger Begriffl ichkeit denn der Wortwahl zu sein. Gerade weil aber ideologiegeleitete Diktaturen auch auf Menschen ideologisch limitierter Autonomie bauen müssen, ist eine Entfaltung totalitärer Regime in der von Arendt gedachten Form einer „totalen Beherrschung", einer Abrichtung der Menschen mit dem Ziel, sie gefü- gig zu machen und sie auf ein Niveau herabzudrücken, auf dem sie nur noch zu „rein tierischen Reaktionen" fähig sind, unmöglich.24 Die Realisierbarkeit einer totalen Herrschaft fi ndet im Hinblick auf das Angewiesensein auf hinreichend autonome Menschen ihre selbst gesetzte Grenze.
Ganz im Sinne einer ideologisch limitierten Form von Selbstbestimmung war es für Lenin einerseits klar, dass der Kommunismus studiert werden muss. An- dererseits hielt er es für ebenso offensichtlich, dass, wer nur kommunistisches Lehrbuchwissens erwirbt, „nicht so handeln können" wird, „wie es der Kommu- nismus wirklich verlangt".25 Der Kommunismus dürfe nicht etwas Angelerntes sein, sondern etwas, was man „selber durchdacht" habe, wobei man sich zu den Tatsachen „kritisch zu verhalten verpfl ichtet" sei.26 Lenin dachte über die Anfor- derungen nach, die an ein Gesellschaftsmitglied zu stellen sind, damit es sich auf
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22 Ebd. 23 Vgl. Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 168–170. 24 Vgl. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 698 f. 25 Wladimir I. Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände. In: Ders., Werke, Berlin 1959, Band 31, S. 272–290, hier 274. 26 Ebd., S. 277 f.
dem Boden und innerhalb der Grenzen des kommunistischen Klassenbewusst- seins sinnvoll am Aufbau des Kommunismus beteiligen kann.
Das Angewiesensein auf ein auf dem Boden und innerhalb der Grenzen der herrschenden Ideologie selbstständig urteilendes und aus Eigeninitiative han- delndes Gemeinschaftsmitglied hat ebenso Hans Frank, Reichsminister in der nationalsozialistischen Diktatur und Präsident der Akademie für Deutsches Recht, in der Formulierung seines „kategorischen Imperativs" auf eine treffende Weise zum Ausdruck gebracht. Dieser Imperativ: „Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde",27 bestätigt sowohl die Rolle Adolf Hitlers als die in jeder Hinsicht maßstabsetzen- de Persönlichkeit des Dritten Reichs als auch die ganz fraglose Bedeutung des selbstständig handelnden Gemeinschaftsmitglieds. Der Einzelne ist dergestalt aufgefordert, zur Lösung konkreter Lebensprobleme den mutmaßlichen Füh- rerwillen zu ermitteln und diesem entsprechend nach eigenem Entschluss zu handeln. Dies allerdings ist nur deshalb möglich, weil der Führer in seiner eige- nen Person nicht einer irrationalen Willkür folgt, sondern, wie Führer von Welt- anschauungsdiktaturen generell, im Dienste (vermeintlicher) gesellschaftlicher Erfordernisse agiert, die in der Ideologie des Systems im Grundsätzlichen ausfor- muliert sind. So wie der Führer seinen konkreten Willen an den konkreten gesell- schaftlichen Erfordernissen ausrichtet, ist es auch jedem Einzelnen zumindest im Prinzip möglich, sein Handeln unter Berücksichtigung des gesellschaftlich Er- forderlichen zu bestimmen und dabei mit dem Führerwillen übereinzustimmen.
2. Ideologiekonformes Überzeugtsein
Weltanschauungsdiktaturen sind, weil sie ein gesellschaftliches Projekt verfolgen, also auf grundlegende Umgestaltung abzielen, auf die uneigennützige Initiative und die Opferbereitschaft der Einzelnen angewiesen. Opportunisten und
politisch Indifferente leisten jedoch in der Regel – vielleicht abgesehen von Situationen der nationalen Verteidigung – weder das eine noch das andere in dem
erforderlichen Maße. Dies schmälert die Erfolgsaussichten von Weltanschauungsdiktaturen.
Deshalb ist die Herausbildung ideologiekonformer Überzeugungen eine Bedingung ihrer langfristigen Fortexistenz. Ideologiegeleitete Diktaturen können
nicht nur auf ein ideologiekonformes Verhalten bauen; sie sind auf Menschen
angewiesen, die die Systemideologie verinnerlicht haben, das heißt von ihrem
propositionalen Gehalt überzeugt sind. Ziel der Indoktrination ist es daher nie
nur, bestimmte Überzeugungsinhalte mitzuteilen beziehungsweise zu vermitteln,
sondern Überzeugungen auszubilden, also für ein Überzeugtsein, ein festes Fürwahr- oder Für-richtig-Halten, zu sorgen.
Zugleich aber wird es auch nicht nur um die geistige Verankerung bestimmter inhaltlicher Überzeugungen gehen. Weltanschauungsdiktaturen müssen auf
Menschen bauen, die unter historisch-konkreten Umständen und in spezifi schen
Situationen in der Lage sind, selbstständig ideologisch angemessene Überzeugungen zu fassen. Deshalb ist Indoktrination immer auch auf die Bildung von
kognitiven Mustern, von Wahrnehmungs- und Denkweisen gerichtet, die zur
Ausbildung der ideologisch gewünschten Art von Überzeugungen disponieren.
Indoktrination verfolgt das Ziel, Dispositionen zur Bildung von ideologiekonformen Überzeugungen zu generieren.12 Indoktrination könnte zum Beispiel
bewirken, dass man die Welt in vorbestimmter Weise kategorial strukturiert,
dass man ganz bestimmte Erklärungen favorisiert oder dass man nur bestimmte
Handlungsmöglichkeiten sieht. Im Ergebnis wird der geistig Manipulierte bestimmte Überzeugungen oder auch Wünsche ausbilden, die er ansonsten nicht
ausgebildet hätte, und er wird letztlich auch in einer Weise handeln, in der er
sonst nicht hätte handeln wollen. Allgemein gilt: Ein ideologiekonform Überzeugter hat die Fähigkeit, ideologiekonforme Überzeugungen zu bilden.
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12 Vgl. Lothar Fritze, Indoktrination und irrationale Überzeugungsbildung. Über eine
Herrschaftstechnologie der Weltanschauungsdiktatur. In: Totalitarismus und Demokratie, 10 (2013) 1, S. 135–163, hier 143.
Je erfolgreicher eine ideologiegeleitete Diktatur in ihrem Bemühen ist, durch
Indoktrination ideologiekonforme Überzeugungen sowie Dispositionen zur Bildung von ideologiekonformen Überzeugung auszubilden, desto mehr beruht
sie auf konditionierter Macht. Die „Milderung der Härte des Regimes in der
Zeit nach Stalin", so konnte Alexander Sinowjew feststellen, „war zum Teil auch
deshalb möglich geworden, weil der ideologische Mechanismus der Gesellschaft
einen bedeutenden Teil der Arbeit, die früher die Unterdrückungsorgane ausübten, übernommen" hatte.13 In gewisser Weise war damit doch wahr geworden,
was Lenin von Anfang an vorgeschwebt hatte – nämlich, dass die Bevölkerung
der Sowjetherrschaft zustimmt. Nur hatte er nicht an eine Zustimmung gedacht,
die auf dem Wege ideologischer Manipulation bewirkt wird, sondern sich im Ergebnis einer beispielhaften Entwicklung des Sozialismus als eine natürliche und
vernünftige Reaktion einstellt.
Allgemein kann man festhalten: Weltanschauungsdiktaturen versuchen, Überzeugungs- und Konsensgemeinschaften zu etablieren. In dem Maße, in dem sowohl von den Führern als auch der Bevölkerung dieselben Auffassungen und
Wertvorstellungen geteilt werden, können sich diese Herrschaftssysteme in ihrer
Binnenperspektive tatsächlich als wirkliche Volksherrschaften, oder als „wahre
Demokratien",14 begreifen.
Umgekehrt gilt allerdings auch, dass eine Rückkehr zu repressiven Formen
der Machtausübung – und zwar innerhalb des politisch-sozialen Systems einer
Weltanschauungsdiktatur – ein fortdauerndes Überzeugtsein von der Legitimität
und Sinnhaftigkeit des Gesellschaftsprojekts aufseiten der Führer voraussetzt.15
Der europäische Kommunismus ist zusammengebrochen, als die Zustimmung
und freiwillige Gefolgschaft schwand, als immer weniger Menschen bereit waren, diese Systeme wenigstens ohne Widerspruch zu dulden, und selbst die Führer von der Bedeutung und der Realisierbarkeit ihrer Ideen nicht mehr hinreichend überzeugt waren. Die Macht in Gestalt der technischen Möglichkeiten,
die Bevölkerung zu zwingen, war immer noch vorhanden, aber nicht mehr der
unbedingte Wille der Führer sowie deren Bereitschaft, im Falle eines Sieges der
„Konterrevolution" auch persönlich für ihr Handeln einzustehen. Macht im Sinne
einer Fähigkeit zur Repression ist nicht alles. Hinzutreten muss ein Überzeugtsein wenigstens der Führer. Nur die Zustimmung der Herrschaftsunterworfenen
aber kann eine Stabilität auf Dauer gewährleisten.
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13 Alexander Sinowjew, Die Macht des Unglaubens. Anmerkungen zur Sowjet-Ideologie,
München 1986, S. 163.
14 Vgl. Joseph Goebbels, Das eherne Herz. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1941/42,
München 1943, S. 281.
15 Dies schließt nicht aus, dass Weltanschauungsdiktaturen zu Despotien entarten können. Dies ist dann der Fall, wenn den Führern der Glaube an die Systemideologie abhandengekommen ist und sie ihre Herrschaft primär zur Sicherung ihrer Machtpositionen fortsetzen.
3. Der idealtypisch indoktrinierte Mensch
Ideologiegeleitete Diktaturen sind an Menschen interessiert, die eine bestimmte
Einstellung ihren Überzeugungsinhalten gegenüber haben – und zwar sind sie
auf Menschen geradezu angewiesen die diese Inhalte, jedenfalls was die Kern
aussagen der Ideologie anlangt, für absolut gewiss, mithin weder für revisionsbe
dürftig noch für revisionsfähig, halten.
Indoktrination zielt deshalb auf ein vollständiges und unkritisches Überzeugt
sein. Der Indoktrinierte soll an den Überzeugungsinhalten, die er für wahr oder
richtig hält, nicht zweifeln. Zweck der Indoktrination ist die Schaffung des bor
niert Überzeugten – eines Überzeugten, der die Gründe seines Überzeugtseins
nicht reflfl ektiert und dessen Überzeugungen sich durch keine denkbaren Argu
mente erschüttern lassen.
Auf einer Kulturkonferenz der Freien Deutschen Jugend im Oktober 1982
forderte Chefifi deo loge Kurt Hager, man solle weder an der Weltanschauung noch
der Politik der SED zweifeln, denn „wenn man zweifelt, kann man sie ja gar
nicht verwirklichen".16 Hager stand mit dieser Überlegung in der bolschewisti
schen Tradition. Für Grigori L. Pjatakow, selbst Bolschewik seit 1910, bestand
die „Prüfung für den wahren Bolschewiken" darin, „seine Persönlichkeit in der
Kollektivität, der ‚Partei', in einem solchen Ausmaß aufgehen zu lassen, dass er
die notwendige Anstrengung unternehmen kann, sich von seinen eigenen An
sichten und Überzeugungen zu trennen und aufrichtig mit der Partei übereinzu
stimmen".17 Hager hätte sich aber ebenso auf Joseph Goebbels berufen können,
der dazu aufgerufen hatte, „Wissen und Erkenntnis nicht zum Gegenbeweis des
Glaubens zu erniedrigen".18
Weltanschauungsdiktaturen benötigen Menschen, die sich ihrer Glaubens-
überzeugungen absolut sicher und damit lenkbar sind. Wer hingegen zweifelt,
gibt zu erkennen, dass er sich eines Besseren belehren lassen könnte. Er gilt als
jemand, auf den nicht bedingungslos Verlass ist, und man begegnet ihm mit Vor
behalt. Zweifel, erst recht öffentlich gemacht, untergraben die Bedingungen des
Indoktrinierungserfolgs.
Wer jedoch nicht mehr zweifelt, sucht auch nicht mehr nach der Wahrheit – je
denfalls nicht in der Hinsicht, in der er vermeint, bereits korrekturunbedürftige
Überzeugungen zu besitzen. Wer einen Irrtum für ausgeschlossen hält, hält den
Prozess der Wahrheitsfifi ndung für abgeschlossen. Der übergeordnete Zweck al
ler Indoktrinierungsbemühungen ist es, Menschen in diesen geistigen Zustand
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16 Zit. nach Jürgen Kuczynski, Ein Leben in der Wissenschaft der DDR, Münster 1994,
S. 14.
17 Zit. nach Robert Conquest, Am Anfang starb Genosse Kirow. Säuberungen unter Stalin, Düsseldorf 1970, S. 159.
18 Joseph Goebbels, Der geistige Arbeiter im Schicksalskampf des Reiches. Rede vor der
Heidelberger Universität am Freitag, dem 9. Juli 1943, München o. J., S. 8.
kognitiver Sicherheit zu versetzen. Auf diese Weise bedienen Weltanschauungsdiktaturen ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis. Zugleich kann gerade
auf der Basis des geistigen Zustands der kognitiven Sicherheit ideologiekonformes Verhalten erwachsen. Vor allem aber ist er ein Nährboden für Fanatismus,
und vor allem aus einem fanatischen Gestimmtsein entspringt die psychische
Stärke, für die Durchsetzung der als gut und richtig erkannten Ziele notfalls auch
„schlechte Mittel" einzusetzen.
Wer hingegen den Zweifel im Sinne eines methodischen Skeptizismus pfl egt
und sich in Toleranz gegenüber abweichenden Gedanken übt, befi ndet sich bereits in ideologischer Selbstaufl ösung. Jede innere Erosion der Glaubensgewissheit erschwert nicht nur die für die Systemstabilität so wichtige Feindbildproduktion; vor allem destruiert sie die Bereitschaft, sich im Kampf für die Systemziele
selbst aufzuopfern.
Deshalb war die kommunistische Erziehung und Propaganda darauf gerichtet, einen Menschen hervorzubringen, der, wie es Leo Trotzki für sich selbst in
Anspruch nahm, „im unerschütterlichen Glauben an die Zukunft des Kommunismus"19 lebt und stirbt. Und aus demselben Grund hielt es Hitler für unverzichtbar, einen politischen Glauben zu prägen, der, so wie im Falle religiöser
Überzeugungen, nicht mehr der „kritischen Prüfung" durch den Einzelnen und
damit einer „schwankenden Bejahung oder Verneinung" unterliegt, sondern die
Form eines „apodiktischen Glaubens annimmt".20
Da Gewissheit ein subjektiver Zustand ist, ist es nicht falsch zu sagen, ideologiegeleitete Diktaturen versuchten, das Innerste des Menschen zu beeinfl ussen.
Natürlich gilt dies für jeden absichtlichen Indoktrinationsversuch – ganz gleich,
ob er unter den Kommunikationsbedingungen einer freiheitlichen Demokratie
oder einer totalitären Diktatur unternommen wird. In Weltanschauungsdiktaturen aber werden solche Versuche staatlich organisiert und systematisch im Interesse der Etablierung einer mit Ausschließlichkeit vertretenen und jeder öffentlichen Kritik entzogenen Systemideologie durchgeführt.
Nur der idealtypisch indoktrinierte Mensch ist wirklich fähig, allen Anfechtungen seines Glaubens, welche die Realität bereithält, zu widerstehen. Ebendeshalb sind Weltanschauungsdiktaturen an borniert überzeugten Parteigängern
interessiert. Die Übereinstimmung mit der Systemideologie soll nicht nur bekannt, auch nicht nur im äußeren Verhalten dokumentiert, noch nicht einmal
nur schlechthin, sondern in Gestalt eines apodiktischen und unerschütterlichen
Glaubens geistig vollzogen werden.
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19 Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, Köln 1958, S. 95 (Hervorhebung von L. F.).
20 Adolf Hitler, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, S. 504–508. Aufl age München
1940, S. 417 f. (Hervorhebung von L. F.).
4. Geforderte Anpassungen
Das Interesse von Weltanschauungsdiktaturen an idealtypisch indoktrinierten
Gemeinschaftsmitgliedern bringt eine Bedingung der Möglichkeit einer dauerhaften Existenz zum Ausdruck. Zugleich gibt dieses Interesse Aufschluss darüber, welche Verhaltensweisen solche Diktaturen bedrohen und deshalb bekämpft werden.
In ideologiegeleiteten Diktaturen kann selbst einem äußerlich ideologie- und
systemkonformen Verhalten ein subversives Moment innewohnen. Dies wird
zum Beispiel dann der Fall sein, wenn die Konformität einer taktischen Anpassung entspringt, die mit der Bereitschaft gepaart ist, die Verstellung unter günstigeren oder aussichtsreicheren „Kampfbedingungen" aufzugeben. Wer sich aus
diesen Beweggründen heraus anpasst, tut gut daran, eine formale Treue zum Führer, zur führenden Partei und ihren Ideen nicht lediglich zu demonstrieren, sondern unter keinen Umständen erkennen zu geben, dass er sich lediglich anpasst.
Generell gilt, dass taktische Anpassungen nicht wirklich goutiert werden
können. Zum einen verleiht eine Anpassung der Vorteile wegen nur kompensatorische Macht. Weltanschauungsdiktaturen legen es jedoch darauf an, sowohl
repressive als auch kompensatorische Macht tendenziell durch konditionierte
Macht zu substituieren. Zum anderen aber stellt jede taktische Anpassung, die
sich als eine solche offen präsentiert, die Legitimität der Weltanschauungsdiktatur infrage, die auf dem Anspruch beruht, einer Ideologie zu folgen, deren
Realisierung im Interesse der Herrschaftsunterworfenen liegt und von diesen daher freiwillig übernommen werden sollte. Wer sich systemkonform verhält, ohne
überzeugt zu sein, und dies zugleich öffentlich kommuniziert, bestreitet implizit
die Einlösung, vielleicht sogar die Einlösbarkeit dieses Anspruchs und damit die
darauf beruhende Herrschaftslegitimation.
Weltanschauungsdiktaturen müssen daher erwarten, dass der ideologisch
Noch-nicht-Überzeugte eine innere Übereinstimmung mit der Ideologie und
dem System zumindest vortäuscht. Und gleichzeitig ist der Nicht-Überzeugte genötigt, seine vorgetäuschte innere Ideologiekonformität als eine Selbstverständlichkeit erscheinen zu lassen, und darf keinerlei Anlass bieten, dass sie auch nur
ansatzweise infrage gestellt werden kann.
2. Befähigung zur Autonomie als Moment der Realisierung der Systemziele
Weltanschauungsdiktaturen sind wesentlich, mitunter sogar primär, auf die Abwehr von Gefahren gerichtet.28 Neben dieser Gefahrenabwehrintention verfolgen sie jedoch immer auch eine Befreiungsmission oder erheben gar Er- lösungsansprüche. Ihrem Selbstverständnis nach dienen sie sowohl einer Ge- meinschaft, einer Klasse oder der gesamten Menschheit als auch gleichzeitig den menschlichen Individuen. Weltanschauungsdiktaturen unterstellen eine grund- sätzliche, wenn auch nicht in jeder Entwicklungsphase bereits zum allgemeinen Bewusstsein gekommene, Interessenidentität zwischen Führern und Geführten, zwischen Partei und Volk. Aus dieser Annahme entspringt die Zuversicht, dass jeder Einzelne – abgesehen von pathologischen Fällen und abgesehen von Gesell- schaftsmitgliedern mit nicht aufhebbaren sozialen oder biologischen Erkenntnis-
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27 Hans Frank, Technik des Staates, Berlin 1942, S. 15 f. Vgl. auch Organisationsbuch der NSDAP. Hg. vom Reichsorganisationsleiter der NSDAP, München 1936, S. 4. 28 Vgl. dazu Lothar Fritze, Anatomie des totalitären Denkens. Kommunistische und natio- nalsozialistische Weltanschauung im Vergleich, München 2012, S. 82 ff.
schranken – prinzipiell in der Lage ist, die Wahrheit und Richtigkeit der System- ideologie und des sich daran orientierenden politischen Handelns der Führer zu erkennen. Die Befreiung des Einzelnen, ja seine wahre Menschwerdung, zeigt sich wesentlich in diesem Bewusstwerdungsprozess. Auch deshalb dürften Welt- anschauungsdiktaturen ihre Befreiungs- und Erlösungsmissionen stets mit dem Anspruch verknüpfen, den Einzelnen zu befähigen, auf der Basis und im Sinne der Systemideologie selbstständig denken, urteilen und entscheiden zu können.
Ideologiegeleitete Diktaturen sind insofern auf mitdenkende und selbststän- dig handelnde Gemeinschaftsmitglieder nicht nur angewiesen; solche Menschen hervorzubringen ist ein Moment der Realisierung ihrer Systemziele. Aus der Perspektive eines Beobachters, der zentrale Bestandteile der jeweiligen System- ideologie für falsch oder unrealisierbar hält, erscheint der Anspruch, selbststän- dig urteilende und entscheidende Gemeinschaftsmitglieder hervorbringen zu wollen, freilich selbstwidersprüchlich – nicht so jedoch aus der Innenperspektive eines von der Wahrheit und Realisierbarkeit der Systemideologie Überzeugten.
Es würde somit den Sinn der Indoktrinierungsbemühungen nicht treffen, wenn man pauschal urteilte, die totalitären Herrscher zielten darauf ab, dem Menschen das selbstständige Denken abzutrainieren. Der Einzelne sollte sehr wohl selbstständig denken – allerdings im Sinne und innerhalb der feststehenden und nicht hinterfragbaren Grenzen der Systemideologie. Wenn wir sagten, Welt- anschauungsdiktaturen seien an borniert überzeugten Parteigängern interes- siert, so gilt dies mit der nunmehr deutlich gewordenen Einschränkung: Denken fi ndet grundsätzlich statt innerhalb eines Rahmens aktuell nicht hinterfragter Gewissheiten. Die Indoktrination zielt darauf ab, diesen Rahmen entsprechend des unrevidierbaren Kernbestandes der Systemideologie neu zu konfi gurieren – neue Grenzen des Nicht-Denkbaren zu fi xieren. Weltanschauungsdiktaturen sind im Interesse eines effektiven Funktionierens sogar darauf angewiesen, dass der Einzelne innerhalb dieses Rahmens schöpferisch mitdenkt. Sie müssen da- rauf bauen, dass Gemeinschaftsmitglieder in einem förderlichen Maße mit Eigen- initiative im Rahmen der Systemideologie handeln.
3. Unvereinbarkeit von Zielen und Mitteln
Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass ein zwar im Rahmen der Systemideo- logie, aber innerhalb dieser Grenzen doch autonom denkender und handelnder Mensch Persönlichkeitsmerkmale aufweisen müsste, die nur bedingt mit denen eines borniert Überzeugten deckungsgleich sein können. Es mag unter den im Volksmund sogenannten 100-Prozentigen auch Ideologen gegeben haben, die das Anforderungsprofi l eines mitdenkenden und Eigeninitiative entwickelnden Überzeugten erfüllten. Trotzdem wird das Zusammenbestehen beider Eigen- schaften – borniertes Überzeugtsein hinsichtlich der unrevidierbaren Kernaus- sagen der Ideologie und geistige Selbstständigkeit bei ihrer Anwendung – stets fragil bleiben. Wer sich ein hinreichendes Maß an innerer Autonomie bewahrt,
wird sich immer wieder an den Vorgaben und Auslegungen der Führer und Ideo- logen reiben.
Dergestalt sind Weltanschauungsdiktaturen durch eine innere Widersprüch- lichkeit gekennzeichnet. Sie sind auf die Nutzung von Herrschaftstechnologien (Indoktrination) angewiesen, die sowohl ihrer bestmöglichen Selbstentfaltung entgegenstehen als auch ihren letzten Entwicklungszielen widerstreiten. Dies ist der Grundwiderspruch aller ideologiegeleiteten Herrschaftssysteme, die eine fundamentale Neugestaltung der politisch-sozialen Verhältnisse erstreben.
Aus diesem Widerstreit zwischen Zielen und Mitteln können Weltanschau- ungsdiktaturen nur allmählich herauswachsen. Dafür aber stehen ihnen nur zwei Möglichkeiten offen: Zum einen können sie in dem Maße herauswachsen, in dem es ihnen gelingt, die Gemeinschaftsmitglieder zu idealtypisch Überzeugten zu formen. Die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen von gleichsam „ideologisch saturierten" Weltanschauungsdiktaturen ist jedoch unter den Bedingungen der Koexistenz von liberalen, pluralistischen Gesellschaften sowie der modernen Technik der Informationsübertragung eher gering zu veranschlagen. Zum ande- ren können sie eine solche ökonomische Basis, eine solche wirtschaftliche Leis- tungsfähigkeit entwickeln, die ein weitgehend zufriedenstellendes Niveau der Daseinsbewältigung, insbesondere der Befriedigung der materiell-gegenständli- chen Bedürfnisse, garantiert, sodass die Gemeinschaftsmitglieder der Herrschaft und Herrschaftsausübung tatsächlich freiwillig zustimmen. Da die wirtschaft liche Leistungsfähigkeit einer modernen Industriegesellschaft maßgeblich von ihrer In- novationskraft abhängt, diese aber möglichst in jeder Hinsicht freie und unabhän- gige Bürger erfordert, stehen auch die diesbezüglichen Aussichten eher schlecht.
V. Fazit
Weltanschauungsdiktaturen organisieren Zustimmung zu ihrer Herrschaft und Herrschaftsausübung über eine Zustimmung zur Systemideologie. Das wichtigs- te Mittel dafür ist Indoktrination.
Ideologiegeleitete Diktaturen sind aber nicht nur an einem ideologiekonfor- men Handeln interessiert – also daran, dass die Gemeinschaftsmitglieder Ge- folgschaft leisten und die geltenden Regeln befolgen. Im Interesse einer dau- erhaften Stabilisierung ihrer Herrschaft zielen sie auf eine ideologiekonforme Überzeugungsbildung ab. Dementsprechend sind sie an Gemeinschaftsmitglie- dern interessiert, die die Systemideologie internalisiert haben und sich offen und ehrlich zu ihr bekennen.
Gleichzeitig sind die Führer solcher Diktaturen jedoch nicht schlechthin an Gemeinschaftsmitgliedern interessiert, die die Systemideologie internalisiert ha- ben. Von den Inhalten der Systemideologie kann man sich auch durch eigenes Nachdenken oder eigene Forschungen überzeugt haben. Deshalb kann ein ideo- logiekonform Überzeugter intellektuell autonom geblieben sein und jederzeit
Irrtümer erkennen. Zudem wird ein intellektuell autonomer und rationaler Ak- teur nicht einer auf Indoktrination setzenden Herrschaftsausübung zustimmen.
Aus diesen Gründen bestehen ideologiegeleitete Diktaturen nicht nur auf Kon- formität im äußeren Verhalten und auch nicht nur auf ein inneres Überzeugt- sein von der Wahrheit und Richtigkeit der Systemideologie, sondern versuchen mit Mitteln der geistigen Manipulation, ein Gesellschaftsmitglied zu erzeugen, dessen Denken und Fühlen sich ideologiekonform gestaltet und das sowohl die Herrschaft als auch die Art und Weise der Herrschaftsausübung akzeptiert.
Weltanschauungsdiktaturen sind darauf ausgerichtet, repressive und kompen- satorische Macht durch konditionierte Macht zu ersetzen. Sie sind deshalb an Menschen interessiert, die sich nicht privater Vorteile wegen systemkonform ver- halten, sondern weil sie von den Inhalten der Systemideologie vorbehaltlos und kritiklos überzeugt sind. Zweck der Indoktrination ist die Schaffung von bor- niert Überzeugten – von Menschen, die sich ihrer Überzeugungen absolut sicher und damit lenkbar sind. Opportunisten hingegen, die als solche erkennbar sind, unterminieren die Glaubwürdigkeit des Anspruchs der Führer, die Menschen leisteten Gefolgschaft auf der Basis einer freiwilligen Zustimmung.
Allerdings müssen Weltanschauungsdiktaturen auch auf Menschen bauen, die in der Lage sind, innerhalb der von der Systemideologie vorgegebenen Grenzen eigenständig zu denken und selbstständig zu handeln. Deshalb sollte Indoktrina- tion auch das Ziel verfolgen, Dispositionen zur Bildung von ideologiekonformen Überzeugungen zu generieren. Indem ideologiegeleitete Diktaturen Projekte der politisch-sozialen Umgestaltung verfolgen und schon von daher mit unvor- hergesehenen Problemen konfrontiert sind, können sie es nicht darauf anlegen, menschliche Autonomie komplett zu zerstören. Sie sind vielmehr angewiesen auf Menschen, die innerhalb des Rahmens der Systemideologie mitdenken und Eigeninitiative entwickeln, die feststehenden ideologischen Gewissheiten aber nicht in Zweifel ziehen. In dieser inneren Widersprüchlichkeit ihres Projekts liegt ein Keim ihrer Selbstzerstörung.