Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden. Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden. Joachim Lerchenmueller Antwort auf die Einladung der Heft-Herausgeber und Autoren des Bandes 77-1996 der Zeitschrift Sprache und Literatur, „[…]sich mit kritischen Kommentaren an der Diskussion zu beteiligen, die der Fall Schneider/Schwerte ausgelöst hat.“ 1 Fassung 29. Oktober 1996​ Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden. Und oft sind die Gelehrten unserer Tage nur Zwerge auf den Schultern von Zwergen. 2 Gerne folge ich der Einladung der Herausgeber und Autoren der SuL, sich kritisch mit den Beiträgen des jüngsten Heftes auseinanderzusetzen. Ich werde mich dabei auf den Aufsatz von Theo Buck konzentrieren, und das nicht ohne Grund: dieser Aufsatz ist mit Ausnahme weniger Änderungen identisch mit der Rede, die Buck Ende Februar 1996 anlässlich seiner Emeritierung an der RWTH Aachen gehalten hat. Buck hatte mich seinerzeit um das Manuskript meines Vortrages gebeten, den ich am 15. Februar 1996 auf dem Symposium zum ‚Fall Schwerte/Schneider‘ an der F.A.U. Erlangen-Nürnberg hielt. Im Gegenzug übersandte mir Buck am 5. März d.J. das Manuskript seiner Abschiedsrede. Sechs Tage später, am 11. März, richtete ich an Buck ein Schreiben, das meine Kritik an seiner Rede enthielt. Auf seine Stellungnahme zu dieser ausführlichen Kritik habe ich bis heute vergeblich gewartet. Aus der nahezu unveränderten Veröffentlichung dieser Februar-Rede schliesse ich, dass Buck meine Einwände für nicht stichhaltig hält. Da ich – was nicht überraschen dürfte – in diesem Punkt dezidiert anderer Meinung bin, sehe ich mich veranlasst, die wesentlichen Kritikpunkte nunmehr öffentlich zu wiederholen. Ich fordere Herrn Buck hiermit auf, den LeserInnen der SuL zu erklären, weshalb er meine kritischen Einwände für nicht wesentlich erachtet und bei seiner ursprünglichen Darstellung geblieben ist. Mit Bucks Einschätzung der Position Schneiders als eines „Nationalsozialisten, der entschiedenermassen verantwortlich im Zentrum der Macht eines Verbrecherregimes tätig gewesen ist“, (p.48) 3 kann ich nicht ohne weiteres konform gehen; sie erscheint mir tendenziell irreführend, zumal für all jene, die mit den Herrschaftsstrukturen der SS und des Dritten Reiches nicht sehr vertraut sind. Die Stellung eines Abteilungsleiters im Ahnenerbe – auch wenn es sich dabei um den Germanischen Wissenschaftseinsatz handelte – war eindeutig subaltern. In seiner Arbeit war Schneider durchweg von der Zustimmung bzw. von Weisungen des Geschäftsführers Wolfgang Sievers und des Kurators Walter Wüst abhängig, darüberhinaus natürlich auch von den grundsätzlichen Entscheidungen Himmlers bzw. der Abt. VI im SS-Hauptamt, also Bergers und Riedwegs. In der Diskussion über Schneider/Schwerte ist m.E. zu wenig darauf geachtet worden, die faktische Bedeutung des Ahnenerbes im Herrschaftsgefüge des Dritten Reiches – oder auch nur innerhalb der SS – zu würdigen: diese war entschieden geringer als im Zusammenhang mit Schneider/Schwerte jetzt suggeriert wird. Das Ahnenerbe war nicht das Zentrum der Macht. Gjalt R. Zondergeld hat, als er am 13. Dezember 1995 auf Einladung der Studierenden über Schneider/Schwerte sprach, bei einigen Leuten in Erlangen offensichtlich den Eindruck hinterlassen, dass Schneider „die Nummer Drei in der SS“ gewesen sei (so eine Studentin auf dem Erlanger Symposium am 15.2.96 unter ausdrücklichem Bezug auf Zondergelds Thesen). Das ist aus der Sicht eines Zeithistorikers fatal. Ich frage mich, wo dann Leute wie Kaltenbrunner, Heydrich, Best, Berger, Ohlendorf, Six, Schellenberg, Heinrich Müller, Streckenbach, etc. bleiben? Wir sollten uns der Gefahr bewusst sein, dass eine einseitige Überhöhung Schneiders faktisch einer Relativierung der Verantwortung tatsächlicher SS-Grössen gleichkommt. Eine aufmerksame Lektüre Katers 4 hilft dabei, die tatsächliche Position Schneiders im Ahnenerbe , seinen Verantwortungsbereich und seinen eigenständigen Handlungsspielraum zu bestimmen. 5 Was die Bedeutung der Institution Ahnenerbe im Herrschaftsapparat des Dritten Reiches betrifft, so könnte die Nichterwähnung desselben in den meisten historischen Darstellungen zum Dritten Reich zumindest als ein Indiz genommen werden. Weder Broszat noch Bracher/Funke/Jacabosen noch Kershaw – um nur einige Standardwerke zu nennen – erwähnen das Ahnenerbe . 6 Auch Schneider wird hier nicht erwähnt. Selbst in der Arbeit von Gerhard Hirschfeld über „Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940-1945“ 7 wird auf die Arbeit Schneiders lediglich in einem Absatz (p.34f und Anm. 209) eingegangen. Ob Schneider schon vor 1933 nationalsozialistisch gesinnt war, ist aufgrund fehlender Quellen schwer zu beurteilen. Nach eigenen Angaben schloss er sich im Frühjahr 1932 – im Zusammenhang mit den Maikämpfen in Wien – dem sozialistischen Studentenbund an. Das dürfte heute nur noch schwer überprüfbar sein; anderseits kann man diese seine Aussage nicht einfach mit Schweigen übergehen. Fest stehen sein Eintritt in die SA und die weiteren Stationen seiner NS-Karriere: Referent für Volkstumsarbeit in Ostpreussen für die KdF; Gaufachstellenleiter bzw. stellv. Hauptabteilungsleiter der Gaudienststelle Ostpreussen der Organisation „Volkstum und Heimat“ (unter Alfred Zastrau); ‚ehrenvoller‘ Austritt aus der SA durch Wechsel in die SS ; Mitarbeiter im Rassenamt; Übernahme ins Ahnenerbe . – Spannend, aber leider aufgrund der Quellenlage nicht eindeutig geklärt, sind Schneiders Beziehungen zum Sicherheitsdienst (SD). Schwertes Schilderung (im WDR-Interview) seines Eintrittes in die SS hört sich für Historiker vielmehr wie eine Verpflichtung Schneiders (durch Six?) für eine informelle Mitarbeit im SD an. Kontinuierliche dienstliche Kontakte v.a. zu Spengler im Rahmen der Arbeit für den GWE sind dokumentarisch belegt, ebenso zwei Initiativen des SD, Schneider offiziell ins SD-Hauptamt zu versetzen, was Sievers zu verhindern wusste. Die Reichsschrifttumskammer (p.50) war – wie alle 7 Untergliederungen der Reichskulturkammer – ein >Zwangsberufsverband<. Jeder, der im Dritten Reich publizieren wollte, musste Mitglied der RSK werden. Schneiders Beitritt 1936 war Voraussetzung für das Erscheinen des Königlichen Gesprächs. Eine darüber hinaus gehende Bedeutung kommt diesem Beitritt nicht zu. 8 Auch ein Hans Fallada oder der irische Schriftsteller Francis Stuart waren RSK-Mitglieder. Was die Fragen nach Schneiders Osteinsatz im Winter 1939/40 betrifft, (p.50), so kann aufgrund aller bislang bekannten Quellen nur als sicher gelten, dass er sich in Riga aufhielt – nach Schwertes Aussagen nur wenige Tage und auf See stationiert. Dieser Einsatz erfolgte übrigens im Rahmen der völkerrechtlich verbindlichen Verträge zwischen den Regierungen in Berlin, Reval und Riga, die am 15. und 20. Oktober 1939 abgeschlossen wurden. (vgl. Kater, Ahnenerbe , 147). Theo Buck vertritt die These, dass Schneider „nach Krakau und Warschau in Marsch gesetzt“ wurde (p.50); Ludwig Jäger schreibt in seinem SuL-Beitrag hierzu (p.39): „Die Wahrscheinlichkeit, dass Schneider Ende Oktober 1939 in Krakau und Anfang Novmber 1939 in Warschau war, ist also sehr gross.“ Mit anderen Worten: Weder Buck noch Jäger können eine Quelle auftreiben, die eindeutig belegen würde, dass Schneider tatsächlich in Polen war und an der Kunstraubaktion unter der Leitung von Harmjanz mitmachte. Bucks Einschätzung (p.51), dass Schneider „wichtige Hebel der Propagandamaschinerie des Grossdeutschen Reiches“ bediente, ist nicht haltbar: Das Bild suggeriert Kontrolle über wesentliche Teile des Propagandaapparates. Die Zeitschriften, die Schneider inhaltlich faktisch kontrollierte, waren, aufs Ganze gesehen, von marginaler Bedeutung; sie bedienten eine kleinere Gruppe unter den Intellektuellen und Akademikern im Inland und in den sog. ‚germanischen Randländern‘. Unter wichtigen Hebeln für die Propagandamaschinerie des Dritten Reiches verstehe ich – vor allem – das Radio, den Film und die Tagespresse. Wer für Erstere und Letztere z.B. die Presseanweisungen schrieb oder an den täglichen ‚Abstimmungskonferenzen‘ im Propagandaministerium teilnahm, der bediente wirklich wichtige Hebel. Selbst wenn man sich auf die Literaturwissenschaft und -kritik beschränkt, so waren doch etablierte literaturwissenschaftliche Zeitschriften wie die Zeitschrift für Deutschkunde (ed. G.Fricke, J. Müller) oder die Zeitschrift für deutsche Bildung (ed. Obenauer, Neumann, Schwarz) – beide vom SD (Rössner!) als grundsätzlich positiv im nationalsozialistischen Sinne eingestuft – von grösserer Bedeutung als die von Schneider herausgegebene Weltliteratur (von Hamer/Hammer ganz zu schweigen), gerade auch unter wirkungsgeschichtlichen Gesichtspunkten: die genannten Herausgeber bildeten an Universitäten den germanistischen Nachwuchs aus. Empörend finde ich, dass Buck keine Veranlassung gesehen hat, bei der Überarbeitung seiner Abschiedsrede Falschaussagen zu korrigieren, die ihm längst nachgewiesen wurden. Seine Behauptung in Anmerkung 83: „Im selben Bereich arbeitete auch Hans Ernst Schneider (Referat IIIB3)“ ist eindeutig falsch. Es ist zudem kein feiner Stil unter Kollegen, Falschaussagen anderen Wissenschaftlern in die Schuhe zu schieben. Buck verweist in dieser Fussnote nämlich auf das von Reinhard Rürüp herausgegebene Buch „Topographie des Terrors“ (Berlin9 1987). Dort ist auf den Seiten 77-80 der „Geschäftsverteilungsplan des Reichssicherheitshauptamtes, Stand: 1. März 1941“ abgedruckt. Unter dem Eintrag „Referat IIIB3“ (p.78) findet sich die Angabe: „Rasse und Volksgesundheit (SS-HStuf Schneider)“ . Weder der Geschäftsverteilungsplan noch Rürüp nennen also den Namen Hans Ernst Schneider. Zudem wurde Schneider (alias Schwerte) erst mit Wirkung vom 30. Januar 1943 zum Hauptsturmführer ernannt. Am 1. März 1941 bekleidete H.E. Schneider den Dienstrang eines SS-Obersturmführers. 9 Ausserdem wurden in den Geschäftsverteilungsplänen minutiös akademische und andere Grade mitangegeben, und selbst wenn heute einige Leute in Zweifel ziehen sollten, ob Schneider in Königsberg jemals promovierte – im Dritten Reich wurde der Doktorgrad Hans Ernst Schneiders niemals infrage gestellt. Wenn Buck diese – ihm seit März bekannten – Tatsachen nicht davon abhalten, Schneider weiterhin als Referatsleiter im RSHA zu bezeichnen, dann möge er uns allen doch bitte mitteilen, weshalb Schneiders angebliche gleichzeitige Tätigkeit in zwei verschiedenen Dienststellen – dem RSHA und dem Persönlichen Stab RFSS – nirgends in seinen Personalakten vermerkt ist? Um es nochmals klar zu sagen: Der SS-Hauptsturmführer Schneider, der das Referat III B3 (Rasse und Volksgesundheit) im RSHA leitete, ist nicht Hans Ernst Schneider. 10 Weder dieser Dienstgrad noch der Name Schneider sind in der SS eine Seltenheit gewesen: Allein im SD-Hauptamt sind fünf Schneider dingfest zu machen – keiner von ihnen identisch mit Hans Ernst Schneider. 11 Dass sich die geistige Wende „langsam, aber sicher vollzog“, (p.57), wie Buck schreibt, scheint mir auch so. Allerdings nehme ich diesen Umstand als Indiz, dass es sich um eine wirkliche Neubesinnung handelte, um einen ernsthaften Versuch, sich intellektuell vom Nationalsozialismus zu lösen. Eine opportunistische Wende wäre m.E. einfacher zu bewerkstelligen gewesen. Gerade NS-Wissenschaftler, die in der sowjetisch besetzten Zone blieben und später in der DDR Hochschulkarriere machten, liefern hierfür mitunter traurige Beispiele. Ich erwähne nur Heinrich Junker, Ordinarius für Indogermanistik/Orientalistik in Leipzig, überzeugter Nationalsozialist schon in der Kampfzeit, der für den SD arbeitete und aktiv an der Ausschaltung des nichtarischen Professors für keltische Philologie in Berlin, Julius Pokorny, beteiligt war. Nach dem Krieg diente er sich dem sowjetischen Geheimdienst an und beklagte lautstark seine ‚Zwangsemeritierung‘ durch die amerikanischen Besatzer Leipzigs. Dann bekannte er sich als überzeugter Kommunist, endete schliesslich mit einem Lehrstuhl an der Humboldt-Universität und als Vorsitzender des Beirates für Sprachwissenschaft im DDR-Staatssekretariat für das Hochschulwesen und schloss seine Karriere mit der Ehrung zum „Verdienten Wissenschaftler des Volkes“ ab. Kein Wort davon, dass er im Dritten Reich u.a. den Kriegseinsatz der Orientalistik geleitet hatte… Ich sehe wie Buck (p.78) ungefähr das erste Nachkriegsjahrzehnt als eine Übergangsphase an, in der bei Schwerte alte Denkschemata und ideologische Fixierungen noch immer wieder deutlich zum Ausdruck kommen, v.a. in den auch von von Buck zitierten Beiträgen in der Erlanger Universität . Nicht zustimmen kann ich seiner Aussage, dass eine ethisch-moralisch begründete innere Umkehr nur dann zu konstatieren gewesen wäre, wenn sie „unter dem Eindruck von Stalingrad und Auschwitz sofort 1945“ (p.78) erfolgt wäre. Diese unmittelbare Nebeneinanderstellung von Stalingrad und Auschwitz halte ich für wenig glücklich. Wer sich unter dem Eindruck von Stalingrad innerlich zu distanzieren begann, tat dies in der Regel aus pragmatisch-taktischen Gründen: er ahnte, dass die Sache für die Deutschen wohl ’schlecht‘ enden würde. 12 Mit ethisch-moralischer Begründung, wie Buck sie an dieser Stelle einfordert, hat das m.E. nichts zu tun. 13 Eine innere Umkehr angesichts der Menschheitsverbrechen in Auschwitz hätte nicht bis 1945 auf sich warten lassen dürfen. Oder konzediert Buck Schneider, dass er von der Vernichtung der europäischen Juden und der Arbeit der Einsatzgruppen im Osten nicht wusste? Was den Annalen -Beitrag Schwertes betrifft, (pp.62-67) stellen sich mir einige Fragen. Er und die bezeichnende Kritik von Walter Jens sind schliesslich seit Jahrzehnten bekannt. Dieser Artikel ist immer schon problematisch gewesen, völlig unabhängig von Schwertes Vergangenheit im Dritten Reich. Ich frage mich, weshalb die Fachwelt ihn so geflissentlich übersehen bzw. mit Schweigen quittiert hat. Bucks Vermutung in Anm. 79, dass das mit „seinen [i.e., Schwertes] zahlreichen Bekanntschaften aus der NS-Zeit“ zu tun hat, halte ich für wenig stichhaltig; es tut der Effizienz und Dauer von Altnaziseilschaften etwas zuviel der Ehre an. Ich denke vielmehr, dass hier das weitverbreitete Phänomen eine Rolle spielt, so etwas als „Jugendsünden“ abzutun und grosszügig darüber hinwegzugehen. Das wirft für mich die Frage auf, welche ‚Kompromisse‘ die Nachkriegsgermanistik zu schliessen bereit war und ist, wenn es um inhaltliche Verfehlungen und polemisch-ideologische Entgleisungen von Kollegen aus den frühen Jahren der BRD geht. Ich bin zwar Verschwörungstheorien nicht grundsätzlich abgeneigt, aber dass die gesamte Karriere Schwertes das Ergebnis von Altnazi-Netzwerken sein soll, halte ich doch für reichlich überzogen; abgesehen davon, dass mir diese Erklärung zu billig ist, weil sie alle anderen Kollegen gleichsam exkulpiert, die jahrzehntelang mitgeschwiegen haben. Vor diesem Hintergrund sehe ich die Entscheidung Schwertes, den Artikel in die von Buck zitierte Aufsatzsammlung aufzunehmen, (p.67) als ehrlichen Schritt an, sich wenigstens nach seiner Emeritierung zu diesem Fehler (nicht zum Inhalt, wie Buck meint) wieder zu bekennen. Das ist aber Interpretationssache. Bucks Interpretation des Schwerte’schen Vorworts in Denker und Deuter im heutigen Europa (pp.67-69) läuft m.E. darauf hinaus, den (Nachkriegs-) Europagedanken schlechthin in die Tradition strategischer deutscher Planungen – sei es das Mitteleuropakonzept, das Internationale Syndikat oder das germanozentrische Europa der Nazis – zu stellen. Ich wüsste etliche Tories zu nennen, die solche Thesen mit Begeisterung aufnehmen. Das, was Schwerte 1954 schreibt, hat gedanklich mehr Ähnlichkeit mit dem „Aufruf an die Europäer“ von G.F. Nicolai, Otto Buek, Wilhelm Foerster und Albert Einstein aus dem Jahre 1914 als mit dem, was Schneider noch im März 1945 zu Papier gebracht hat; es ist entschieden weniger auf Konfrontation angelegt und rassistisch als die vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichten Überlegungen Huntington’s über den bevorstehenden Clash of Civilizations ; und einige der Schwerte’schen Überlegungen konnte man dieses Frühjahr im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung wiederfinden , in einem Beitrag aus der Feder des Generalsekretärs des Goethe-Instituts. 14 Der entscheidende Übergang im Sinne einer endgültigen Lösung von nationalistischen und nationalsozialistischen Fixierungen scheint mir die Habilitation, trotz einzelner Schwächen, die auch diese Arbeit hat. Jetzt indes herzugehen und Faust und das Faustische – wie überhaupt alle Veröffentlichungen Schwertes – auf jede noch so marginale Schwachstelle abzukopfen, 15 um so die vermeintliche Mediokrität eines Kollegen ’nachzuweisen‘, das ist eine Methode, die mich sehr unangenehm an vergangene Zeiten erinnert. Noch dazu, wenn ein solches Niederschreiben eingeleitet wird mit dem exkulpierenden Satz: „Den meisten Rezensenten sind – wie seinerzeit auch mir – die hier aufgeführten Mängel des Buches entgangen.“ (p.74) So wie früheren Germanistikprofessoren entgangen war, dass einige ihrer Lehrer und Kollegen jüdischer Herkunft waren… Das grundsätzliche Problem, das ich mit den Vorträgen von Buck und Jäger habe, besteht darin, dass die Art und Weise, wie hier mit einem Menschen umgegangen wird, wie ‚wissenschaftlich-philologische‘ Argumentationsmuster eingesetzt werden, um einem unliebsamen Kollegen vollends den akademischen Todesstoss zu versetzen, mich – man verzeihe mir meine Sprache – verdammt an Methoden erinnern, die ich aus meinen Dritte Reich-Forschungen kenne. Die Selbstverständlichkeit, mit der dies heute in der Bundesrepublik Deutschland möglich ist und von Wissenschaftlern akzeptiert wird, stimmt mich sehr nachdenklich. 1 Ludwig Jäger, Editorial, SuL 77-1996, 1-3, 3 Zurück zum Haupttext 2 William von Baskerville zu Adson von Melk, in: Umberto Eco, Der Name der Rose. (trad. Burkhart Kroeber), München/Wien 1982 Zurück zum Haupttext 3 Alle Seitenangaben beziehen sich auf den veröffentlichten Text seiner Abschiedsrede „Rückblick auf einen Vorgänger oder ‚Tat und Trug‘ des Hans Ernst Schneider“: Theo Buck, „Ein Leben mit Maske oder ‚Tat und Trug‘ des Hans Ernst Schneider“, Sprache und Literatur 77-1996, 48-81 Zurück zum Haupttext 4 Michael Kater, Das ‚Ahnenerbe‘ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik [sic!] des Dritten Reiches. Studien zur Zeitgeschichte, hgg. vom Institut für Zeitgeschichte. Stuttgart 1974. (Zum GWE und Schneider cf. pp.170-187) Zurück zum Haupttext 5 Was nicht heisst, dass man Kater nicht kritisch lesen sollte. So war Schneider natürlich kein „österreichische[r] Germanist“ (p.174) Zurück zum Haupttext 6 Martin Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlagen und Entwicklung seiner inneren Verfassung. München 1969, 131992, Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (eds.), Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz. Bonn 1986; eidem (eds.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Düsseldorf 1992; Ian Kershaw, The Nazi Dictatorship. Problems and Perspectives of Interpretation. London/NY/et al. 31993 Zurück zum Haupttext 7 Studien zur Zeitgeschichte Bd.25, hgg. vom Institut für Zeitgeschichte. Stuttgart 1984 Zurück zum Haupttext 8 Einen einführenden Überblick über die ns. Propaganda bietet der Beitrag Peter Longerichs in Bracher/Funke/Jacobsen (eds.), 1992, 291-314; Weiterführendes in den Veröffentlichungen Willy A. Boelckes Zurück zum Haupttext 9 Siehe z.B. den R.u.S.-Fragebogen, datiert 10.IX. 1941, wo Schneider seinen Dienstrang mit „SS-Obersturmführer“ angibt. Buck wird Schneider/Schwerte in diesem Fall kaum unterstellen, plötzlich tiefgestapelt zu haben. (Berlin Document Center – Schneider, Hans, SSO file) Zurück zum Haupttext 10 Der andere SS-HStuf. Schneider war im Februar 1943 an einer sog. ‚Umsiedlungsaktion‘ von Juden in Sluzk (Weissrussland) beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich H.E. Schneider nachweislich in Berlin bzw. Salzburg auf. (Cf. AV Schneider 28.11.42 – BAK NS 21/974; Prot. Rössler 1.12.42 – BAK NS 21/794-101; AV Schneider 13.1.43 – BDC Plassmann file; Bericht Prodinger über Tagung der Lehr- und Forschungsstätte für germanische Volkskunde in Salzburg am 27.2.43 [an der Schneider teilnahm], o.D. – BDC Höfler file; Schneider an Schwalm 6.4.43 – BAK NS 21/981) Zurück zum Haupttext 11 SS-UStuf Gerhard Schneider (*13.10.13, RSHA IVE3), SS-OSchaf Hugo Schneider (*18.7.06, RSHA VIF und VIG), SS-UStuf Kurt Schneider (*2.2.01 [ohne Angabe der Dienststelle]), SS-OStuf Robert Schneider (*30.6.11, SDHA), SS-Stubaf Wilhelm Schneider (*11.12.87, RSHA VI). (BA Dahlwitz-Hoppegarten – ZR 920 A.145, „Liste der SS-Führer vom SD-Hauptamt“) Zurück zum Haupttext 12 Schwerte spricht im WDR-Interview davon, dass er und einige Kollegen nach Stalingrad den ‚Grössenwahn‘ Hitlers und der Reichsführung erkannt hätten. Zurück zum Haupttext 13 Auch die Militärs unter den Verschwörern des 20. Juli haben grösstenteils vorwiegend aus pragmatischen Gründen gehandelt: sie wollten die Niederlage noch abwenden. Bei ‚gutem‘ Kriegsverlauf wären für etliche unter ihnen die Menschheitsverbrechen kaum ein ausreichender Grund gewesen, Hitler beiseite zu schaffen. Zurück zum Haupttext 14 Horst Harnischfeger, „Kleinliche Kakophonie. Wie kann man eine europaweite kulturelle Identität entwickeln?“ Süddeutsche Zeitung 9./10. März 1996, 13 Zurück zum Haupttext 15 Viele der ideologiekritischen Aussagen Schwertes fallen auf ihn selbst zurück. Das von ihm konstatierte „>So soll und muss es werden<„, das sich über das „reale >So ist es<“ schob, die „zweite Wirklichkeit“, die sich über die erste legt, all das ist zugleich auch eine (unbewusste?) Charakterisierung seines Lebens: Der Ideologiekritiker Schwerte hat seine eigene Biographie ‚ideologisiert‘. Das Ausklammern der Faust-Rezeption im Dritten Reich dürfte weniger damit zu tun haben, dass da angeblich nichts >Neues< hinzugekommen sei: es ist das Sich-Drücken vor der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen literarisch-wissenschaftlichen Werk im Dritten Reich (und möglicherweise eine stillschweigende Konzession an Kollegen, die um seine Vergangenheit wussten). Schwertes Vorwurf an die Adresse zahlreicher Philologen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die >faustische Ideologie< als „Programm künftigen nationalen Handelns propagiert“ zu haben, ist gewiss zutreffend, an Chuzpe indes kaum zu übertreffen: schliesslich war er einer derjenigen, die dieses >Programm< dann exekutiert haben. die Rolle des Wegbereiters zu kritisieren und die eigene Rolle als Täter schweigend zu übergehen, zeugt von kaum fasslicher persönlicher Inkonsequenz. in der moralischen Verurteilung Schwertes stimme ich Buck in diesem Punkt eindeutig zu. Zurück zum Haupttext © Joachim Lerchenmueller, Tübingen, 29. Oktober 1996​ Eine Wissenschaft in die Schatten View attachment 2504 Eine Wissenschaft in die Schatten​ Kontrollen von „Funktionsgewinn“-Experimenten mit aufgeladenem Krankheitserreger wurden trotz Bedenken hinsichtlich Laborlecks unterboten​ Von David Willman und Madison Müller Aktualisiert 26. August um 9:00 Uhr Ursprünglich veröffentlicht 26. August 2021 Vor einem Jahrzehnt verwendeten Wissenschaftler, die von den National Institutes of Health finanziert wurden, Frettchen, um ein hochtödliches Grippevirus zu entwickeln. Der Zweck der Forschung – bekannt als „Funktionsgewinn“ – bestand darin, die Entwicklung von Viren besser zu verstehen und Medikamente zur Bekämpfung potenzieller Krankheitsbedrohungen zu entwickeln. Es war auch mit einem Risiko verbunden: Ein Missgeschick im Labor könnte eine verheerende Pandemie auslösen. Die in den Niederlanden und an der University of Wisconsin durchgeführte Forschung löste eine internationale Kontroverse aus und führte zu neuen Schutzmaßnahmen für solche Experimente. Aber in den letzten vier Jahren haben NIH-Führer und andere US-Beamte wichtige Aspekte dieser Kontrollen geschwächt, wie eine Untersuchung der Washington Post ergab. Die Hochrisikoforschung ist aufgrund von Spekulationen, dass solche Experimente in Wuhan, China, versehentlich die Coronavirus-Pandemie ausgelöst haben könnten, wieder ein Schwerpunkt geworden. Während chinesische Virologen die Schuld an ihrer Arbeit bestreiten, kam es in Laboren anderswo auf der Welt in seltenen Fällen zu Unfällen, die zu einer unbeabsichtigten Freisetzung von Krankheitserregern führten. „Die Risiken sind absolut real. Sie sind keine intellektuellen Konstrukte oder Hypothesen“, sagte David A. Relman, ein Arzt und Mikrobiologe der Stanford University, der das NIH und andere Bundesbehörden in Fragen der Biosicherheit beraten hat. Irgendwann, sagte er, „wird etwas, das Sie machen oder Informationen, die Sie veröffentlichen, zu einem Unfall führen.“ Spekulationen über die Arbeit in Wuhan haben neue Aufmerksamkeit auf die Gain-of-Function-Forschung gelenkt. Dieser Bericht beschreibt die US-Unterstützung für solche Experimente und die ihnen zugrunde liegende Geheimhaltung. Es erhellt nicht, ob die Coronavirus-Pandemie aus der Gain-of-Function-Forschung resultierte. In den Vereinigten Staaten haben NIH-Direktor Francis S. Collins und Anthony S. Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases der Behörde, die staatliche Finanzierung und Aufsicht der Gain-of-Function-Forschung geleitet. Vor acht Jahren halfen Collins und Fauci bei der Einführung hochrangiger Überprüfungen und anderer Sicherheitsvorkehrungen als Reaktion auf Bedenken von Relman und seinen Helfern von Präsident Barack Obama, die alarmiert waren über die ihrer Ansicht nach unzureichende Überprüfung der Forschung mit Frettchen. Die NIH-Führungskräfte und das Ministerium für Gesundheit und Soziales verpflichteten sich, die Arbeit einer erhöhten Transparenz und Überprüfung zu unterziehen. Dazu gehörte die Bildung einer Überprüfungsgruppe von Bundesbeamten – informell als „Frettchenausschuss“ bekannt –, um vorgeschlagene Projekte auf Sicherheit und Würdigkeit zu überprüfen. Allerdings haben Collins und Fauci in den letzten Jahren dazu beigetragen, politische Veränderungen direkt und durch ihre Helfer mitzugestalten, die die Autorität des Komitees untergraben, wie aus Bundesdokumenten, Kongressaussagen und Interviews mit Dutzenden von gegenwärtigen und ehemaligen Beamten und Wissenschaftsexperten hervorgeht. Im Jahr 2017 entzog eine unter ihrer Aufsicht vorgenommene Änderung dem Ausschuss die Befugnis, die Projekte zu blockieren, wodurch das Gremium als reines Beratungsgremium neu besetzt wurde. Eine weitere Änderung zu dieser Zeit definierte die Gain-of-Function-Forschung neu und gab den NIH-Führungskräften mehr Spielraum, Projekte zu genehmigen, ohne sie an den Prüfungsausschuss zu verweisen. Einige Forscher hatten sich darüber beschwert, dass weitreichende Überprüfungen die NIH-Zulassungen und den wissenschaftlichen Fortschritt verlangsamen würden. Seitdem laufen die Experimente unter Geheimhaltung weiter, und die HHS, die den Prüfungsausschuss verwaltet, hat ihre Arbeit vertraulich behandelt: Keine Tagesordnungen, Sitzungsprotokolle oder andere Aufzeichnungen ihrer Verfahren sind öffentlich. Sogar die Namen der Bundesbeamten, die dem Komitee, das die Regierungen Obama, Trump und Biden umfasst, dienen sollen, werden geheim gehalten. In einem Interview für diesen Bericht bestritten sowohl Collins als auch Fauci und ihre leitenden Mitarbeiter, dass die Richtlinienänderungen die Aufsicht über die Forschung geschwächt hätten. Beide NIH-Führer wiesen auf Schutzmaßnahmen hin, die bestehen bleiben. „Vernünftige Leute sind sich nicht ganz einig, wie die Aufsicht über diese sehr sensiblen Experimente am besten gestaltet werden soll“, sagte Collins und fügte hinzu: „Es gibt einige, die die Risiken als größer und den Nutzen als geringer ansehen. Und umgekehrt.“ Laborunfälle, sagte Collins, „sind sicherlich besorgniserregend. … Sie möchten dies abmildern, indem Sie für jede Art von Experiment, das zu Problemen führen könnte, die höchstmögliche Eindämmung haben.“ Schlüsselfiguren ​ Jabin Botsford / Die Washington Post Anthony S. Fauci Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (1984 bis heute) Ein Mediziner-Wissenschaftler, dessen Institut „Funktionsgewinn“-Forschung finanziert, die die Übertragbarkeit oder Virulenz von Krankheitserregern erhöht – eine Arbeit, die befürchtet, könnte unbeabsichtigt eine Pandemie verursachen. Jabin Botsford / Die Washington Post Francis Collins Direktor der National Institutes of Health (2009 bis heute) Ein Mediziner und Genetiker, der zusammen mit Fauci sagt, dass die Vorteile der Gain-of-Function-Forschung die Risiken überwiegen, da sie das Potenzial haben, Impfstoffe und Therapeutika zu entwickeln. Jabin Botsford / Die Washington Post Robert Kadlec Stellvertretender Sekretär für Gesundheit und Personal (2017 bis 2021) Ein Arzt und ehemaliger Air Force-Offizier mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Bioverteidigungspolitik, der sagt, dass die von den USA finanzierte Gain-of-Function-Forschung nicht angemessen überprüft wurde. In Bezug auf die Lockerung der Kontrollen im Jahr 2017 verteidigten Collins und Fauci die daraus resultierende Politik, die offiziell als „Framework“ für die Führung der Gain-of-Function-Forschung bekannt ist. Collins lobte „den sehr intensiven, deliberativen Prozess“, an dem das NIH und andere Bundesbehörden festhielten, der die Veränderungen hervorrief. Die Politik wurde von Collins‘ Mitarbeitern geleitet, die sich mit ihm und anderen Teilnehmern in seinem persönlichen Büro trafen, sagte er. Collins sagte auch, er sei jetzt bereit, die Namen der Beamten des Überprüfungsausschusses zu veröffentlichen, um „die Art von Transparenz zu erreichen, die die Öffentlichkeit erwartet“. Fauci sagte, dass alle Forschungsprojekte zunächst von fachkundigen Managern innerhalb seines Instituts bewertet werden, die prüfen, ob die Arbeiten von entsprechend geschultem Personal in sicheren Einrichtungen durchgeführt werden. Die Experimente, sagte er, werden „mit dem höchsten Maß an Aufsicht durchgeführt“. „In dem Maße, in dem wir transparent sein können, dass das System es uns ermöglichen würde, transparent zu sein, gehen wir über Bord, um transparent zu sein“, sagte Fauci. „Eigene Hausaufgaben benoten“​ Beamte des NIH lehnten es ab, zu sagen, wie viele Projekte mit Funktionsgewinn sie seit der Kontroverse über die Experimente mit Frettchen im Jahr 2012 finanziert haben, abgesehen von der Bestätigung von Zuschüssen für zwei Projekte im Jahr 2018. Auf die Frage nach der Anzahl der finanzierten Projekte schlugen Collins und Fauci vor, die Antwort würde davon abhängen, wie die Arbeit in einem bestimmten Jahr definiert wurde. Ein Sprecher der Agentur sagte, dass relevante Informationen in einer Datenbank der Agentur gefunden werden könnten, die jedes Jahr Zehntausende von Zuschüssen archiviert. Die Datenbank NIH Reporter gibt jedoch nicht an, welche Zuschüsse für die Erforschung von Funktionsgewinnen vorgesehen sind. Die Post identifizierte mindestens 18 Projekte, die von 2012 bis 2020 finanziert wurden und die anscheinend Funktionsgewinn-Experimente beinhalten. Reporter untersuchten Forschungszusammenfassungen in der Datenbank sowie in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte Artikel und führten Interviews mit Experten. Die Finanzierung durch das NIH für die 18 Projekte belief sich auf insgesamt rund 48,8 Millionen US-Dollar und wurde an 13 Institutionen ausgezahlt. Acht wurden genehmigt, nachdem die Befugnisse des Prüfungsausschusses im Jahr 2017 geschwächt worden waren. Virologe Shi Zhengli, links, in einem Labor in Wuhan, China, im Jahr 2017. (Johannes Eisele / AFP / Getty Images) Von 2017 bis 2020 wurden nicht mehr als „drei oder vier“ Projekte an den Prüfungsausschuss weitergeleitet, sagte Robert Kadlec, der das Gremium beaufsichtigte und als stellvertretender HHS-Sekretär der Trump-Administration für Vorbereitung und Reaktion fungierte. „Sie haben ihre eigenen Hausaufgaben benotet“, sagte Kadlec. Kadlec, ein Arzt, der zuvor beim Pentagon, dem Weißen Haus und dem Senat Bioverteidigungsfunktionen innehatte, sagte, dass die Hochrisikoforschung nicht ausreichend überprüft wurde. „Ehrlich gesagt hatten wir nicht das wissenschaftliche Mittel“, sagte Kadlec über HHS und fügte hinzu, dass die Fähigkeiten des Prüfungsausschusses nicht „robust genug waren, um sicherzustellen, dass keine schlimmen Dinge passieren“. (Am 7. Juni trat Kadlec wieder in den republikanischen Stab des Senatsausschusses für Gesundheit, Bildung, Arbeit und Renten ein, wo er sagte, er werde sich auf die Biosicherheitspolitik konzentrieren.) Bei einem NIH-Meeting im letzten Jahr beschwerte sich Christian Hassell, ein leitender Mitarbeiter von Kadlec am HHS, darüber, wie die Forschung überprüft wird. „Wir haben erst zwei Überprüfungen abgeschlossen“, sagte Hassell am 23. Januar 2020 den Mitgliedern des National Science Advisory Board for Biosecurity des NIH und fügte hinzu, dass ein drittes Projekt beim Ausschuss zur Überprüfung eingegangen sei. Hassell schlug vor, dass der Mangel an Überprüfungen widerspiegelt, wie eng die überarbeitete Richtlinie die Gain-of-Function-Forschung definiert, so ein Video des Treffens. „Ich werde wahrscheinlich offener sein, als es angebracht wäre – ich denke, das ist zu eng“, sagte Hassell. „Meine Meinung zu dieser Sache ist, verwenden Sie keinen zu feinen Filter.“ Hassell ist weiterhin als leitender wissenschaftlicher Berater bei HHS in der Biden-Administration tätig. Er lehnte es ab, für diesen Bericht interviewt zu werden. Relman und andere Wissenschaftler sagten, die föderale Politik, die die Forschung regelt, sei undurchsichtig und müsse gestärkt werden. „Wenn Sie von der Gesellschaft verlangen, ein überdurchschnittlich hohes Risiko einzugehen, dann muss meiner Meinung nach mehr Offenheit herrschen“, sagte Michael J. Imperiale, ein Virologe der University of Michigan, der von 2005 bis 2012 tätig war im Biosicherheitsrat und jetzt Chefredakteur von mBio, einer Zeitschrift der American Society for Microbiology. Skeptiker der Gain-of-Function-Forschung fragen sich, ob es das Risiko wert ist. „Jeder auf dem Planeten weiß jetzt, was eine Pandemie ist, was das für seine Familien, ihre Gemeinden und ihr Einkommen bedeutet“, sagte Richard H. Ebright, Professor für chemische Biologie an der Rutgers University, der Biosicherheitsrisiken untersucht hat. „Diese Art von Forschung kann eine Pandemie auslösen.“ Neue Aufmerksamkeit für die Forschung ​ Das Geheimnis, wie das neuartige Coronavirus entstanden ist und die schlimmste Pandemie seit einem Jahrhundert ausgelöst hat, hat die Aufmerksamkeit wieder auf die Erforschung des Funktionsgewinns gelenkt. Im Mai wies Präsident Biden die US-Geheimdienste an, „ihre Anstrengungen zu verdoppeln“, zu um die Ursprünge der Pandemie untersuchen , und sagte, die Agenturen hätten „um zwei wahrscheinliche Szenarien zusammengelegt“. Eine dieser Möglichkeiten besteht darin, dass der anfängliche Ausbruch auf einen menschlichen Kontakt mit einem infizierten Tier zurückzuführen ist. Die andere Möglichkeit ist, dass ein Laborunfall in China den schuldigen Erreger freigesetzt hat. Die Agenturen legten einen geheimen Bericht Biden am Dienstag vor, in dem sie zu dem Schluss kamen, dass es nach Angaben von mit der Angelegenheit vertrauten Beamten noch nicht möglich war, die Quelle der Pandemie zu lokalisieren. Einige, die vermuten, dass das neuartige Coronavirus von einem Tier auf den Menschen übergegangen ist, stellen fest, dass dies mit zwei anderen Coronaviren geschah – dem schweren akuten Atemwegssyndrom SARS Ende 2002 und dem Atemwegssyndrom im Nahen Osten, MERS, 10 Jahre später. Andere Wissenschaftler bezweifeln, dass sich Labormitarbeiter in Wuhan beim Experimentieren mit dem neuartigen Coronavirus infiziert und es schließlich verbreitet haben könnten. [ Biden fordert die Geheimdienste auf, die Bemühungen zur Bestimmung des endgültigen Ursprungs des Coronavirus zu verdoppeln ] Nach dem natürlichen Ausbruch von SARS vor fast zwei Jahrzehnten sind drei versehentliche Freisetzungen des Virus in Labors in Singapur, in Taiwan und im chinesischen Nationalen Institut für die Kontrolle und Prävention von Viruserkrankungen aufgetreten. Das Unglück in Peking führte zu einem bestätigten Todesfall und der Quarantäne von mindestens 600 Menschen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation . Die Möglichkeit eines Laborursprungs wurde von vielen Wissenschaftlern, die die anhaltende Pandemie bewerteten, zunächst abgelehnt. Das Fehlen von Beweisen, die das neuartige Coronavirus mit infizierten Tieren in Verbindung bringen, sowie die Weigerung der chinesischen Regierung, internationalen Inspektoren Zugang zu Labornotizbüchern und Virusproben zu gewähren, hat jedoch dazu beigetragen, den Verdacht zu schüren. Das Wuhan Institut für Virologie wird unter Lupe genommen werden da der Labor Komplex in der Stadt ist wo schwere Krankheit vom Stamm wurde erstmals Ende 2019 das Institut berichtet dirigierte gain-of-function Forschung auf Fledermaus-borne corona, nach einer Zeitschrift Artikel , der dort von chinesischen Forschern mitverfasst wurde. Der führende chinesische Virologe in Wuhan, Shi Zhengli, und einer ihrer vom NIH finanzierten Partner, eine in New York City ansässige gemeinnützige Gruppe namens EcoHealth Alliance, haben die Möglichkeit einer Laborfreigabe bestritten, ebenso wie die chinesische Regierung. Der Präsident von EcoHealth, Peter Daszak, hat auch öffentlich bestritten, dass seine Organisation an der Erforschung von Funktionsgewinnen in Wuhan beteiligt war. (Zhengli und Daszak antworteten nicht auf E-Mails, in denen sie um ihren Kommentar gebeten wurden.) Die Forschung kann Techniken umfassen, die genetisches Material verschiedener Krankheitserreger kombinieren, um ein neues, im Labor generiertes „chimäres“ Virus zu schaffen. In den Vereinigten Staaten werden solche Experimente normalerweise vom NIH finanziert, dem wichtigsten Verwalter des Landes für biomedizinische Forschung. Alle bis auf eines der 18 von The Post identifizierten Projekte wurden vom Institut für Infektionskrankheiten von Fauci finanziert. Fauci und Collins haben als Torwächter der Arbeit gedient. Beide sind ikonische Persönlichkeiten in der amerikanischen Gesundheit und Medizin: Collins half bei der Kartierung des menschlichen Genoms durch die Regierung, und Fauci berät seit vier Jahrzehnten Präsidenten und Kongressführer bei Gesundheitskrisen von AIDS bis Covid-19. Fauci fungiert auch als leitender medizinischer Berater von Biden. Mitarbeiter des Erasmus Medical Center in Rotterdam führen 2003 SARS-Forschung durch. (Fred Ernst/AP) Fauci und Collins verteidigten die Forschung seit langem und sagten, dass die gewonnenen Erkenntnisse die Entwicklung von Impfstoffen und therapeutischen Medikamenten unterstützen könnten. „Es gibt Meinungsverschiedenheiten über den wissenschaftlichen und/oder öffentlichen Nutzen dieser Experimente“, sagte Fauci laut dem Video der Sitzung bei einer Versammlung internationaler Forscher, die am 17. Dezember 2012 ins NIH eingeladen wurden. „Aber ich glaube, die Leute, die meinen, dass sie nicht geführt werden sollten, sind in der Minderheit.“ Zu diesem Zeitpunkt kämpften die NIH-Führer mit dem Feuersturm, der von zwei Funktionsgewinnprojekten entzündet wurde. Die Rotterdamer Forschung​ Die Experimente, die separat am Erasmus Medical Center in Rotterdam und an der Universität von Wisconsin durchgeführt wurden, hatten einen Stamm der hochvirulenten, von Vögeln übertragenen Grippe so verändert, dass er erstmals Infektionen bei Säugetieren in der Luft verursachen konnte. Im Herbst 2011 wurden Manuskripte, die die vertraulichen Ergebnisse der Forschung beschreiben, bei verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften eingereicht. Relman, der als Peer-Reviewer für eine der Zeitschriften tätig war, wurde alarmiert, da er befürchtete, dass die Details, falls sie veröffentlicht würden, ein Rezept für Terroristen sein könnten. Er benachrichtigte privat einen Biosicherheitsbeamten des Weißen Hauses, den Biologen Lawrence D. Kerr, der andere in der Obama-Regierung warnte und das Büro des NIH-Direktors kontaktierte, so Wissenschaftler, die mit den zuvor nicht gemeldeten Details vertraut waren. Die Mitarbeiter von Collins beauftragten das Biosicherheitsgremium der Behörde mit der Risikobewertung. Der Vorstand berät NIH in Bezug auf die Minderung der öffentlichen Gesundheit und anderer Biosicherheitsrisiken, die durch einige Forschungen entstehen. In Absprache mit dem Gesundheits- und Sozialminister ernennt Collins die Vorstandsmitglieder, und sein Büro nimmt deren Aufgaben wahr. „Wir hatten noch nie solche Papiere mit der Idee des Funktionsgewinns gesehen“, sagte Lynn W. Enquist, die damals Mitglied des Biosicherheitsausschusses und Chefredakteurin des Journal of Virology war. „Die Idee, die Virulenz oder die Übertragbarkeit zu erhöhen, war nicht wirklich etwas, an das die meisten Wissenschaftler jemals gedacht hatten. Es war eine Sorge.“ Die Forschung umfasste den H5N1-Stamm der Vogelgrippe, der eine Sterblichkeitsrate von etwa 60 Prozent aufwies, verglichen mit weniger als 1 Prozent bei der saisonalen Grippe. Die Betroffen waren typisch südostasiatische Geflügelzüchter, die sich von ihren Vögeln angesteckt hatten. Der Stamm war nicht für eine Übertragung auf den Menschen bekannt. Welche Viren werden untersucht? NIAID/BSIP/Universal Images Group/Getty Grippe (Grippe) 290.000 bis 650.000 Todesfälle pro Jahr weltweit Grippe ist eine ansteckende Atemwegserkrankung, die durch Influenzaviren verursacht wird, die Nase, Rachen und manchmal auch die Lunge infizieren. Es kann leichte bis schwere Erkrankungen verursachen und manchmal zum Tod führen. NIAID-RML/AP SARS-CoV-2 2,6 Millionen Tote von März 2020 bis März 2021 Das neuartige Coronavirus, das die Krankheit Covid-19 verursacht, wird verbreitet, wenn Menschen Luft einatmen, die durch Atemtröpfchen oder kleine Partikel in der Luft kontaminiert ist. Das Virus ist hochgradig übertragbar – infizierte Menschen können es ohne Symptome verbreiten – und hat sich bei älteren Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem als am tödlichsten erwiesen. Einer der vom NIH finanzierten Forscher, Ron Fouchier in Rotterdam, hatte H5N1 verändert, um es gefährlicher zu machen – so dass es sich durch Atemtröpfchen unter Käfigfrettchen verbreitete, Säugetieren, die die Anfälligkeit des Menschen am besten simulierten. Fouchier und sein Amtskollege in Wisconsin, Yoshihiro Kawaoka, wollten mehr über den H5N1-Stamm erfahren, insbesondere über seine Mutation. Paul Keim, ein Genetiker der Northern Arizona University, der damals Vorsitzender des NIH-Biosicherheitsausschusses war, erinnerte sich, dass seine Kollegen über das Risiko einer Veröffentlichung besorgt waren. „Wir sagten: ‚Wow – es ist hochgradig übertragbar mit einer Sterblichkeitsrate von 60 Prozent'“, sagte Keim. „Sie könnten blitzschnell 4 Milliarden Menschen töten, weil diese Viren um die Welt gehen.“ Am 30. November 2011 empfahl der Vorstand einstimmig, dass zentrale Forschungsmethoden von der Veröffentlichung ausgeschlossen werden sollten. Die Abstimmung des Vorstandes stellte die Führung von Fauci und Collins direkt in Frage, da die krankheitserregende Forschung vom NIH ohne externe Überprüfung oder Veröffentlichung genehmigt worden war. „Sie hatten die Entscheidung getroffen, diese Arbeit zu finanzieren“, sagte Imperiale, der damals im Vorstand war. „Es war ihnen peinlich.“ Ein Mikrobiologe in einem Labor des Centers for Disease Control and Prevention in Fort Collins, Colorado, im Jahr 2004. (V. Richard Haro/Fort Collins Coloradoan/AP) [ Ab 2011: Bundesgremium fordert Zeitschriften auf, Berichte über im Labor erstellte „Vogelgrippe“ zu zensieren ] Fauci und Collins reagierten, indem sie privat daran arbeiteten, die Empfehlung des Biosicherheitsausschusses rückgängig zu machen – während sie laut Interviews und Aufzeichnungen öffentlich die Notwendigkeit der Forschung verteidigten. Öffentlich verfassten Fauci und Collins zusammen mit einem dritten NIH-Beamten einen Aufsatz, der von The Post veröffentlicht wurde am 30. Dezember 2011 und schlussfolgerten, dass es sich lohnt, die Risiken der Experimente in Rotterdam und Wisconsin einzugehen. Die drei Männer schrieben, dass „wichtige Informationen und Erkenntnisse aus der Generierung eines potenziell gefährlichen Virus im Labor kommen können“. Die Experimente mit Frettchen zielen darauf ab, „wichtige Wissenslücken“ in Bezug auf die menschliche Übertragbarkeit zu schließen. Viele Influenza-Forscher in den Vereinigten Staaten und im Ausland, die auf den Austausch von Informationen über wechselnde Stämme der saisonalen Grippe angewiesen sind, unterstützten die Position der NIH-Führungskräfte. Einige sträubten sich über die Einmischung der Regierung in die wissenschaftliche Entscheidungsfindung. Privat traf sich das Biosicherheitsgremium am 29. und 30. März 2012 hinter verschlossenen Türen unter den von den Teilnehmern als angespannten Umständen bezeichneten Umständen: Fauci und Collins nahmen daran teil und bekräftigten ihre Unterstützung der Forschung und ihrer Veröffentlichung. Die Vorstandsmitglieder mussten nach Angaben der Teilnehmer eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen. Der Vorstand kehrte seine frühere Empfehlung um und stimmte mit 12 zu 6 für die Veröffentlichung der von Fouchier geleiteten Forschung, und die Mitglieder unterstützten einstimmig die Veröffentlichung der einzelnen Ergebnisse aus Wisconsin. Es gibt keine öffentlichen Aufzeichnungen über die Sitzung. Fouchier und Kawaoka haben ihre Arbeit als verantwortungsvoll und sinnvoll verteidigt. Die Papiere, die die Forschungsergebnisse zusammenfassen, wurden in separaten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, und keines der umstrittenen Details wurde geschwärzt. [ Ab 2012: Biosicherheitsbeirat revidiert Entscheidung zu Papieren über ‚manipulierte Vogelgrippe‘ ] In Interviews sagten sechs Wissenschaftler, die dem Biosicherheitsausschuss angehörten, dass Bedenken im Zusammenhang mit der Forschung hätten geäußert werden müssen, bevor das NIH die Finanzierung der Experimente in Rotterdam und Wisconsin genehmigte. „Warum hat sich nicht jemand im NIH, als diese Zuschüsse überprüft wurden, sie angeschaut und gesagt: ‚Hey, warte – hier gibt es ein potenzielles Problem’“, sagte Imperiale. Fauci fuhr 2012 und darüber hinaus fort, die Unterstützung für die Durchführung der Experimente mit dem H5N1-Stamm durch das NIH und für andere Projekte zur Funktionsverstärkung zu leisten. Er schrieb im Herbst in der Zeitschrift mBio, dass „alle Entscheidungen bezüglich solcher Forschungen auf transparente Weise getroffen werden müssen“. Das ‚Frettchen-Komitee‘ ​ Nach der Kontroverse über die Grippeexperimente hat die Obama-Regierung am 21. Februar 2013 den HHS-Ausschuss eingesetzt, um andere vorgeschlagene Hochrisiko-Forschungsprojekte zu prüfen, bevor sie vom NIH genehmigt werden. Die Richtlinie galt zunächst nur für H5N1 – sie würde im nächsten Jahr auf andere Grippestämme und Coronaviren ausgeweitet. Die Richtlinie gab dem Ausschuss auch die Befugnis, ein Veto gegen Forschungsvorschläge einzulegen, die ihm vom NIH vorgelegt wurden. Es war Collins, der das HHS-Prüfungsgremium privat das „Ferrets Committee“ nannte. „Die Überprüfung auf Abteilungsebene wird die geeigneten Maßnahmen zur Risikominderung bestimmen und feststellen, ob ein bestimmter Vorschlag für die HHS-Finanzierung akzeptabel ist“, schrieben Fauci, Collins und drei weitere Beamte in einem an diesem Tag online veröffentlichten Artikel. Von Anfang an bemühte sich das Komitee jedoch, angemessene Informationen vom Büro des NIH-Direktors über Projekte zu erhalten, sagte ein wissenschaftspolitischer Beamter der Obama-Regierung. Der Wissenschaftler, der immer noch eine Regierungsposition innehat und aufgrund der Sensibilität dieser Rolle unter der Bedingung der Anonymität sprach, erinnerte sich daran, unvollständige Details von NIH erhalten zu haben, und fügte hinzu, dass „wir die endgültige Entscheidung, die getroffen wurde“ über den Zuschuss nicht kennen würden Vorschläge in Frage. In der Zwischenzeit begann sich eine Reihe gefährlicher Fehler in US-amerikanischen Elite-Forschungsinstituten zu entwickeln, die letztendlich das Vertrauen des Weißen Hauses Obama in die fortlaufende Erforschung von Funktionsgewinnen erschütterten. Sicherheitspersonal steht vor dem Wuhan Institute of Virology in China, nachdem ein Untersuchungsteam der Weltgesundheitsorganisation im vergangenen Februar zu einem Feldbesuch eingetroffen ist. (Ng Han Guan/AP) Im März 2014 schickte ein Mitarbeiter des Centers for Disease Control and Prevention einen kleinen Behälter mit einem vermutlich nicht tödlichen Influenza-Stamm aus Atlanta an einen Amtskollegen des Landwirtschaftsministeriums, der in einem Bundeslabor in Athen, Georgia, an Hühnern forschte Vögel begannen unerwartet zu sterben, Beamte entdeckten, dass die CDC Material geliefert hatte, das mit einem virulenten Stamm kontaminiert war. Dann, am 5. Juni dieses Jahres, schickten CDC-Forscher, die im Bereich Biocontainment auf hohem Niveau arbeiteten, um Techniken zum Nachweis von Milzbrand zu verfeinern, versehentlich aktive Proben des Bakteriums an ein anderes CDC-Labor in Atlanta, das nur für den Umgang mit nicht tödlichem Material ausgestattet war. Einundvierzig CDC-Mitarbeiter, die möglicherweise exponiert waren, wurden mit Antibiotika behandelt. Und am 1. Juli entdeckten Bundesangestellte 12 lange verlassene Kartons in einem Kühlraum auf dem Hauptcampus des NIH in Bethesda, Maryland. Von den mehr als 300 Fläschchen mit Infektionserregern, die in den Kartons gefunden wurden, enthielten sechs das Variola-Virus, die Quelle der Pocken , eine Geißel, die seit 1979 weltweit ausgerottet war. Die Proben, die Jahrzehnte zuvor von einem Forscher der Food and Drug Administration verwendet wurden, sollten zerstört oder in einer hochrangigen Biocontainment-Anlage der CDC gelagert worden sein. [ Ab 2014: Pockenfläschchen, Jahrzehnte alt, im Lagerraum des NIH-Campus in Bethesda gefunden ] Lisa Monaco, Obamas stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin, und John Holdren, Direktor des Büros für Wissenschafts- und Technologiepolitik des Weißen Hauses, forderten am 28. August 2014 alle bundesstaatlichen und nichtföderalen Labors auf, einen „Sicherheitsstand-Down“ zur „Überprüfung“ durchzuführen Biosicherheit im Labor und bewährte Verfahren und Protokolle für die Biosicherheit.“ Mitte Oktober kündigten das Amt für Wissenschafts- und Technologiepolitik und HHS unter Berufung auf die „jüngsten Biosicherheitsvorfälle in Bundesforschungsanlagen“ gemeinsam eine „Pause“ der Finanzierung für neu vorgeschlagene Funktionsgewinn-Experimente mit Influenza und dem gefürchteten Coronavirus an Stämme MERS und SARS. Die Ankündigung ermutigte auch „diejenigen, die derzeit diese Art von Arbeit durchführen, unabhängig davon, ob sie vom Bund finanziert werden oder nicht, ihre Forschung freiwillig zu unterbrechen, während Risiken und Nutzen neu bewertet werden“. Die Forschung geht weiter ​ Die verstärkte Kontrolle des Bundes löste bei einigen Virologen eine Ablehnung aus, darunter die Coronavirus-Forscher Ralph S. Baric von der University of North Carolina und Mark R. Denison von der Vanderbilt University. „Wir argumentieren, dass es verfrüht ist, die aufkommenden Coronaviren unter diese Einschränkungen einzubeziehen, da ein wissenschaftlicher Dialog, der die Biologie, die Vor- und Nachteile, die wahrscheinlichen Risiken für die Öffentlichkeit und die Ethik der [Gain-of-Function-Forschung] ernsthaft argumentiert, nicht diskutiert wurde in einem ernsthaften Forum“, schrieben Baric und Denison am 12. November 2014 an das Biosicherheitsgremium. Im weiteren Sinne auf hochpathogene Grippe- und Coronavirus-Stämme bezogen, fügte ihr Schreiben hinzu: „Das pandemische Potenzial dieser Viren ist klar, aber sie sind in den frühen Stadien eines Ausbruchs auch anfällig für Interventionsmethoden der öffentlichen Gesundheit. . . . GOF-Experimente [Gain of Function] sind ein dokumentiertes, leistungsstarkes Werkzeug.“ Innerhalb weniger Wochen informierten NIH-Beamte Baric und eine unbestimmte Anzahl anderer Forscher darüber, dass ihre Arbeit von der Pause ausgenommen worden war. Baric ist ein anerkannter Marktführer bei der Untersuchung, wie Coronaviren von Fledermäusen auf andere Säugetiere, einschließlich des Menschen, übergehen können. Seine Forschung hat versucht, herauszufinden, welche Stämme die größten Bedrohungen darstellen und welche Ansätze zur Entwicklung von Impfstoffen oder Therapeutika führen könnten. Die Forschung wurde mit NIH-Zuschüssen in Höhe von etwa 11,9 Millionen US-Dollar finanziert, wie Aufzeichnungen zeigen. Weder Baric noch Denison, die Collins im November 2016 in den NIH-Biosicherheitsrat berufen hatte, antworteten auf schriftliche Fragen zu ihrer Arbeit. Baric hat mit einem anderen führenden Coronavirus-Forscher zusammengearbeitet – Zhengli vom Wuhan Institute of Virology, dessen Bekanntheit auf diesem Gebiet ihr einen Spitznamen eingebracht hat: Chinas „Fledermausfrau“. Zhengli stellte genetische Sequenzen und DNA-Moleküle von Hufeisennasen in China zur Verfügung, und Baric entwarf die Experimente, die in seinem Labor in Chapel Hill, NC . durchgeführt wurden Baric, Zhengli und andere Co-Autoren fassten ihre jeweiligen Rollen in einem Artikel Dezember 2015 im in der Zeitschrift Nature Medicine mit dem Titel „Ein SARS-ähnlicher Cluster von zirkulierenden Fledermaus-Coronaviren zeigen Potenzial für die Entstehung des Menschen“ zusammen. Der Artikel beschrieb Techniken, die ein Markenzeichen der Gain-of-Function-Forschung waren, einschließlich der Verwendung von reverser Genetik, um ein chimäres Virus zu erzeugen, das aus Fledermäusen stammt und in Labormäuse implantiert wird. Laut Interviews und bisher unveröffentlichten Regierungs-E-Mails löste die Aussicht auf weitere Gain-of-Function-Forschungsprojekte bei einigen Bundeswissenschaftlern Besorgnis aus. Am 17. April 2016 schickte Kerr, der Biologe, der während seiner Dienstzeit im Weißen Haus von Obama wegen der ersten Funktionsgewinn-Experimente Alarm geschlagen hatte, sechs Bundeskollegen eine E-Mail und warnte vor einem Boomlet risikoreicher Forschung mit Coronavirus-Stämmen. Kerr, der zu diesem Zeitpunkt ein leitender Biosicherheitsbeamter bei HHS war, zitierte MERS, das Coronavirus, das 2012 aufgetaucht war und in den nächsten sieben Jahren 866 Menschen im Ausland töten würde. „Die anhaltende Natur der MERS-Ausbrüche hat Wissenschaftler zurück in die Welt der Koronabiologie gebracht und mehr verwenden genetisch synthetisierte infektiöse Viren in ihrer Arbeit“, schrieb Kerr. „Die GOF-Arbeit an MERS ist kein schönes Thema.“ Die Post hat eine Kopie der E-Mail erhalten. Eine HHS-Sprecherin reagierte nicht auf die Bitte der Post, Kerr zu interviewen, der seit 2016 das Büro für Pandemien und neu auftretende Bedrohungen der Abteilung leitet. Die potenzielle Gefahr eines im Labor veränderten Coronavirus-Stamms wurde auch durch einen von NIH in Auftrag gegebenen Bericht einer Beratungsfirma vom April 2016 angedeutet. Der 1.016-seitige Bericht von Gryphon Scientific warnte davor, dass die Erhöhung der Übertragbarkeit von Coronaviren zu einer Pandemie führen und das Sterberisiko um „mehrere Größenordnungen“ erhöhen könnte. Abseits des Rampenlichts berieten Beamte des NIH, anderswo innerhalb des HHS und anderer Bundesbehörden von 2015 bis 2017 darüber, wie die Politik für die Erforschung von Funktionsgewinnen zu überarbeiten und wann die Pause aufzuheben ist. Die Bemühungen wurden von Collins, der die alleinige Autorität hatte, Ausnahmen von der Pause für NIH-Projekte zu gewähren, und seinem Stabschef geleitet, so diejenigen, die mit den Entwicklungen vertraut waren. Auf Collins Geheiß hin berief das Biosicherheitsgremium auch mehrere öffentliche Sitzungen zur Forschungspolitik zum Funktionsgewinn ein. An den privaten Treffen nahmen Beamte des Weißen Hauses des Büros für Wissenschafts- und Technologiepolitik und des Nationalen Sicherheitsrats sowie Collins, seine Mitarbeiter und andere Bundesmitarbeiter teil, sagten diejenigen, die mit den Sitzungen vertraut waren. Dieser obskure behördenübergreifende Prozess führte zu den beiden Änderungen, die den NIH-Beamten einen größeren Ermessensspielraum bei der Finanzierung von Forschungsprojekten mit Funktionsgewinn einräumten. Die überarbeitete Richtlinie entzog dem HHS-Ausschuss nicht nur sein Vetorecht für vorgeschlagene Projekte, die von NIH verwaltet wurden, sondern schränkte auch den Umfang der Projekte ein, die der Ausschuss überprüfen würde. Biosicherheitsanzüge hängen im März 2020 in einem Flur beim Army Medical Research and Development Command in Fort Detrick in Frederick, Md. Biosicherheitsanzüge hängen im März 2020 in einem Flur beim Army Medical Research and Development Command in Fort Detrick in Frederick, Md. (Andrew Harnik/AP) Wie im Oktober 2014 festgelegt, hatte die Richtlinie das NIH verpflichtet, Experimente des Ausschusses zur Überprüfung von Experimenten zu übermitteln, von denen erwartet wird, dass sie bestimmte Grippen und Coronaviren erzeugen, die „auf Säugetiere übertragbar“ sind und versehentlich Infektionen beim Menschen verursachen könnten. Im Dezember 2017 wurde die Richtlinie jedoch eingeengt, um nur veränderte Krankheitserreger abzudecken, die „wahrscheinlich zu einer breiten und unkontrollierbaren Ausbreitung in der menschlichen Bevölkerung fähig sind“. Der pauschale Hinweis auf Säugetiere wurde gestrichen. Eine Überprüfung durch den Ausschuss sei nicht erforderlich, heißt es in der Richtlinie, es sei denn, der zu konstruierende Erreger wird vom NIH „vernünftigerweise als eine glaubwürdige Quelle einer potenziellen zukünftigen menschlichen Pandemie “ beurteilt. In schriftlichen Antworten an The Post sagten NIH- und HHS-Medienvertreter, dass die Richtlinienänderungen auf einem umfassenden Prozess beruhten, bei dem Kommentare von Regierungsexperten und anderen berücksichtigt wurden. Zu den Gründen, warum der Verweis auf Säugetiere gestrichen wurde, sagte NIH, die überarbeitete Richtlinie habe „die Untergruppe der Forschung“ identifiziert, die das größte Pandemierisiko für den Menschen darstellen könnte. Collins, der darauf drängte, warum die Änderung vorgenommen wurde, sagte, er sei „nicht in der Lage, die Details vollständig zu rekonstruieren“, fügte jedoch hinzu, dass die Mitarbeiter der Agentur die Forschungsvorschläge „aus der anspruchsvollsten Perspektive“ bewerten. Baric brach schließlich mit anderen Befürwortern der Gain-of-Function-Forschung, die mehr als ein Jahr lang die Möglichkeit ablehnten, dass ein Laborunfall zur Pandemie führte. In einem am 14. Mai von der Zeitschrift Science veröffentlichten Brief forderte Baric zusammen mit Relman und 16 anderen Wissenschaftlern eine gründliche Untersuchung des Ursprungs der Pandemie : „Theorien über die versehentliche Freisetzung aus einem Labor und das [natürliche] Spillover bleiben beide tragfähig.“ Muller ist Absolvent der Medill School of Journalism der Northwestern University und Fellow des Medill Investigative Lab. Alice Crites hat zu diesem Bericht beigetragen.