# 1. Kapitel Der allgemeine Wille ist unzerstörbar

# 1. Kapitel Der allgemeine Wille ist unzerstörbar

<div id="bkmrk-solange-mehrere-vere" style="text-align: justify;"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Solange mehrere vereinigte Menschen sich als einen einzigen Körper </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der die gemeinsame </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Erhaltung und die allgemeine Wohlfahrt zum Gegenstande hat. Dann sind </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">alle Triebfedern des Staates kräftig und einfach, und seine Grundsätze klar </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und deutlich; er hat keine verwickelten, einander widersprechenden </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Interessen; das Gemeinwohl tritt überall sichtlich hervor, und es bedarf nur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">gesunder Vernunft, um es wahrzunehmen. Friede, Einigkeit und Gleichheit </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sind Feindinnen politischer Spitzfindigkeiten. Aufrichtige und einfache </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Menschen sind gerade ihrer Einfachheit wegen schwer hinter das Licht zu </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">führen; für Betrügereien und bestechende Vorspiegelungen sind sie nicht </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">empfänglich; sie sind nicht einmal fein genug, um sich überlisten zu lassen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Wenn man sieht, wie bei dem glücklichsten Volke auf Erden Scharen von </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Landleuten die Staatsangelegenheiten unter einer Eiche entscheiden und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">dabei stets mit großer Weisheit zu Werke gehen, kann man sich dann wohl </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">erwehren, die Spitzfindigkeiten anderer Völker zu verachten, die sich mit </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">einer solchen Fülle von Kunst und Geheimnistuerei berühmt und elend </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">machen? </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Ein auf solche Weise regierter Staat hat nur wenige Gesetze nötig, und je </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">notwendiger sich der Erlaß neuer macht, desto allgemeiner wird auch diese </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Notwendigkeit anerkannt. Wer sie zuerst vorschlägt, spricht nur aus, was </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">schon alle längst gefühlt, und es ist nicht erst von Kabalen und </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Beredsamkeitsergüssen die Rede, um etwas zum Gesetz zu erheben, was </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">jeder schon selbst zu tun beschlossen hat, sobald er nur sicher wäre, daß die </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">anderen seinem Beispiele folgen würden. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Was die Schwätzer namentlich täuscht, ist der Umstand, daß sie nur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Staaten im Auge haben, die von ihrem Entstehen an eine schlechte </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Verfassung hatten, und es daher für unmöglich halten, eine derartige Politik </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">durchzuführen. Sie lachen bei der Vorstellung von all den Dummheiten, die </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">ein gewandter Schurke, ein Schmeichelredner dem Volk von Paris oder</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">London auf schwätzen könnte. Sie wissen nicht, daß Cromwell von den </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Bernern ins Irrenhaus gesperrt und der Herzog von Beaufort von den </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Genfern ins Gefängnis geworfen worden wäre. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Sobald aber das gesellschaftliche Band zu erschlaffen und der Staat </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">schwach zu werden beginnt; sobald die Privatinteressen sich immer mehr </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">geltend zu machen und die kleinen Gesellschaften auf die große </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">einzuwirken anfangen: dann leidet das gemeinsame Interesse und findet </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Gegner; es herrscht keine Einstimmigkeit mehr; der allgemeine Wille ist </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">nicht mehr der Wille aller; es erheben sich Widersprüche und Streitigkeiten, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">und die beste Ansicht wird nicht ohne lebhafte Wortgefechte angenommen. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Kurz, besteht der seinem Untergange nahe Staat nur noch durch eine </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">illusorische und leere Form; ist das gesellschaftliche Band in allen Herzen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">zerrissen; trägt der schnödeste Eigennutz schamlos den heiligen Namen des </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">öffentlichen Wohles zur Schau: dann verstummt der allgemeine Wille; von </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">geheimen Beweggründen geleitet stimmen alle dann so wenig </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">staatsbürgerlich, als hätte es nie einen Staat gegeben, und unter dem Namen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">von Gesetzen bringt man fälschlicherweise unbillige Verordnungen zur </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Geltung, die nur das Privatinteresse bezwecken. </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Folgt etwa daraus, daß der allgemeine Wille vernichtet oder verfälscht </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">sei? Nein, er ist immer beständig, unwandelbar und lauter; aber er ist </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">anderen untergeordnet, die ihn überwiegen. Jeder, der sein Interesse von </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">dem allgemeinen loslöst, sieht sehr wohl ein, daß er nicht imstande ist, es </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">völlig davon zu trennen; aber sein Anteil an dem öffentlichen Elende </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">scheint ihm im Hinblick auf das besondere Wohl, das er sich anzueignen </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">gedenkt, gering und nichtig. Von diesem privaten Wohl abgesehen, will er </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">schon um seines eigenen Vorteils willen das allgemeine Beste ebenso eifrig </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wie irgendein anderer. Sogar wenn er seine Stimme für Geld verkauft, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">vernichtet er den allgemeinen Willen nicht in sich; er umgeht ihn nur. Der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Fehler, den er begeht, besteht in der Änderung der Fragestellung; er </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">antwortet auf etwas ganz anderes, als er gefragt ist. Anstatt durch Abgabe </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">seiner Stimme zu sagen: »Es ist dem Staate vorteilhaft«, sagt er: »Es ist </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">diesem oder jenem Manne dieser oder jener Partei vorteilhaft, daß dieser </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">oder jener Antrag durchgeht.« Auf diese Weise erfordert das Gesetz der </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">öffentlichen Ordnung in den allgemeinen Versammlungen nicht so sehr, daß </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">der allgemeine Wille erhalten bleibe, als daß er stets befragt wird und auch </span><span style="color: rgb(255, 255, 255);"><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">stets antwortet.</span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif;">Hier ließen sich noch allerlei Betrachtungen über das einfache Recht </span></span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">anstellen, bei jedem oberherrlichen Akte seine Stimme abzugeben, ein </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Recht, das den Staatsbürgern aus keiner Rücksicht entzogen werden darf, so </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wie über das Recht Anträge zu stellen, Verbesserungen vorzuschlagen, </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">Einteilungen vorzunehmen, zu verhandeln, lauter Rechte, die die Regierung </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">immer nur ihren Mitgliedern zu überlassen bestrebt war; aber dieser </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">wichtige Gegenstand würde eine besondere Abhandlung erfordern, und in </span><span style="font-size: 15pt; font-family: LiberationSerif; color: rgb(255, 255, 255);">diesem Werke vermag ich nicht alles zu sagen.</span></div>