# 6. Kapitel Von der Monarchie

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<div id="bkmrk-bis-jetzt-haben-wir-" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Bis jetzt haben wir den Fürsten als eine moralische und kollektive Person </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">betrachtet, die durch die Kraft der Gesetze vereint und Trägerin der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">vollziehenden Gewalt im Staate ist. Jetzt haben wir diese Gewalt als in den </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Händen eines leiblichen, eines wirklichen Menschen ruhend zu betrachten, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der allein das Recht besitzt, nach den Gesetzen darüber zu verfügen. Ein </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">solcher Mensch wird Monarch oder König genannt. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Völlig im Gegensatz zu anderen Regierungsformen, in denen ein </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">kollektives Wesen ein Einzelwesen darstellt, vertritt hier ein Einzelwesen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ein Kollektivwesen, so daß die moralische Einheit, die den Fürsten bildet, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zugleich eine physische Einheit ist, in der alle Fähigkeiten, die das Gesetz </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">mit so großer Anstrengung in den andern vereinigt, sich schon von Natur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">vereinigt finden. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">So läuft der Wille des Volkes wie der Wille des Fürsten, die öffentliche </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Gewalt des Staates wie die besondere Gewalt der Regierung, kurz alles auf </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">eine und dieselbe Triebfeder hinaus, alle Hebel sind in einer Hand, alles </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">schreitet demselben Ziel entgegen; es gibt keine entgegengesetzten, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">einander zerstörenden Bewegungen, und man kann sich keine Art von </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Verfassung denken, in der eine geringere Kraftäußerung eine größere </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Wirkung hervorzubringen vermag. In Archimedes, der ruhig am Ufer sitzt </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und ein großes Schiff ohne Mühe flott macht, erblicke ich das Bild eines </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">geschickten Monarchen, der seine ausgedehnten Staaten von seinem </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Kabinette aus regiert und jede Bewegung hervorruft, obgleich er selbst </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">regungslos scheint. </span></div><div id="bkmrk-" style="text-align: justify;"></div><div id="bkmrk-wenn-es-nun-auch-kei" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Wenn es nun auch keine Regierung gibt, die größere Kraft besitzt, so gibt </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">es dafür auch keine, in der der Privatwille mehr Macht hat und die übrigen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Willen leichter zu beherrschen vermag. Alles schreitet demselben Ziele </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">entgegen, das ist richtig; allein dieses Ziel ist nicht das allgemeine Wohl, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und selbst die Stärke der Regierung ist dem Staate beständig nachteilig. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Die Könige wollen unumschränkt sein, und man ruft ihnen von fern zu, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">das beste Mittel dazu sei, sich die Liebe ihrer Völker zu erwerben. Dieser </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Satz ist sehr schön und in gewisser Hinsicht auch sehr richtig, </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">unheilvollerweise wird man sich an den Höfen regelmäßig über ihn lustig</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">machen. Die aus der Liebe der Völker entspringende Macht ist </span></span></div><div id="bkmrk-unzweifelhaft-die-gr" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">unzweifelhaft die größte, aber sie ist unsicher und bedingt; nie werden sich </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">die Fürsten mit ihr begnügen. Die besten Könige begehren böse sein zu </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">können, sobald es ihnen beliebt, ohne deshalb ihrer Macht beraubt werden </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zu können. Der politische Phrasendrescher hat gut reden, daß ja die Kraft </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">des Volkes ihre eigene bilde, und es mithin zu ihrem größten Vorteile </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">gereiche, wenn das Volk blühend, zahlreich und fruchtbar sei; sie wissen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sehr wohl, daß dies unwahr ist. Ihr persönlicher Vorteil verlangt es, daß das </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Volk schwach, elend und unvermögend sei, ihnen je Widerstand </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">entgegenzustellen. Bei der Annahme einer vollkommenen und steten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Unterwürfigkeit der Untertanen würde es, wie ich gern gestehe, allerdings </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der Vorteil des Fürsten sein, daß das Volk mächtig wäre, damit diese Macht, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">die ja seine eigene wäre, ihn seinen Nachbarn furchtbar machte. Da dieser </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Vorteil indessen doch nur ein nebensächlicher und untergeordneter ist und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">beide Annahmen unvereinbar sind, so ist es natürlich, daß die Fürsten stets </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">dem Satze den Vorzug geben, bei dem sie am ersten auf Nutzen rechnen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">können. Dies ist es, was Samuel den Israeliten eindringlich vorstellte und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Macchiavelli mit größter Klarheit bewiesen hat. Indem sich letzterer den </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Anschein gab, als ob er den Königen Lehren erteilen wollte, gab er den </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Völkern die allerwichtigsten. Macchiavellis »Fürst« ist das Buch der </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Republikaner.</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">\[Fußnote: Macchiavelli war ein ehrlicher Mann und ein guter </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Bürger; da er jedoch vom Hause Medici abhängig war, sah er sich genötigt, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">bei der Unterdrückung seines Vaterlandes seine Freiheitsliebe zu verbergen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Schon die Wahl seines verruchten Helden (Cäsar Borgia) läßt deutlich seine </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">geheime Absicht erkennen, und der Widerspruch zwischen den in seinem </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Buche vom Fürsten ausgesprochenen Grundsätzen und den in seinen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Abhandlungen über Titus Livius sowie in der florentinischen Geschichte </span></div><div id="bkmrk-aufgestellten-lehren" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">aufgestellten Lehren beweist, daß dieser tiefe Politiker bis jetzt nur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">oberflächliche oder verdorbene Leser gehabt hat. Der römische Hof hat </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">jenes Werk streng verboten. Ich glaube es gern, denn gerade ihn hat er am </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">handgreiflichsten geschildert.\] </span></div><div id="bkmrk--1" style="text-align: justify;"></div><div id="bkmrk-aus-den-allgemeinen-" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Aus den allgemeinen Verhältnissen haben wir erkannt, daß die </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Monarchie nur für große Staaten geeignet ist, und bei ihrer Prüfung an sich </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wird sich uns die Wahrheit dieses Satzes noch klarer zeigen. Je zahlreicher </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">das Beamtenheer ist, desto mehr verringert sich die Kluft zwischen dem </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Fürsten und seinen Untertanen, desto mehr nähert sich das Verhältnis der </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Gleichheit, so daß in der Demokratie dieses Verhältnis eins ist oder die</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Gleichheit selbst. Diese Kluft vergrößert sich dagegen, in dem Maße wie </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sich das Regierungspersonal verringert, und erreicht ihren höchsten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Umfang, sobald die Regierung in den Händen eines einzigen ruht. Alsdann </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ist der Abstand zwischen dem Fürsten und dem Volke zu groß, und es fehlt </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">dem Staate ein fester Zusammenhang. Um ihn zu bilden, sind Mittelglieder, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sind Fürsten, Große und Edelleute nötig, um die Kluft auszufüllen. Nichts </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">von allem diesem paßt jedoch für einen kleinen Staat, den solche </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Abstufungen zugrunde richten würden. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Ist es aber überhaupt schwierig, daß ein großer Staat gut regiert werde, so </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ist es noch weit schwieriger, daß er von einem einzigen Manne gut regiert </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">werde. Jeder weiß, was daraus hervorgeht, wenn der König seine </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierungsgeschäfte anderen überläßt. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Ein wesentlicher und unvermeidlicher Mangel, der der republikanischen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierungsform stets den Vorrang vor der monarchischen sichern wird, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">besteht darin, daß in ersterer die öffentliche Meinung fast immer nur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">erleuchtete und befähigte Männer, die ihren Ämtern Ehre machen, zu den </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">höchsten Stellen erhebt, während die, die in Monarchien zu ihnen gelangen, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">häufig nur kleine Wichtigtuer, kleine Betrüger, kleine Ränkeschmiede sind, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">denen die kleinen Talente, die an den Höfen den Weg zu den höchsten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Stellen bahnen, nur dazu dienen, dem Volke ihre Unfähigkeit zu zeigen, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sobald sie ihr Ziel erreicht haben. Das Volk irrt sich hinsichtlich der Wahl </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">weit weniger als der Fürst, und ein Mann von wahrem Verdienste ist im </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Ministerrate fast ebenso selten wie ein Dummkopf an der Spitze einer </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">republikanischen Regierung. Ergreift deshalb infolge eines glücklichen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Zufalls ein solcher zum Regieren geborener Mann in einer durch die Schar </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">jener sauberen Glücksjäger fast schon zugrunde gerichteten Monarchie das </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Staatsruder, so ist man über die Hilfsmittel, die er findet, überrascht, und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">das macht in einem Lande Geschichte. </span></div><div id="bkmrk--2" style="text-align: justify;"></div><div id="bkmrk-damit-ein-monarchisc" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Damit ein monarchischer Staat gut regiert werden könnte, wäre es nötig, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">daß seine Größe oder Ausdehnung genau den Fähigkeiten des Regenten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">entspräche. Erobern ist leichter als regieren. Hat man einen tauglichen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Hebel, so kann man mit einem Finger die Welt erschüttern; um sie jedoch </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zu tragen, bedarf es der Schultern eines Herkules. Ist der Staat leidlich groß, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">so ist der Fürst fast jederzeit zu klein. Ereignet es sich dagegen, was freilich </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">selten stattfinden wird, daß der Staat für sein Oberhaupt zu klein ist, so wird </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">er wieder schlecht regiert, weil sich der Fürst stets mit großartigen Plänen </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">trägt, darüber die Interessen des Volkes vergißt und es durch den Mißbrauch</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">seiner zu großen Talente nicht weniger unglücklich macht als ein </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">beschränktes Oberhaupt durch seine zu geringen Gaben. Ein Königreich </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">müßte sich eigentlich bei jeder neuen Regierung nach der Begabung des </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Fürsten erweitern oder verengen; da die Fähigkeiten eines </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zusammengesetzten Regierungskörpers ein bestimmteres Maß haben, kann </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der Staat feste Grenzen behalten, ohne deshalb schlechter regiert zu werden. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Der empfindlichste Übelstand bei der Regierung eines einzigen ist der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Mangel jener beständigen Nachfolge, die bei den beiden anderen eine </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ununterbrochene Verbindung herstellt. Nach dem Tode des einen Königs </span></div><div id="bkmrk-mu%C3%9F-man-einen-andere" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">muß man einen anderen haben; bis zur Wahl vergeht eine gefährliche </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Zwischenzeit, und die Wahlen sind stürmisch. Besitzen die Staatsbürger </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">nicht eine seltene Uneigennützigkeit und Redlichkeit, wie sie mit dieser </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierungsform nicht leicht vereinbar ist, so mischen sich Umtriebe und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Bestechung ein. Selten wird der, dem sich der Staat verkauft hat, ihn nicht </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">seinerseits verkaufen und sich nicht an den Schwachen für das Geld </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">entschädigen, das die Mächtigen von ihm erpreßt haben. Früher oder später </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wird unter einer solchen Regierung alles käuflich, und die Ruhe, deren man </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">dann unter den Königen genießt, ist schlimmer als die Verwirrung während </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der Zwischenreiche. </span></div><div id="bkmrk--3" style="text-align: justify;"></div><div id="bkmrk-was-hat-man-nun-geta" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Was hat man nun getan, um diesen Übelständen vorzubeugen? Man hat </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">die Kronen in gewissen Familien erblich gemacht und eine Ordnung der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Thronfolge festgesetzt, die jedem Streite beim Tode der Könige vorbeugt, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">das heißt, man hat dadurch, daß man den Übelstand der Regentschaft an die </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Stelle der Wahlumtriebe setzte, eine scheinbare Ruhe einer weisen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierung vorgezogen und es lieber darauf ankommen lassen wollen, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Kinder, Unmenschen und Schwachsinnige zu Herrschern zu haben, als über </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">die Wahl guter Könige streiten zu müssen. Man hat nicht bedacht, daß man </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">fast immer verlieren muß, wenn man sich auf solche Weise allen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Wechselfällen aussetzt. Der junge Dionysius hatte ganz recht, als er seinem </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Vater, der ihm eine schändliche Handlung verwies und unter anderem sagte: </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">»Habe ich dir ein solches Beispiel gegeben?« erwiderte: »Oh, dein Vater </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">war auch nicht König.« </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Alles trägt dazu bei, einem zur Herrschaft über andere erzogenen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Menschen jedes Gefühl für Gerechtigkeit und Rechenschaft zu rauben. Man </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">soll sich viel Mühe geben, um junge Prinzen mit der Regierungskunst </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">vertraut zu machen; diese Erziehung scheint ihnen aber keinen großen </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Nutzen zu bringen. Man würde besser tun, wenn man damit den Anfang</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">machte, sie in der Kunst des Gehorsams zu unterrichten. Die größten </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Könige, die die Geschichte rühmt, sind nicht zur Regierung erzogen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">worden; das ist eine Wissenschaft, die man sich um so weniger aneignet, je </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">länger man sie studiert hat, und die man sich besser durch Gehorsam als </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">durch Befehlen erwirbt. »Nam utilissimus idem ac brevissimus bonarum </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">malarumque rerum delectus, cogitare, quid aut nolueris sub alio principe aut </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">volueris.« (Die nützlichste und zugleich kürzeste Art der Entscheidung </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zwischen Gutem und Bösem für einen Fürsten ist die Überlegung, was er </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">selbst wollen würde und was nicht, wenn er Untertan eines anderen Fürsten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wäre.) </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Eine Folge dieses Mangels an Zusammenhang ist der Wankelmut der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">königlichen Regierung. Da sie nach dem Charakter des regierenden Fürsten </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">oder der statt seiner regierenden Leute bald diesen, bald jenen Plan befolgt, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ist sie außerstande, lange einen bestimmten Zweck und ein festes Verfahren </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">beizubehalten. Diese ewige Unbeständigkeit, die bei anderen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierungsformen, unter denen der Fürst immer derselbe bleibt, nicht </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">stattfindet, versetzt den Staat in ein unaufhörliches Hin- und Herschwanken </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">von einem Grundsatz zum andern und von einem Entwurfe zum andern. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Auch sieht man deshalb, daß im allgemeinen an einem Hofe mehr List und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">in einem Senat mehr Weisheit herrscht, und daß die Republiken durch </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">festere und besser befolgte Pläne ihre Zwecke erreichen, während jede </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Revolution im Ministerrat auch eine im Staate hervorruft, da alle Minister </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und fast alle Könige den Grundsatz teilen, in allen Stücken das Gegenteil </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">ihrer Vorgänger zu tun. </span></div><div id="bkmrk--4" style="text-align: justify;"></div><div id="bkmrk-aus-ebendieser-zusam" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Aus ebendieser Zusammenhangslosigkeit ergibt sich auch die Lösung </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">eines von den königlich gesinnten Politikern oft gehörten Trugschlusses. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Sie vergleichen nicht allein die bürgerliche Regierung mit der häuslichen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und den Fürsten mit dem Familienvater – diese irrige Ansicht habe ich </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">bereits widerlegt –, sondern legen dieser hohen Person auch äußerst </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">freigebig alle Tugenden bei, die er nötig hätte, und gehen immer von der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Annahme aus, daß der Fürst wirklich sei, was er sein sollte, eine Annahme, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">bei der offenbar die königliche Regierung den Vorzug vor jeder andern </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">verdient, weil sie unstreitig die stärkste ist und der nichts weiter fehlt, um </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">auch die beste zu sein, als einer größeren Übereinstimmung des </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Regierungswillens mit dem allgemeinen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Wenn nun aber nach Platos Behauptung ein geborener König eine so </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">seltene Erscheinung ist, wie oft werden dann erst Natur und Glück sich die</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Hand reichen, um ihn zu krönen? Und wenn die königliche Erziehung </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">unbedingt diejenigen, die sie empfangen, verdirbt, was kann man dann von </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">einer ganzen Reihe zum Herrschen erzogener Männer hoffen? Die </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Verwechslung der königlichen Regierung mit der eines guten Königs ist </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">demnach eine absichtliche Täuschung. Um zu sehen, was diese Regierung </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">an sich ist, muß man sie unter unbefähigten oder schlechten Fürsten ins </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Auge fassen, denn sie werden schon als solche den Thron besteigen oder </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der Thron wird sie dazu machen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Diese Schwierigkeiten sind unseren Schriftstellern nicht entgangen, aber </span></div><div id="bkmrk-sie-lassen-sich-dadu" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sie lassen sich dadurch nicht in Verlegenheit setzen. Nach ihnen ist das </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">beste Heilmittel, ohne Murren zu gehorchen; Gott gibt die bösen Könige in </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">seinem Zorne, und man muß sie als Züchtigung des Himmels ertragen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Dergleichen Redensarten sind allerdings höchst erbaulich; aber ich weiß </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">nicht, ob sie nicht besser auf die Kanzel als in ein Werk über die Staatskunst </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">hingehörten. Was würde man von einem Arzte sagen, der Wunderdinge </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">verspricht, während seine ganze Kunst darin besteht, seinen Kranken zur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Geduld zu ermahnen? Daß man eine schlechte Regierung, wenn man sie </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">einmal hat, ertragen muß, ist eine bekannte Sache, aber nun müßte die </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Frage sein, wie man eine gute findet.</span></div>