Ein Gott, zwei Religionen – Christentum und Islam
- Ein Gott, zwei Religionen – Christentum und Islam
- Das Wort Gottes: Bibel und Koran im Vergleich
- Jesus und Maria: Ungeahnte Verbindungen zwischen Christentum und Islam
- "Freund Gottes" und "Vater der Menge": Wem gehört Abraham?
- Beten, Fasten, Pilgern – Glaubenspraxis von Muslimen und Katholiken
Ein Gott, zwei Religionen – Christentum und Islam
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Bonn ‐ Christen und Muslime sprechen von Gott – und das manchmal aneinander vorbei. In einer neuen Serie stellt katholisch.de die Auffassungen beider Religionen nebeneinander. Teilen beide den gleichen Gott? Welche Bilder haben sie von ihm? Über Schriften, eine besondere Person und einen unbekannten Namen.
Wer ist Gott? Ist er der Herr der Welten, der Allerbarmer, der Barmherzige, der Herrscher am Tag des Gerichts? "Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe. Leite uns den geraden Weg, den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die deinen Zorn erregt haben und nicht der Irregehenden!" Viele Christen würden diese Aussagen sicher unterschreiben – es handelt sich um die erste der 114 Suren des Korans, ein Gebet, das im Islam in etwa die Stellung des Vaterunsers innehat. Hier findet sich ein fundamentales Gottesbild, das einerseits grundlegende Eigenschaften wie auch eine gewisse Tonalität formuliert, die den Vergleich der Gottesvorstellungen zwischen Islam und Christentum zusammenfasst. Einerseits stehen dort viele Eigenschaften, die auch Christen Gott zuschreiben, andererseits wird in der gleichen Sure später Gott gebeten, dass man nicht den Weg der "Irregehenden" geht – womit nach Meinung vieler islamischer Theologen die Christen gemeint sind. Es ist also alles nicht immer ganz einfach.
Zunächst die Frage, ohne die sich alle weiteren Erörterungen erübrigen würden: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? Die Antwort ist kurz: Ja, aber. Die Konstitution "Lumen gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) spricht von den Muslimen als jenen, "die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird". (LG 16) Für Anhänger beider Religionen gibt es nur einen einzigen Gott. Er ist der allmächtige Schöpfer der Welt, der in der Geschichte immer wieder in der Welt gewirkt und den Menschen von sich erzählt hat. Er ist also als Kraft in der Welt präsent und doch stets der ganz Andere. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind zwei Eigenschaften, die ihn auszeichnen – sowohl in der Bibel als auch im Koran. Die großen Wegmarken sind bei Christen und Muslimen also gleich.
Verschiedene Akzente
Es gibt zwischen beiden auch Unterschiede – wobei sich diese Unterschiede vielleicht treffender als verschiedene Akzente beschreiben lassen. Es hängt vom persönlichen Gottesverständnis und -verhältnis ab, wie man diese gewichtet. Diese verschiedenen Akzente haben ihren Ursprung in der Art und Weise, wie sich Gott aus der Sicht der jeweiligen Religion den Menschen mitgeteilt hat.
Im Islam hat sich Gott im Laufe der Geschichte immer wieder über Propheten und definitiv zuletzt im Koran offenbart – die Mehrheit der Muslime ist zudem der Ansicht, dass der Koran die wörtliche, nicht von Menschenhand interpretierte oder veränderte Aussage Gottes ist. Diskussionen über das Wesen Gottes haben im Islam Seltenheitswert, viel eher herrscht die Auffassung: Was Gott von sich sagen will, steht im Koran, der Rest ist irrelevant.
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Die Mehrheit der Muslime ist der Ansicht, dass der Koran die wörtliche, nicht von Menschenhand interpretierte oder veränderte Aussage Gottes ist.
Für Christen dagegen ist der Mittelpunkt des Glaubens nicht ein Buch, sondern mit Jesus Christus eine Person. Für Christen hat sich Gott durch das Lebenszeugnis Jesu selbst offenbart, er ist ein Mensch unter Menschen geworden, hat sich mit deren Gefühlen, Leiden und Fragen solidarisiert. Das Christentum ist also in anderem Sinne eine Buchreligion als es etwa der Islam und das Judentum sind.
Transzendenz im Vordergrund
Diese Nähe Gottes, die persönliche Verbundenheit zu den Menschen ist dem Islam eher fremd. Hier steht die Transzendenz, die unergründliche Fremdheit Gottes mehr im Vordergrund. Gott ist der immer ganz andere, unergründliche: "Allahu akbar" ("Gott ist stets größer"). Im Islam ist Gott also für den Menschen weniger zugänglich als im Christentum. Das schlägt sich auch in der religiösen Tradition nieder. Große Bedeutung haben im Islam die 99 Namen Gottes – und der 100., der den Menschen unaussprechbar ist und verborgen bleibt. Diese 99 Namen, sämtlich aus dem Koran, rezitieren fromme Muslime anhand einer Tasbih genannten Gebetskette. Diese Namen repräsentieren Bezeichnungen, Beschreibungen und Eigenschaften – und polarisieren: Gott ist der Allwissende, der Sichtbare, der Verborgene (Sure 59, Vers 22). Da Gott im Koran mit insgesamt mehr als 100 Namen bezeichnet wird, ist die Auswahl dieser 99 Namen immer ein wenig anders. Welcher dieser Namen der bedeutendste ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Statistisch gesehen wäre der Allbarmherzige auf der Spitzenposition, er kommt am häufigsten vor – allein schon, weil jede Sure (mit einer Ausnahme) mit der Wendung "Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers" beginnt. Die Bedeutung der 99 Namen verdeutlicht: Gott ist für den Menschen nicht direkt fassbar, befindet sich außerhalb mit Sinnen oder Verstand beschreibbarer Kategorien. Er kann nur mit überlieferten Selbstbezeichnungen bedacht werden. Diese Distanz zeigt sich auch an anderer Stelle: Laut muslimischem Glauben sind die Menschen auch nach dem Tod nicht eins mit Gott, sondern können sich mehr als auf Erden an seinem Glanz erfreuen.
Der Weg dorthin ist im Prinzip einfach: Da alles von Gott als wesentlich erachtete im Koran festgehalten ist, wollen und sollen fromme Muslime dessen Regeln beachten, zum Beispiel die Nahrungs- und Fastengebote. Damit ebnen sie sich den Weg ins Paradies. Das richtige Handeln des einzelnen Gläubigen steht im Vordergrund. Großen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang der Hadith. Hadithe sind Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed sowie Sätze und Taten, mit denen er einverstanden gewesen sein soll. Diese Überlieferungen sind neben dem Koran eine weitere Quelle für das richtige Handeln (Sunna) eines Gläubigen, das ihn gottgefällig macht.
Große Bandbreite an Richtungen
Einschränkend sei gesagt: Der Islam beherbergt eine große Bandbreite an Schulen und Richtungen. In vielen arabischen Ländern sind strenge, karge Formen verbreitet. Dagegen herrscht etwa in den Ländern Nordafrikas, Subsaharaafrikas und Südostasiens ein mystischer Islam vor, der die Liebe Gottes und die innere Beziehung des Einzelnen zu ihm stärker betont. Die Regelbefolgung ist hier nicht so zentral – damit ist diese islamische Spielart dem Christentum näher. Zwischen den islamischen Gruppen gibt es oft Konflikte: Mystiker werden etwa vom wahhabitischen und salafistischen Islam verfolgt. Der moderne Wahhabismus und Salafismus lehnt zudem die interpretatorische Koranauslegung ab, die jedoch im Islam eine reiche Tradition hat.
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Im Neuen Testament steht das Leben und Wirken Jesu im Mittelpunkt.
Anders als im Islam ist die Heilige Schrift im Christentum nicht das unverfälschte Wort Gottes, sondern besteht aus von Gott inspirierten, aber von Menschen verfassten Schriften. Das zeigt sich allein schon in den vier Evangelien, die Geschichten von Jesus aus verschiedenen Quellen zusammenkomponiert haben. Das Erzählen von den Worten und Taten Jesu steht also im Vordergrund. Durch diese personalisierte Gottesvorstellung und die größere Nähe Gottes zum Menschen ist die Frage nach der Natur und Form Gottes im Christentum virulenter – Jesu selbst legt auf den richtigen Glauben großen Wert. "Folge mir nach!", ruft er seinen Jüngern zu. (Joh 21,19) Es geht ihm weniger um Regelbefolgung als um die richtige Haltung im Herzen, die Liebe Gottes, die mit der Liebe zum Nächsten einhergeht. Deshalb wird im Christentum mehr über Glaubens- und Gottesbilder diskutiert, eine jahrhundertelange Auseinandersetzung über Wesen (Dreifaltigkeit), Personalität Gottes in zahlreichen Konzilien und Reform(ation)en zeugt davon. Doch diese unterschiedlichen Akzente haben ihre Grenzen – immerhin gibt es gerade im Katholizismus eine Vielzahl von zu befolgenden Regeln, die die Gläubigen näher zum Herrn bringen sollen. Pauschale Aussagen sind also auch hier wie so oft schwierig.
Zwei Perspektiven auf Jesus
Was sich jedoch sehr pauschal sagen lässt ist die unterschiedliche Stellung des Jesus von Nazareth. Ist er für Christen Mensch gewordenes Wort Gottes, gestorben und wieder auferstanden, sehen ihn Muslime zwar als Prophet und Wunderheiler – aber ausschließlich als (wenn auch sehr bedeutenden) Menschen. So können Anhänger beider Religionen gemeinsam einen Gruß an Maria senden, die auch im Islam verehrt wird, eine gemeinsame Anbetung Jesu gibt es aber nicht.
Das Verhältnis der Gottesbilder von Christen und Muslimen oszilliert also zwischen Nähe und Ferne, Schrift und Mensch. Wie sehr einzelne Gläubige die genannten Unterschiede als grundsätzlich trennend oder als weniger relevante Detailfragen wahrnehmen, hängt auch von Ort und Zeit der Sprecher ab. Für den gegenseitigen Dialog gilt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede wertzuschätzen. Denn beide Religionen gewinnen den verschiedenen Dimensionen Gottes ihre je eigene Facette ab.
Von Christoph Paul Hartmann
Das Wort Gottes: Bibel und Koran im Vergleich
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Bonn ‐ Sowohl Christen als auch Muslime haben ein Buch im Zentrum ihres Glaubens. Ein Blick auf Bibel und Koran offenbart dabei überraschende Parallelen. Deshalb kann es für Christen und Muslime sogar bereichernd sein, die heilige Schrift der jeweils anderen Religion kennenzulernen.
"Wer sich Gott völlig hingibt und dabei Gutes tut, dessen Lohn steht für ihn bei seinem Herrn. Und sie soll keine Furcht überkommen, noch sollen sie traurig sein." Was beinahe wie ein Bibelzitat klingt, ist in Wahrheit ein Vers aus dem Koran (Sure 2, Vers 112). Vergleichbare Stellen finden sich überall in beiden Heiligen Schriften. In der Religionswissenschaft werden Christentum und Islam gemeinsam mit dem Judentum nicht ohne Grund häufig unter dem Begriff "Buchreligion" subsummiert. Bibel und Koran haben große Bedeutung – nicht nur für ihre eigene Religion.
Tatsächlich lassen sich in beiden Büchern überraschend viele inhaltliche Parallelen ausmachen: Es geht um Gott als den Schöpfer und Richter der Welt, um die Begegnung von Menschen mit Gott, aber auch um Sünde, Verfehlung und eine Lebensordnung. "Wenn man sich mit den heiligen Schriften indischer Religionen beschäftigt, fällt auf, dass das gar nicht deren Fragestellungen sind. Das zeigt, wie eng Judentum, Christentum und Islam zusammenhängen", sagt Bertram Schmitz, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Jena. Doch nicht nur die Grundthemen und Fragestellungen sind in Bibel und Koran ähnlich – in beiden Büchern finden sich auch dieselben Figuren wieder, wie beispielsweise Adam, Abraham (Ibrahim), Mose (Musa) aber auch Maria (Maryam) und Jesus (Isa ibn Maryam).
Selbst einzelne Erzählungen ähneln sich teilweise bis ins kleinste Detail. So findet sich beispielsweise die Erzählung über Josef und seine Brüder, die ihn in einem Brunnen ertränken wollen, im Alten Testament (Genesis 37-50) und in Sure 12. Dafür gibt es bei anderen Berichten deutliche und pointierte Unterschiede, etwa bei Jesus, der laut Koran zwar ohne biologischen Vater geboren wird, aber nicht am Kreuz gestorben ist. Diese mal mehr mal weniger ähnlichen Themen und Episoden kommen dabei nicht von ungefähr: "Das deutet darauf hin, dass der Korantext für diejenigen geschrieben oder gesprochen wurde, die auch die biblische Botschaft vor Augen hatten", sagt Schmitz.
Muslime haben ein anderes Bild der Bibel
Unterschiede gibt es derweil vor allem in der Entstehung der Schriften. Das Wort "Bibel" leitet sich vom griechischen "Biblion" ab und bedeutet übersetzt Buch- oder Schriftrolle. Über Jahrhunderte hinweg werden die Geschichten des Alten Testaments mündlich überliefert, bis sie zunächst auf Schriftrollen festgehalten werden. Diese werden im Laufe der Zeit überarbeitet, neu geordnet und schließlich zu einem Buch zusammengefügt, dem Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums (das häufig gebrauchte Wort "Tora" bezeichnet nur den ersten Teil des Tanach, die fünf Bücher Mose). Das Christentum übernimmt diese als Altes Testament und ergänzte im Wesentlichen das Neue Testament. Dieses besteht aus den Evangelien, in denen überlieferte Geschichten und Zitate Jesu zu Narrativen komponiert werden. Dazu kommen die Apostelgeschichte, Apostelbriefe sowie die Offenbarung des Johannes. Letztlich wird der nach katholischer Zählweise aus 73 Büchern bestehende Kanon dabei aus ganz unterschiedlichen literarischen Texten zusammengestellt, die im Laufe der Jahrhunderte durch Gott inspiriert und beeinflusst von vielen verschiedenen Menschen geschrieben wurden.
Muslime dagegen haben ein anderes Bild der Bibel: Nach ihrem Verständnis gehen Tora, Bibel und Koran alle auf eine göttliche Ur-Schrift zurück, von der Gott durch ausgewählte Propheten wie Mose, Jesus und Mohammed zu bestimmten Zeiten originalgetreue Kopien an einzelne Völker gesandt hat. Die Bibel hat also durchaus den Stellenwert einer göttlichen Offenbarung – die Christen (im Koran wie Juden "Leute der Schrift" genannt) haben diese nach islamischer Vorstellung allerdings entstellt und sind daher nicht mehr im Besitz der authentischen göttlichen Offenbarung. "Gern möchte euch ein Teil von den Leuten der Schrift in die Irre führen. Aber sie führen nur sich selbst in die Irre, ohne (es) zu merken. O Leute der Schrift! Warum verleugnet ihr Allahs Zeichen, wo ihr doch (selbst) Zeugen seid?" heißt es dazu im Koran (Sure 3, Vers 69-70).
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Nach islamischem Verständnis hat der Koran als letzte göttliche Offenbarung die Bibel abgelöst. Beide Bücher sind Teil einer göttlichen Ur-Schrift.
Der Auftrag Gottes an Mohammed ist es daher, die in seinen Augen erfolgte Fehlinterpretation der Bibel zu korrigieren und sie durch eine letzte und ewiggültige Offenbarung abzulösen. Dabei ist Gott nicht zimperlich: Immer wieder zieht sich Mohammed in eine Höhle im Berg Hira in der Nähe von Mekka zurück, um dort zu meditieren. Im Jahre 610 nach Christus hat er während einer solchen Einkehr sein erstes Offenbarungserlebnis. Der Erzengel Gabriel (arabisch: Dschibril) erscheint mit einem beschriebenen Seidentuch, ergreift Mohammed, drückt ihn fest an sich und lässt ihn erst wieder los, als dieser völlig erschöpft ist. Dann fordert der Erzengel ihn auf: "Lies!" Mohammed – dem muslimischen Verständnis nach ein Analphabet – antwortet zögerlich "Ich kann nicht lesen." Gabriel greift ihn erneut, drückt ihn so fest wie beim ersten Mal und wiederholt seinen Befehl: "Lies!".
Nach viermaliger Aufforderung fragt Mohammed schließlich aus Angst: "Was soll ich lesen?" Und der Erzengel fährt fort "Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel." (Sure 96, Vers 1-2) Der Engel trägt ihm daraufhin die ersten Koranverse vor. Nach dieser für ihn erschreckenden Begegnung hört er wieder die furchteinflößende Stimme des Erzengels, die ihm aufträgt, die göttliche Offenbarung vorzutragen und Mohammed beginnt als Prediger aufzutreten.
Koran hat Wundercharakter
Bis zu seinem Tod 632 erscheint Mohammed immer wieder der Erzengel Gabriel, der ihm den gesamten Koran (übersetzt: Lesung, Vortrag, Rezitation) übergibt. Mohammed lernt jeden dieser Verse auswendig und gibt sie sofort Wort für Wort an seine Anhänger weiter. Nach seinem Tod werden die Aussagen von seinem Sekretär Zaid ibn Thabit niedergeschrieben, kanonisiert und in 114 Suren gefasst, die – mit Ausnahme der ersten Sure – ihrer Länge nach sortiert sind und jeweils mit einer Anrufung Gottes, der sogenannten Basmala, als Beginn versehen sind.
Für Muslime ist der Koran daher die wörtliche und nicht von Menschenhand interpretierte Aussage Gottes. Hierin liegt ein gewichtiger Unterschied zum christlichen Verständnis der Bibel. Das hat auch Konsequenzen für den Umgang mit den Schriften: Während die meisten christlichen Konfessionen ein unproblematisches Verhältnis zur historisch-kritischen Bibelforschung haben, ist das aus der Sicht der meisten muslimischen Gemeinschaften für den Koran kaum denkbar. "Der Koran hat einen sakramentalen Charakter, vergleichbar mit Eucharistie oder Abendmahl im Christentum", sagt Religionswissenschaftler Schmitz. Die Auslegung der Suren hat dagegen in den meisten Glaubensrichtungen eine reiche Tradition. Darüber hinaus ist der Koran die wichtigste (wenn auch nicht größte) Quelle des islamischen Religionsgesetzes, der Scharia. Sie regelt nahezu alle Bereiche des Alltags und macht den Islam zu einer Gesetzesreligion. Im Gegensatz dazu liefert die Bibel lediglich eine Richtschnur für das gottbewusste Verhalten der Menschen.
In der Perfektion und Vollkommenheit der Sprache liegt der Wundercharakter des Koran, denn als Analphabet kann Mohammed nach islamischem Verständnis den Koran nicht selbst verfasst haben, und der Text muss damit aus einer göttlichen Quelle stammen. Ob Mohammed tatsächlich nicht lesen oder schreiben konnte, ist in der Forschung allerdings umstritten. "Als Kaufmann liegt es nahe, dass er es konnte", sagt Schmitz. Gemeint sein könne aber, dass er die Schriften nicht lesen konnte, also kein Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch beherrscht hat, erklärt er. "So würde ich das verstehen."
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"Vereinfacht könnte man sagen: Das Wort Gottes ist im Christentum Mensch, im Islam Buch geworden", fasst Religionswissenschaftler Bertram Schmitz zusammen. Die eigentliche Analogie ist damit nicht zwischen Koran und Bibel, sondern zwischen Koran und Jesus zu ziehen.
Aufgrund des Wundercharakters ist dem einzelnen arabischen Buchexemplar daher mit äußerstem Respekt und Verehrung zu begegnen, während eine einzelne Bibel im Christentum keine besondere Verehrung erfährt. Es geht im Christentum eher um das Wort an sich als seine Verkörperung in Buchform. Zur besonderen Koran-Wertschätzung gehört auch dessen Idiom: Alt-Arabisch als originale Sprache des Koran wird als heilige Sprache Gottes angesehen. Übersetzungen des Korans wurden daher lange Zeit abgelehnt, denn sie stellen ja bereits Interpretationen dar. Wer etwas auf sich hält, zitiert den Koran deshalb auf Arabisch. Das sorgt heute teilweise jedoch für Probleme im Verständnis.
Mit dem Selbstverständnis, eine originalgetreue Kopie der bei Gott bewahrten Ur-Schrift zu sein, steht der Koran im Zentrum des muslimischen Glaubens. Die eigentliche Analogie ist damit nicht zwischen Koran und Bibel zu ziehen, sondern zwischen dem Koran und Jesus, der im Zentrum des christlichen Glaubens steht. "Vereinfacht könnte man sagen: Das Wort Gottes ist im Christentum Mensch, im Islam Buch geworden", fasst Religionswissenschaftler Schmitz zusammen. Das bedeutet: Mohammed ist "nur" der Verkünder des Islam. Die eigentliche Botschaft, das Zentrum des Glaubens, ist der Koran als direkte Offenbarung Gottes und erste Quelle für Theologie, Recht und Glaubensleben der Muslime. Im Christentum dagegen ist Jesus Christus Inhalt der Botschaft und Zentrum des Glaubens. Die Bibel ist im Grunde genommen "nur" ein Zeugnis dafür, wer Jesus war, warum er der Christus ist und welche Bedeutung er für den Glauben der Menschen hat.
Sinnvoll, die Schrift der anderen zu lesen
Das drückt sich auch in der inhaltlichen Form der beiden Bücher aus: Die Bibel besteht aus zahlreichen Geschichten, Anekdoten und Zitaten, die besonders im Falle des Neuen Testaments beinahe ausschließlich dazu diesen, die Botschaft Jesu zu übermitteln und ihn als Erfüllung des Alten Bundes darzustellen. Der Koran dagegen ist keine zusammenhängende Erzählung, sondern eine Reihung von Offenbarungen, die Geschichten einzelner Protagonisten finden sich teilweise verstreut in verschiedenen Suren. Das macht den Koran deutlich schwerer lesbar. Zu seiner Entstehungszeit hatte diese Form allerdings ihre Berechtigung: Denn die Leser der Zeit kannten die Bibel bereits, die Auszüge aus einzelnen Geschichten dienen also nur der Vermittlung einer Botschaft, der Offenbarung Gottes.
Deshalb ist es sowohl für Christen als auch für Muslime sinnvoll, sich ebenfalls mit der Schrift der jeweils anderen Religion auseinanderzusetzen. Das schreibt auch der Schweizer katholische Theologe und Islamwissenschaftler Samuel Behloul in einem Beitrag für das Magazin "Religion lehren und lernen in der Schule" des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog. Durch ein Verständnis der zahlreichen Bezugnahmen und der Beschäftigung des Koran mit der Bibel als Vorgänger lasse sich der Koran nicht als gänzlich fremder Text betrachten, sondern als Zeugnis von Glaubenserfahrungen und Ergebnis der Auseinandersetzung mit den gleichen Fragen der gott-menschlichen Beziehungen, die auch für die Menschen der Bibel zentral waren, so Behloul. Wenn also beispielsweise in Sure 57 von Menschen mit Fackeln die Rede ist, wird die Anspielung auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13) nur dann deutlich, wenn man sich mit dem Bibeltext auseinandergesetzt hat. Deshalb ist es auch für Muslime sinnvoll, die biblischen Texte zu kennen und damit auch die feinen Andeutungen zu verstehen, die im Koran stecken, sagt Schmitz. So kann die Lektüre der Heiligen Schrift der anderen Religion für Christen und Muslime auch zu einem tieferen Verständnis der eigenen Heiligen Schrift führen.
Von Christoph Brüwer
Jesus und Maria: Ungeahnte Verbindungen zwischen Christentum und Islam
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Bonn ‐ Jesus und Maria spielen im Islam keine Rolle? Weit gefehlt: Tatsächlich misst der Koran den beiden Figuren eine herausragende Bedeutung zu und nennt Jesus sogar "Wort Gottes". Bei näherer Betrachtung zeigen sich noch andere ungeahnte Verbindungen zwischen Christentum und Islam.
"O Maria! Siehe, Gott verkündet dir ein Wort von sich. Sein Name sei: Christus Jesus, Sohn der Maria." Der Verkündigungsruf des Engels ist uns allen vertraut – und doch klingt er für christliche Ohren irgendwie ungewohnt. Kein Wunder, immerhin stammt der zitierte Vers nicht aus der Bibel, sondern aus dem Koran. Denn, was unter Christen vielleicht wenig bekannt ist: Auch im heiligen Buch des Islam spielen Jesus und Maria eine prominente Rolle.
Für den christlichen Glauben ist das Bekenntnis zur Göttlichkeit Jesu zentral. Seit den beiden Konzilen von Nicäa und Konstantinopel im vierten Jahrhundert steht das im christlichen Glaubensbekenntnis, das alle Konfessionen miteinander teilen. Der Islam betont dagegen die strikte Einzigkeit Gottes und lehnt die Vergöttlichung Jesu deshalb als "Schirk" ab, was so viel wie Beigesellung heißt und die schwere Sünde des Götzendienstes bezeichnet. Gerade in den Darstellungen Jesu und seiner Mutter finden sich jedoch zahlreiche Berührungspunkte zwischen Christentum und Islam, die den beiden Religionen helfen können, sich gegenseitig besser kennenzulernen – und ein tieferes Verständnis der eigenen Überzeugungen zu gewinnen.
Die koranischen Ehrentitel Jesu
Im Koran heißt Jesus "Isa" und wird unter diesem Namen an die zwanzig Mal erwähnt. Damit kommt er sogar häufiger namentlich vor als Mohammed, der im Koran nur vier Mal mit Namen angesprochen wird. Auch wenn Jesus im Islam "nur" ein Mensch ist, kommt ihm als einem der wichtigsten Propheten trotzdem eine herausragende Bedeutung zu. So wird Jesus gemeinsam mit Moses, Mohammed und nur wenigen anderen Figuren des Koran als "Rasul", als Gesandter gewürdigt. Dieser Ehrentitel, mit dem stellenweise auch die Engel Gottes bezeichnet werden, bringt die Nähe Jesu zu Gott zum Ausdruck und hebt seine besondere Stellung gegenüber den übrigen Propheten hervor, die im Koran für gewöhnlich "Nabi" heißen.
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Über 100 Stellen im Koran beziehen sich auf Jesus, der dort "Isa ibn Maryam" (Jesus, Sohn der Maria) heißt. Er wird im heiligen Buch des Islam häufiger mit Namen genannt als Mohammed, trägt den Ehrentitel "Messias" und wird sogar als "Wort Gottes" bezeichnet.
Weitere ehrenvolle Bezeichnungen für Jesus im Koran sind "Geist -", "Zeichen -" und "Wort Gottes", von denen die letzte ausschließlich für ihn verwendet wird und stark an die Formulierung am Anfang des Johannesevangeliums erinnert: "Das Wort ist Fleisch geworden." Für den katholischen Theologen Klaus von Stosch, der im Rahmen der sogenannten Komparativen Theologie seit Jahren die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam erforscht, handelt es sich dabei um keinen Zufall. Vielmehr kenne der Verkünder des Koran "diese christliche Tradition und versucht sie jetzt neu zu besetzen, versucht sie aufzunehmen, versucht Christen zu zeigen, wie sie in ihrem Glauben gewürdigt werden". Gleichzeitig habe der Islam auf diese Weise die exklusive Bindung des göttlichen "Logos" an Jesus dahingehend auflösen wollen, dass künftig auch der Koran als Wort Gottes gelten konnte, so von Stosch. Sogar die Bezeichnung "Messias" fällt im Koran für Jesus.
Die Lebensgeschichte Jesu im Koran
Die besondere Bedeutung Jesu für den Islam kommt aber nicht nur durch diese Ehrentitel zum Ausdruck. Auch seine gesamte Lebensgeschichte verdeutlicht, dass er nicht einfach ein Mensch wie alle anderen ist: So schildert der Koran, dass Jesus von seiner Mutter jungfräulich empfangen und unter wundersamen Begleitumständen zur Welt gebracht wurde. Er beschreibt, wie Jesus am Ende seines Lebens zu Gott zurückgerufen wurde, und berichtet von zahlreichen Wundern, die er im Auftrag Gottes bewirkt hat: "Damals, als du aus Ton etwas schufst, was die Gestalt von Vögeln hatte, mit meiner Erlaubnis, es dann anbliesest, so dass es wirklich Vögel wurden, mit meiner Erlaubnis, und Blinde heiltest und Aussätzige, mit meiner Erlaubnis, und damals, als du die Toten herausbrachtest, mit meiner Erlaubnis." (Sure 5, Vers 110)
Vor allem in der Episode, in der Maria von einem Engel die Geburt Jesu verkündet wird, fällt die große Nähe des Koran zur biblischen Tradition auf. Die entsprechende Sure – so heißen die einzelnen Kapitel des Koran – trägt den Namen "Maryam" – auf Deutsch: Maria. Als Jesu Mutter spielt auch sie eine herausragende Rolle im Islam. Maria ist die einzige Frau, die namentlich im Koran vorkommt, und wird dort mit über dreißig Nennungen sogar häufiger erwähnt als in allen Evangelien und der Apostelgeschichte zusammen.
Ähnlich wie im entsprechenden Abschnitt des Lukasevangeliums wird auch in der der 19. Sure beschrieben, dass ein Engel bei Maria erscheint und ihr die Geburt eines Sohnes verkündet, sie zunächst aber nicht versteht, wie sie ohne Kontakt zu einem Mann schwanger werden soll: "'Wie soll mir denn ein Knabe werden, da mich kein menschlich Wesen je berührte und ich auch keine Dirne bin?' Er sprach: 'So spricht dein Herr: Das ist mir ein Leichtes. Auf dass wir ihn zu einem Zeichen machen für die Menschen – und solches als Barmherzigkeit von uns.'" (Sure 19, Verse 20-21)
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Isa und Maryam, wie Jesus und Maria auf Arabisch heißen, werden auch im Islam verehrt. Die Flammen, die auf dieser Buchmalerei ihre Köpfe umgeben, entsprechen dem christlichen Heiligenschein.
Größere Abweichungen zur Bibel finden sich dagegen in der Geburtsszene des Koran. Jesus wird hier nicht in einem Stall in Betlehem geboren, sondern unter einer Dattelpalme auf dem Weg an einen "weit entfernten Ort". Auch wird Maria nicht von Josef begleitet, sondern ist ganz allein unterwegs. Sie leidet unter Geburtsschmerzen und wird von Gott durch ein Speisewunder gestärkt.
Auffällig ist, dass Jesus bereits als Neugeborenes sprechen kann und gegenüber der Familie Marias seine prophetische Sendung kundtut. Von Stosch sieht darin einen Hinweis, dass Jesus auch in der Vorstellung des Koran nicht erst durch seine Taten zum Gesandten Gottes wurde, sondern schon von Geburt an "Gottes Gegenwart vermittelt, dass in ihm schon prophetische Wirklichkeit da ist". Das sei "sehr, sehr nah dran an der christlichen Botschaft".
Es steht Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen
Dass der Koran bei aller Nähe zum Christentum aber auch Grenzen in seiner Jesusdarstellung zieht, wird bereits wenige Verse nach der zitierten Geburtsszene deutlich: "Das ist Jesus, Sohn Marias, als Wort der Wahrheit, über das sie uneins sind. Es steht Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen – gepriesen sei er!" (Sure 19, Verse 34-35) Der Ausdruck "Isa, Ibn Maryam" (Jesus, Sohn Marias) taucht im Koran an vielen Stellen als fester Bestandteil des Namen Jesu auf. Das ist bemerkenswert, denn es war im arabischen Kulturraum völlig unüblich, jemanden nach seiner Mutter zu benennen. Das Fehlen eines männlichen Bezugsnamens macht also deutlich, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte. Gleichzeitig widerspricht der Koran aber der Annahme, Gott sei der Vater Jesu, denn die absolute Einzigkeit Gottes lässt es nicht zu, dass er "einen Sohn annimmt". Wurde der für Christen zentrale Hoheitstitel "Jesus, Sohn Gottes" im Koran bewusst zu "Jesus, Sohn Marias" abgeändert, um ihn gegen das christliche Bekenntnis in Stellung zu bringen?
Folgt man dem in Münster lehrenden islamischen Theologen Mouhanad Khorchide, muss die zitierte Passage nicht zwangsläufig dem christlichen Glauben widersprechen: "Das arabische Wort, das hier verwendet wird, wenn der Koran sagt, Jesus ist nicht der Sohn Gottes, ist der Begriff 'Walad', also das biologisch gezeugte Kind." Weder aber hätten die Christen im siebten Jahrhundert diesen Ausdruck für die Gottessohnschaft Jesu verwendet, noch würden es heutige arabische Christen tun. Khorchide sieht in der viel diskutierten Stelle deshalb "keineswegs eine Polemik gegenüber Christen, sondern gegenüber den Polytheisten, den paganen Araber damals".
Starb Jesus am Kreuz?
Im Christentum sind der Kreuzestod Jesu und seine Auferstehung von den Toten das entscheidende Ereignis der Erlösung. Im Koran wird der Tod des Propheten Jesus dagegen nur an einer einzigen Stelle thematisiert – und diese Verse gehören zu den meist diskutierten. Sie finden sich in einer Art Anklagerede Gottes an die Juden, in der er ihre Verstöße gegen seinen Bund auflistet. Darunter fällt auch ihre Behauptung, Jesus gekreuzigt zu haben, die von Gott als Täuschung entlarvt wird: "'Wir haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet!' Aber sie haben ihn nicht getötet und haben ihn auch nicht gekreuzigt. Sondern es kam ihnen nur so vor." Vielmehr habe Gott ihn zu sich erhoben. (Sure 4, Verse 157-158)
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Leugnet der Koran die Kreuzigung Jesu? Koranforscher sind sich uneinig, wie die einzige Stelle, an der das Thema vorkommt, zu deuten ist. Fest steht jedenfalls, dass der Tod Jesu für Muslime keine Heilsbedeutung hat.
In der Koranforschung ist man sich uneins, wie diese Verse zu verstehen sind. Wurde Jesus nur zum Schein gekreuzigt, hat in Wirklichkeit aber überlebt? Diese Erklärung würde sich mit der Theorie einer frühchristlichen Sekte decken: Die Doketisten gingen davon aus, dass nur die menschliche Hülle Jesu am Kreuz gelitten hat, während sein göttliches Wesen unversehrt blieb.
Oder aber wurde an Jesu Stelle ein anderer Mensch gekreuzigt, mit dem ihn die Juden und die römischen Soldaten verwechselt haben, sodass er entkommen konnte? Hat Gott seinen Propheten auf diese Weise vor dem schmachvollen Scheitern bewahrt? Die Stelle kann wohl nicht abschließend geklärt werden. Fest steht lediglich, dass der Tod Jesu im Islam keine heilsrelevante Rolle spielt: Nicht dadurch, dass Christus den Tod besiegt hat, wird der Mensch erlöst, sondern allein durch den wahren Glauben und die Unterwerfung unter Gott.
Die Wiederherstellung des reinen Glaubens
Muslime glauben, dass Gott Mohammed, dem "Siegel der Propheten" durch den Engel Gabriel den wörtlichen Koran diktiert und sich damit den Menschen endgültig offenbart hat. Aber auch Jesus, der letzte und größte Vorgänger Mohammeds erhielt nach islamischer Überzeugung eine eigene Offenbarungsschrift: "al-Indschil", das Evangelium. Dieses Evangelium ist jedoch nicht identisch mit den vier Evangelien des Neuen Testaments. Darin hätten die Anhänger Jesu seine Lehre verfälscht und ihn nachträglich zum Gott erklärt. Der Islam versteht sich demgegenüber als religiöse Erneuerung, die den reinen Monotheismus wiederhergestellt hat.
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Muslime lehnen es ab, Jesus als Sohn Gottes zu verehren. Diese Lehre stamme nicht von ihm selbst, sondern sei von seinen Anhängern erst nachträglich in die Welt gesetzt worden. (Christusmosaik aus der ehemaligen Chora-Kirche in Istanbul)
Dieses theologische Reformprogramm kommt etwa in der fünften Sure zum Ausdruck: "Und wenn Gott sagt: O Jesus, Sohn Marias, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: 'Nehmt mich und meine Mutter außer Gott zu Göttern'?, wird er sagen: 'Preis sei dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe.'" (Sure 5, Vers 116) Die Schuld der Verfälschung liegt nach islamischer Überzeugung also nicht bei Jesus. Vielmehr kursierten zur Entstehungszeit des Koran die unterschiedlichsten Lehren über die Rolle Jesu und seiner Mutter und über das Verständnis der Trinität – mit teils sonderbaren Auswüchsen. Auf diese unübersichtlichen religiösen Verhältnisse bezieht sich der Koran in seiner Kritik. Das Bemühen der frühchristlichen Konzile dagegen, den Glauben an die Göttlichkeit Jesu mit dem monotheistischen Bekenntnis in Einklang zu bringen, konnten sich außerhalb des byzantinischen Reiches erst allmählich durchsetzen.
Die polemische Unterscheidung zwischen der erhabenen Stellung Jesu und dem irrgeleiteten Glauben der Christen hält sich bis heute in vielen Koranauslegungen. Berücksichtige man aber die historischen Zusammenhänge, so Khorchide, werde deutlich, dass der Koran nicht auf Ab- und Ausgrenzung aus sei, sondern im Gegenteil die Grundlage für den Dialog zwischen Christentum und Islam lege. Mit seiner Forschung will Khorchide zeigen, "dass der Koran Jesus nicht mit Mohammed vergleicht oder mit anderen Personen, sondern mit sich selbst, also mit der Offenbarung Gottes. Beide, der Koran und Jesus werden als Wort Gottes, als Geist Gottes, als Barmherzigkeit Gottes für die Welt bezeichnet." So bleibt die Person Jesu für Christen und Muslime zugleich Bindeglied und Stein des Anstoßes.
Von Moritz Findeisen
"Freund Gottes" und "Vater der Menge": Wem gehört Abraham?
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Bonn ‐ Wenn von den "abrahamitischen Religionen" die Rede ist, geht es um Judentum, Christentum und Islam. Doch dient der biblische Patriarch überhaupt als interreligiöse Identifikationsfigur? Denn jede der drei Glaubensüberzeugungen reklamiert Abraham für sich. Ein differenzierter Blick auf den Erzvater.
Im Alten Testament verheißt Gott Abraham, dass seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel sein werden. Auch wenn dieses Versprechen für den kinderlosen Greis wie Hohn geklungen haben musste, glaubte Abraham seinem Gott. Und das mehr als zu Recht, denn die Anhänger der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam berufen sich bis heute auf Abraham als Stammvater – und stehen zusammen für Milliarden Anhänger weltweit. Die große Bedeutung des biblischen Patriarchen wird durch die verbreitete Bezeichnung "abrahamitische Religionen" besonders hervorgehoben. Doch auch, wenn die Rede von den "Abrahamsreligionen" als eine Art "theologische Klammer" dient, um die Gemeinsamkeiten des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens zu betonen, hat der hohe Rang des Abraham auch eine andere Seite. Denn in jeder der drei Religionen dient diese Figur dazu, die Bedeutung der jeweils eigenen Glaubensgemeinschaft hervorzuheben – oft verbunden mit der Abwertung der anderen.
Sozusagen von Haus aus gehört Abraham zum Judentum, denn auch die Heiligen Schriften der Christen und Muslime wissen von ihm nur aus der jüdischen Überlieferung. In der Tora wird die Geschichte des Elternpaars Abraham und Sara erzählt, auf das sich das Volk Israel beruft. Die Israeliten verstehen sich als die von Gott verheißene Nachkommenschaft Abrahams, die durch die Geburt seines Sohnes Isaak ins Leben gerufen wurde. Dabei war die Bewahrung der nach damaligem Denken so wichtigen Stammlinie keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn die an dramatischen Episoden reiche Abrahamserzählung berichtet vom beinahen Tod des lange herbeigesehnten Sohnes: Abraham sollte auf Gottes Befehl hin seinen Sohn Isaak opfern und war dazu aus Treue auch bereit. Erst im letzten Moment, Isaak lag schon auf dem Opferaltar, rief ein Engel Abraham zurück und der Stammhalter überlebte.
Die Verheißung des Landes
Das besondere Gottesverhältnis des Abraham, das an der Opferung Isaaks deutlich wird, ist das grundlegende Motiv der biblischen Erzählung. Nur aufgrund seines Glaubensgehorsams und Gottvertrauens wagt er als alter Mann den wahnwitzigen Schritt, sich von seinem gewohnten Umfeld loszusagen und sich auf gefährliche Wanderschaft zu begeben. Gott macht Abraham deutlich, dass er ihn erwählt und zum Segen für die Welt bestimmt hat. Er verheißt ihm "das Land, das ich dir zeigen werde" (Gen 12,1), zu dem sich Abraham aufmacht. Gott gibt ihm sogar einen neuen Namen: aus dem ursprünglich Abram genannten Mann wird Abraham, was die Bibel als "Vater der Menge" (Gen 17,5) deutet. Gott schließt einen "ewigen Bund" mit Abraham und seinen Nachfahren, als die sich das Volk Israel bis heute versteht. Sichtbares Zeichen dafür ist die männliche Beschneidung, die in der damaligen Zeit im Vorderen Orient weit verbreitet war. Abraham ist somit der Stammvater der Israeliten und aufgrund seines Glaubens an den einen Gott der erste Jude. Im Alten Testament wird er deshalb als "Freund Gottes" (Jes 41,8) bezeichnet. Die Zusage Gottes erfüllt sich mit dem Einzug des Volkes Israel in das gelobte Land – ein biblisches Bild, das bis heute politische Sprengkraft besitzt.
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Abraham schickt Hagar und Ismael in die Wüste. Sara und Isaak sehen im Hintergrund zu.
Auch wenn die Berufung auf Abraham im Christentum keine derart bedeutende Rolle wie im Judentum und im Islam spielt, wird er in den Schriften des Neuen Testaments mehrfach erwähnt. Jesus ist gläubiger Jude und spricht in den Evangelien selbstverständlich vom "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" (Mk 12,26). Mit ihnen zu Tisch zu sitzen ist etwa im Matthäusevangelium ein Sinnbild für den Himmel. In diesem Kontext wird die Abrahamskindschaft neu definiert: Sie wird ausgeweitet auf Nichtjuden, die zum Glauben an den Gott Jesu kommen. Außerdem spricht das Neue Testament von der Möglichkeit, dass Juden ihren angeborenen Status als Kinder Abrahams verlieren können, wenn sie ihrem Glauben untreu werden.
Im Römerbrief hebt Paulus den Glauben Abrahams besonders hervor und nutzt ihn für seine theologische Argumentation: Das Vertrauen auf die Verheißung der Nachkommenschaft durch Gott sei Abraham als Gerechtigkeit angerechnet worden. Für Paulus ist das Nachdenken über die Erlösung durch Jesus Christus besonders wichtig. Er tritt dafür ein, dass jeder Gläubige aufgrund seines Glaubens gerettet ist und nicht aufgrund von Werken, die in dieser Überzeugung getan werden. Weil er ein Vorbild im Glauben ist und daher von Gott "gerecht" gemacht wurde, nimmt der Patriarch einen bedeutenden Platz in der Lehre des Apostels ein. Paulus sieht in Abraham sogar den christlichen Glauben an die Auferstehung vorweggenommen: Der Erzvater setzte sein Vertrauen auf Gott, das Nichtseiende schaffen zu können, indem er ihm Nachkommen verhieß. Für Paulus ist das ein Ausblick auf die Auferstehung. In seiner Theologie sind schließlich fortan Juden- und Heidenchristen durch ihren Glauben die wahren Kinder Abrahams. Im Galaterbrief kommt Paulus zudem auf die beiden leiblichen Abrahamssöhne Isaak und Ismael zu sprechen: Erster sei der Sohn einer Freien und damit ebenfalls ein freier Mann. Isaak wird mit den Christen gleichgesetzt, die durch ihren Glauben befreit seien. Ismael sei jedoch wegen seiner Geburt durch die Sklavin Hagar ebenfalls ein Sklave. Paulus sieht in ihm die Juden, die durch die Ablehnung des Evangeliums und das Festhalten am jüdischen Gesetz gleichsam versklavt seien.
Der Islam als "Religion Abrahams"
Die hohe Wertschätzung für Ibrahim, wie Abraham von Muslimen genannt wird, zeigt sich im Islam schon allein dadurch, dass die Religion im Koran "Religion Abrahams" (Sure 2,130) genannt wird. In der Heiligen Schrift der Muslime wird der Erzvater als "Prophet" bezeichnet und wegen seines Gottvertrauens gleichsam als Prototyp eines Anhängers des muslimischen Glaubens geschildert. Der Koran bezeichnet Ibrahim als "Hanif", was "fromm" bedeutet. Damit soll ausgesagt werden, dass er nach muslimischer Vorstellung kein Jude oder Christ war, die ihn für sich in Anspruch nehmen. Für Mohammed war ein "Hanif" ein Mensch, der keiner der Buchreligionen angehörte, aber auf der Suche war und sich dem einzigen Gott annäherte. Von dieser Wandlung des Ibrahim erzählt der Koran sehr ausführlich: Er wurde in einen Götzenkult hineingeboren, der die Gestirne als Götter verehrte. Ibrahim wendete sich jedoch von ihnen ab, da er im Aufgehen und Verschwinden von Sonne, Mond und Sternen deren Endlichkeit erkannte. Er wandte sich dem unendlichen Gott zu – ein Schritt, der ihn in einen Konflikt mit seinem Vater stürzte, den er zu bekehren versuchte. Schließlich verließ er ihn jedoch, da er in ihm einen Feind Gottes erkannte. In dieser Abrahamserzählung, die sich nicht auf eine biblische Tradition stützt, scheint wohl Mohammeds eigene Bekehrung durch. Auch der muslimische Prophet bezeichnete sich als "Hanif" und nimmt für sich in Anspruch, "Abraham am nächsten zu stehen" (Sure 3, Vers 68).
Mit seiner Berufung auf Abraham bemühte sich Mohammed auch, sein im Vergleich zum Judentum und Christentum spätes Auftreten zu relativieren. Durch den Bezug zu Abraham wollte er den Islam als eigentlichen Nachfolger und Erneuerer des Ein-Gott-Glaubens Abrahams darstellen. Diese Rückführung auf den Ursprung geschieht im Islam durch die Wiederherstellung des Monotheismus, den Mohammed bei den Christen als nicht mehr gegeben ansah, weshalb die Abrahamsgeschichte unter diesem Blickwinkel erzählt wird. Mohammed zieht Parallelen zwischen Ibrahim und ihm selbst: Er sieht in der Berufung des Erzvaters seinen eigenen Auftrag abgebildet. In die gleiche Richtung werden auch die alttestamentlichen Geschichten von Josef und Mose im Koran erzählt. Beide Male steht die Verkündigung des einen Gottes im Mittelpunkt, die Josef in der ägyptischen Gefangenschaft vollzieht und Mose gegenüber dem uneinsichtigen Pharao.
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In der Höhle Machpela liegen der Überlieferung zufolge die Ruhestätten der Erzväter Abraham, Isaak, Jakob und ihrer Frauen Sara, Rebekka und Lea.
Eine weitere feste Verwurzelung des Abraham im Islam geschieht durch seinen ersten Sohn Ismael. Als Kind des Patriarchen mit der Magd Hagar soll er als Erstgeborener die Stammeslinie sichern, doch als ihm in Erfüllung der Verheißung Gottes mit Isaak ein Sohn von Sara geboren wird, verbannt Abraham ersteren samt seiner Mutter in die Wüste. Ismael wird jedoch gerettet und zum Begründer des Volkes der Ismaeliten, das die Araber als ihren Ursprung sehen. Für die Araber, die von Mohammed als erste zum Islam bekehrt wurden, ist Ismael daher der wichtigere Sohn Abrahams und eine direkte Verbindung zum Patriarchen. Dazu passt, dass Abraham als Begründer der Wallfahrt nach Mekka gilt, einer der fünf wichtigsten Pflichten frommer Muslime, den sogenannten Säulen des Islam. Im Koran wird berichtet, dass er die Kaaba in Mekka errichtet hat, die "Stätte Abrahams" (Sure 3, Vers 96) genannt wird und Ziel der Pilgerreise ist. Nach koranischer Überlieferung hat Ismael ihm beim Bau des Heiligtums geholfen.
Wenn sich nun jede der drei "Abrahamsreligionen" auf den biblischen Patriarchen beruft und ihn als Begründer und Stammvater des eigenen Glaubens zumeist auf Kosten der jeweils anderen darstellt, dient die Figur Abrahams dann überhaupt noch als einende Klammer, die einen Dialog ermöglicht? In Abraham treffen gemeinsame einende und trennende Elemente aufeinander, deren Ursprünge in den frühen Rivalitäten zwischen den Glaubensgemeinschaften zu suchen sind: Christen nutzten Abraham, um ihn als Vorläufer ihres Glaubens darzustellen und ihn somit gegen Juden zu instrumentalisieren, die nicht zum Glauben an Jesus gekommen sind. Im Islam wird Abraham sogar abgesprochen, Jude oder Christ gewesen zu sein, obwohl diese Religionen in ihrer je eigenen Tradition Anspruch auf ihn erheben.
Noah und Mose: Bessere Identifikationsfiguren?
Andere biblische Gestalten, die ebenfalls in allen drei Religionen geschätzt werden, sind wesentlich eindeutiger. So sind etwa Noah oder Mose herausragende Glaubensgestalten des Alten Testaments, die an besonderen Zeitenwenden in der biblischen Geschichte stehen: Noah überlebt dank der Arche die Sintflut und ist nach Adam gleichsam ein neuer Stammvater der Menschheit. Mose führt das Volk Israel aus der Unterdrückung in Richtung des gelobten Landes und empfängt von Gott die Zehn Gebote. Nicht nur in der Tora und der Bibel, sondern auch im Koran kommen sie vor und werden beide als "Rasul", Gesandte Gottes, bezeichnet – ein Ehrentitel, der im Islam nur einigen der Propheten zuteil wurde.
Trotz aller Schwierigkeiten ist Abraham wohl noch immer die beste Wahl, um die Gemeinsamkeiten der drei großen monotheistischen Religionen auszudrücken. Kein anderer Prophet aus dem Alten Testament besitzt eine ähnliche Strahlkraft. Judentum, Christentum und Islam sind fest in der Person Abrahams verwurzelt – wenn auch mit je eigenen Nuancen. Diese gemeinsame Wurzel hat sich über die Religionen zwar verzweigt und aufgespalten, doch sie besteht fort. So können Juden, Christen und Muslime mit Fug und Recht als Nachkommen Abrahams bezeichnet werden. Der Patriarch macht somit noch heute seinem biblischen Namen alle Ehre: er ist zum "Vater der Menge" geworden.
Von Roland Müller
Beten, Fasten, Pilgern – Glaubenspraxis von Muslimen und Katholiken
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Berlin ‐ Ein Glaubensbekenntnis, man soll Almosen geben und die Gemeinde versammelt sich an einem Tag zum gemeinsamen Gebet: Auf den ersten Blick kommt Christen die muslimische Glaubenspraxis durchaus bekannt vor – doch es gibt zentrale Unterschiede.
Eines Tages sei ein mysteriöser Fremder auf den Propheten zugetreten und habe ihm gesagt: "O Mohammed, berichte mir über den Islam!" Und der Angesprochene soll mit folgendem Satz geantwortet haben: "Islam bedeutet, dass du bekennst, dass es keinen Gott außer Gott gibt und Mohammed der Gesandte Gottes ist, dass du das Gebet verrichtest und Almosen gibst, dass du das Fastengebot hältst und zum Haus deines Gottes pilgerst, wenn Du dazu in der Lage bist." Und auf diesem Satz fußt die gesamte muslimische Glaubenspraxis bis heute.
Der Austausch zwischen Mohammed und dem Fremden ist Teil des Gabriel-Hadith. Hadithe (wörtlich "Erzählung", "Überlieferung") sind Sammlungen von Aussagen oder Handlungen des Propheten. Neben dem Koran, der nach dem Glauben der Muslime wortwörtlich Gottes Offenbarung ist, haben die Hadithe einen hohen Stellenwert im Islam – je nach Strömung wird ihnen normativer Charakter zugestanden und ihr Studium gehört zu den zentralen Betätigungsfeldern muslimischer Theologen.
Der Gabriel-Hadith soll auf die Überlieferung Umar ibn al-Chattabs zurückgehen, eines Schülers Mohammeds und der zweite Kalif des jungen Islamischen Reiches. In Dialogform behandeln der Prophet und der Fremde Kerninhalte des muslimischen Glaubens. Am Ende geht der Fremde seines Weges und Mohammed verrät seinem Schüler al-Chattab, dass es sich um den Erzengel Gabriel gehandelt habe – so kam der Hadith zu seinem Namen. Dieser Text, fast eine Art kleiner Katechismus in Erzählform, definiert erstmalig die muslimische Gebetspraxis. Natürlich werden einige Inhalte bereits im Koran an verschiedenen Stellen angedeutet, doch hier gibt Mohammed eine konkrete Aufzählung ab, die in allen muslimischen Strömungen bis in die Gegenwart Widerhall findet.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Glaubensbekenntnis, fünfmaliges Pflichtgebet, Almosengeben, Fasten und – sofern gesundheitlich und wirtschaftlich möglich – die Wallfahrt nach Mekka: Diese Pflichten werden von allen Strömungen des Islam anerkannt, sie gelten für alle Muslime. Man nennt sie auch die "fünf Säulen" des Islam. Christen, zumal Katholiken dürften die muslimischen Glaubensgebote durchaus bekannt vorkommen. Und in der Tat lassen sich einige Gemeinsamkeiten ausmachen – doch an zentralen Stellen gibt es Unterschiede.
Verglichen mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis, das von den christlichen Kirchen des Westens gebetet wird, ist das "Shahada" genannte muslimische Glaubensbekenntnis recht kurz: "Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist." Die sich auf den Schwiegersohn Mohammeds und seine Nachfolger berufenden Schiiten fügen noch den Zusatz "Ali ist der Freund Gottes" hinzu. Alle Muslime bekennen sich mit dieser Formel zum Monotheismus. Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses gilt als "kosmische Wahrheit": Gott ist ein einziges, unteilbares Wesen. Hiermit grenzen sich Muslime auch vom christlichen Verständnis von einem Gott in drei Personen ab.
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In Innenraum der römischen Moschee.
Nach der "kosmischen Wahrheit" gilt der zweite Teil der Bekenntnisformel als für den Islam spezifische Wahrheit. Der Gläubige erkennt Mohammed als Gesandten Gottes an. Damit legitimiert er das durch den Propheten im Koran offenbarte Wort Gottes. Gleichzeitig bestätigt er Mohammed als Teil und letztes Glied der langen Kette der Propheten des Judentums und Christentums, da Jesus Christus im Islam nicht als Erlöser, sondern ebenfalls als Prophet angesehen wird. Um Muslim zu werden, bedarf es keines Rituals, das der Taufe vergleichbar wäre. Wer das Glaubensbekenntnis aufrichtig rezitiert, gilt als Muslim.
Beim Thema Gebet zeigt sich der zentrale Unterschied zwischen christlicher und muslimischer Auffassung: Im Christentum gibt es keine allen Gläubigen gleichsam vorgeschriebenen Gebetszeiten oder -formen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich verschiedene Traditionen gebildet, wie das dreimal tägliche Angelusgebet, das Rosenkranzgebet oder das Stundengebet, das Kleriker und geistliche Gemeinschaften verrichten. Generell hat der einzelne Gläubige jedoch einen großen eigenen Ermessensspielraum, sein Glaubensleben zu gestalten – inspiriert und herausgefordert durch das Bibelwort "Betet ohne Unterlass" (1Th 5,19).
Rechte Praxis und rechte Lehre
Während für Christen Inhalte der Lehre, wie etwa die Nächstenliebe, entscheidend sind und die Gebetspraxis eher unter persönliche Frömmigkeit oder Brauchtum fällt, ist das im Islam anders: Hier spielt die richtige Gebetspraxis eine wichtigere Rolle als die rechte Lehre. Natürlich unterschlägt kein gläubiger Muslim die Inhalte der "Shahada", doch geht es ihm sehr viel mehr darum, dass er die Glaubenspraktiken treu befolgt – und dass andere Angehörige der Glaubensgemeinschaft dies mitbekommen. Religiöse Gebote, die auch über die fünf Säulen hinausgehend das Leben der Muslime regulieren, haben große Bedeutung: Wer sich an alle Regeln hält, hat nach dem Tod gute Chancen auf einen sofortigen Einzug ins Paradies.
Das Pflichtgebet ist dementsprechend ein wichtiger Teil dieser regulierten, "richtigen" Glaubenspraxis: Fünfmal sollte ein Muslim am Tag beten. Vor Sonnenaufgang, am frühen Vormittag, am Mittag, vor Sonnenuntergang und vor Mitternacht. In Ausnahmefällen, etwa auf Reisen, ist es dem Gläubigen gestattet, das Mittags- und das Nachmittagsgebet sowie das Abend- und Nachtgebet zusammenzulegen, sodass nur dreimal täglich gebetet werden muss. Muslime verrichten das "Salat" genannte Pflichtgebet in Richtung Mekka, dem Standort der Kaaba. Imam und Gemeinde rezitieren bestimmte Gebete und Koranverse, wobei sie genau festgelegte Bewegungsabfolgen – Stehen, Knien, sich Niederwerfen, sich zum linken und rechten Nachbarn wenden – ausführen.
Die Gebete für die entsprechende Tageszeit laufen jeden Tag exakt gleich ab, nur freitagmittags ist alles ein bisschen anders. Während die restlichen Gebetszeiten der Woche in einer kleinen Moschee oder auch Zuhause verrichtet werden können, sind Männer und Jungen ab der Pubertät verpflichtet, sich am Freitag in einer großen Moschee zu versammeln. Für Frauen ist der Besuch des Freitagsgebetes empfohlen. Der zentrale Unterschied zum Mittagsgebet an anderen Tagen ist die "Chutba" oder Freitagspredigt, die vor dem eigentlichen Gebet gehalten wird. Der Imam oder ein anderer Redner spricht dabei über ein Thema seiner Wahl, oft mit aktuellem Bezug, und gibt den Gläubigen Ratschläge für ein gottgefälliges Leben.
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Ein Muslim betet in einer Moschee.
Nach muslimischem Verständnis ist der Freitag kein besonderer Tag an sich, erst das gemeinschaftliche Gebet verleiht ihm einen herausgehobenen Charakter. Deshalb fällt ein Vergleich mit dem Sonntag der Christen schwer. Natürlich versammeln sich im Islam wie im Christentum die Gläubigen zum Gebet. Doch während in einer katholischen Messe Jesus Christus in der Eucharistie wahrhaft gegenwärtig ist, steht beim Freitagsgebet das Rezitieren der Koranverse durch die Gemeinde im Vordergrund – das Wort "Koran" heißt übersetzt "Lesung", "Rezitation". Der Islam kennt nicht nur keine Sakramente, auch ein Priestertum wird abgelehnt: Der Imam ist zwar besonders ausgebildet, aber Laie wie alle anderen auch, er nimmt bloß die Rolle des Vorbeters ein.
Der Freitag als Sonntag der Muslime?
Zudem ist der Freitag für Muslime traditionell kein arbeitsfreier Tag, im Gegenteil. Im Medina der Zeit Mohammeds war der Freitag der wohl geschäftigste Tag der Woche: Weil dort zwei große jüdische Stämme lebten, war der Tag vor dem Sabbat Markttag, an dem viele Leute in der Stadt und auf den Straßen waren. Diesen Umstand nutzte Mohammed, um am Freitag vor einer größtmöglichen Zahl seiner Anhänger Recht zu sprechen und Anweisungen für ein gottgefälliges Leben zu geben. Daraus entwickelte sich das Freitagsgebet, das diesen gemischten Charakter aus Gebet und Auslegung der religiösen Gesetze auch heute noch besitzt.
Während der Stunde des Freitagsgebets hat der gläubige Muslim alle Arbeit ruhen zu lassen. Ist die Stunde des Betens jedoch vorüber, so heißt es im zehnten Vers der Sure 62, "dann könnt ihr euch nach Lust im Land umher zerstreuen und dürft Reichtum von der Gnade Allahs zu erlangen suchen". Weil der "Tag der Versammlung" eben mit dem Markttag auf den gleichen Tag fiel, mussten das Tagewerk der Menschen und der Handel vor und nach dem Gebet möglich bleiben. Den Charakter eines Ruhetages hat der Freitag erst durch den Einfluss des arbeitsfreien Sonntags der westlichen Gesellschaften erhalten. Der katholische Theologe Hans Zirker schreibt in einem Artikel dazu: "In Anlehnung an ihn und gleichzeitig in der Absicht, sich von ihm abzusetzen, haben die meisten islamischen Staaten den Freitag als einen von öffentlicher Arbeit entlasteten Tag eingeführt."
Unter einer weiteren der fünf Säulen, dem "Zakat", verstehen die Muslime die Abgabe eines bestimmten Teils ihres Besitzes zugunsten anderer Muslime. Empfänger sind hauptsächlich Arme und Bedürftige, aber auch Menschen, die für den Islam gewonnen werden sollen, Verschuldete und Reisende. Die Aufforderung, Almosen zu geben, wird im Koran etwa damit untermalt, dass derjenige, der gibt, sich dadurch läutert und nicht im Höllenfeuer landet. Am Ende des Ramadan gibt es einen besonderen Zakat. Auch im Christentum gibt es den Gedanken, bedürftige Menschen durch Geld- und Sachspenden zu unterstützen – hier gilt er jedoch ungeachtet der Religionszugehörigkeit für alle Menschen. Die Nächstenliebe predigt Jesus in der Bibel sehr prominent, etwa wenn er von den Sieben Werken der Barmherzigkeit spricht, wie Nackte bekleiden, Kranke besuchen und mit Hungernden Essen teilen. Insbesondere während der Fastenzeit und im Advent sind Christen dazu aufgerufen, Almosen zu geben.
Fasten und Spenden gehen zusammen
Auch im Islam hängen Almosengeben und Fastenzeit zusammen. Das Fasten, "Saum" genannt, ist die vierte Säule des Islam und findet während der 30 Tage des neunten Monats des muslimischen Mondkalenders "Ramadan" statt. In dieser Zeit gedenken Muslime der Offenbarung des Korans durch Gott an die Menschen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darf nicht gegessen, getrunken oder geraucht werden. Erst abends geschieht das sogenannte Fastenbrechen, eine oft opulente Mahlzeit im Kreise der Familie, die besonders zelebriert wird. Vom Fasten ausgenommen sind kleine Kinder, kranke Menschen, stillende Frauen und Reisende. Am Ende des Ramadans steht "Eid al-Fitr" ("Fest des Fastenbrechens", im türkischen Kontext auch "Zuckerfest" genannt), das das höchste muslimische Fest darstellt und an dem ein besonderer "Zakat" entrichtet wird.
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Die Kaaba in Mekka ist das zentrale Heiligtum des Islam und Ziel der Pilgerfahrt Haddsch.
Christen kennen Fastenzeiten vor den kirchlichen Hochfesten Weihnachten und Ostern. In dieser Zeit versuchen sie sich durch Fasten und Gebet auf die Feier der Geburt und Auferstehung Christi vorzubereiten. Früher galten Mittwoch und Freitag noch als Fasttage, da an ihnen dem Verrat und der Kreuzigung gedacht wurde – dieser Brauch wird jedoch von der Mehrheit der Katholiken nicht mehr praktiziert. Fastenimpulse orientieren sich heute auch nicht mehr ausschließlich an Nahrungs- und Genussmitteln. Längst gibt es Aktionen, die Auto-Fasten oder Smartphone-Fasten propagieren.
Beide Religionen teilen die Tradition der Wallfahrt, wenn auch mit je verschiedenem Fokus: Der "Haddsch" ist die Pilgerfahrt nach Mekka, die alle Gläubigen einmal im Leben unternehmen sollen. Sie ist religiöse Pflicht, doch nicht für alle Muslime. Im Vers 97 der dritten Koransure werden Männer und Frauen dazu aufgerufen, "sofern sie dazu Möglichkeit finden". Wer also in Armut lebt oder zu krank ist, muss nicht zur "Kaaba" wallfahrten. Die "Kaaba" (wörtlich "Würfel") ist das zentrale Heiligtum der Muslime. Das "Haus Gottes" soll von Adam errichtet und nach der Zerstörung durch die Sintflut von Abraham und seinem Sohn Ismael wiederaufgebaut worden sein.
Heiligenverehrung – auch im Islam ein Streitthema
Neben dem Haddsch unternehmen die Angehörigen der jeweiligen Strömungen des Islam noch weitere, meist kleinere Wallfahrten. Während strenggläubige wahhabitische Saudis oder Salafisten eine Heiligenverehrung kategorisch ablehnen, wird sie im Sufismus, einer mystischen Strömung des Islam, durchaus praktiziert. Als "Freunde Allahs" werden einige wichtige religiöse Führer oder Gelehrte auch von anderen Muslimen an ihren Gräbern verehrt. Je nach Strömung des Islam pilgern die jeweiligen Angehörigen zu den besonderen Orten ihrer Stifter oder Missionare.
Das ist ganz ähnlich zu dem Heiligenkult der frühen Christen, der sich auf die Grabstätten von Märtyrern konzentrierte. Wie im Christentum gibt und gab es auch im Islam Auseinandersetzungen über die Heiligenverehrung, die schnell in Aberglauben abdriften konnte – statt den Heiligen als Fürsprecher bei Gott zu verehren, wurde nun der Heilige selbst angebetet. In der Kirchengeschichte führte das zu Abspaltungen und Reformation. Da der Islam nicht zentral organisiert ist und somit keine Autorität den Heiligenkult allgemeingültig verbieten oder zulassen konnte, existieren heute (auch durch die teilweise großen Entfernungen zwischen den jeweiligen Gemeinschaften) verschiedene Auffassungen nebeneinander. Doch auch hier kam und kommt es zu teils gewaltvollen Auseinandersetzungen darüber. So zerstörten und schändeten die Anhänger der Terrormiliz IS nicht nur Kulturerbestätten und heilige Orte anderer Religionen, sondern auch ganz gezielt Heiligengräber oder Schreine anderer muslimischer Gruppierungen.
Gott bekennen, Beten, Fasten, Pilgern – Muslime und katholische Christen haben oft ganz ähnliche Glaubenspraktiken. Die können durchaus einen Anknüpfungspunkt für Dialog zwischen den Religionen sein. Damit diese Verständigung gelingt, braucht es auf beiden Seiten allerdings auch ein Bewusstsein für das unterschiedliche Verständnis dieser Begriffe.
Von Cornelius Stiegemann